Schulleitung – Wohin des Weges?

Die Entwicklung der Schulleitungstätigkeit befindet sich für mich an einer Weggabelung: Entweder die Schulleitungen werden als schulische Führungspersonen weiter professionalisiert oder Schulleitungen werden wieder abgeschafft und ihre Tätigkeit wird auf eine oder mehrere Rollen in einem selbstorganisierten Team verteilt. Beide Szenarien finde ich prüfenswert. Ich möchte nicht gewisse Möglichkeiten Vornherein ausschliessen, sondern gerade auch extreme Möglichkeiten zumindest andenken.

Ich habe diesen Blogbeitrag für den Schulführungsblog der PHZH geschrieben. Den ganzen Artikel findet ihr hier.

Corona als Zerreissprobe

So langsam dauert die Pandemie an und Covid-19 bleibt das dominierende Thema (wenn nicht gerade ännet dem Teich Präsidentschaftswahlen sind). Darum habe ich letzthin auf dem Velo ein paar persönliche Gedanken dazu zusammengetragen.

Corona ist für mich eine emotionale Zerreissprobe. Es gibt Tage, welche mega schön sind, es ist tolles Wetter, die Sonne scheint und die Welt scheint in Ordnung zu sein. Jedes Mal, wenn sich neue (meist strengere) Massnahmen ankünden, merke ich, wie ich abtauche und denke: „Nein, nicht schon wieder!“ Die Massnahem bewirken ein Gefühl des Ausgeliefertseins, eine gewisse Ohnmacht und auch Unsicherheit, weil wieder alles anders ist. Ich versuche dann dankbar zu sein für alles, was (noch möglich) ist damit ich mich wieder hochhangeln kann. Die Dankbarkeit lässt mich Möglichkeiten sehen, um handlungsfähig zu bleiben.  

Bis jetzt merkte ich nach jedem Taucher: „Ah doch es geht, wir finden einen Weg, als Familie und in der Schule.“ Und gleichzeitig stelle ich auch fest, dass das Ab- und Auftauchen Energie braucht und mich ermüdet. Verschiedene Bekannte haben mir Ähnliches geschildert, dass sie eher dünnhäutiger und gereizter sind und die ganze Situation satthaben. Viele sind gestresst vom Homeoffice, von Existenzsorgen und auch von den Kindern, die weniger Programm haben, weil die Trainings ausfallen. Die Nerven liegen ab und zu blank.

Im Heft schulpraxis 2/20 sagt Margrit Lauper: „Wenn Menschen Schwieriges erleben, Stress haben, neigen sie dazu, das Schöne, den Seelenbalsam zu streichen“ (S.13), dabei sei es wichtig gerade den Seelenbalsam zu leben. Sie sagt weiter, dass sie in solch überfordernden Situationen versucht das Steuer wieder selbst in die Hand zu nehmen: „Ich halte mich an Regeln, suche aber Lücken.“ Genau das ist es, was ich mit handlungsfähig bleiben, meine: sich nicht der Ohnmacht zu ergeben und nach dem zu suchen, was noch möglich ist.

Hier versuchen wir als Schule mit der SchatzZeit (siehe www.besserfuehlen.ch/news) und neu auch mit dem Experiment Draussenschule (siehe www.silviva.ch/draussen-unterrichten/) anzusetzen und uns, wie auch den Kindern, Seelenbalsam zu schenken.

Eine neue Studie zur psychischen Gesundheit von Kindern zeigt auf, dass „Zweidrittel der Kinder und Jugendlichen angeben, dass sie hoch belastet sind durch die COVID-19 Pandemie.“ Es gibt viele Unterlagen und Material für Lehrpersonen und Eltern dazu: Take-care ZAHW, Mindmatters, Schulfach Glück, Berner Gesundheit.

Wir suchen im Schulalltag immer wieder die Balance zwischen den Aufträgen die „Schule so normal wie möglich stattfinden zu lassen“ und den „aktuell geltenden Corona-Regeln“. Dazu haben wir uns schon im Lockdown folgende Grundsätze vorgenommen:

  1. Ich übernehme Verantwortung für mein Handeln (auch gegenüber andern). 
  2. Ich nehme mein Gegenüber ernst, auch wenn ich seinen/ ihren Standpunkt nicht verstehe und vertrete. (Ich bin nicht die Norm) 
  3. Wenn mich eine Handlung des Gegenübers irritiert frage ich nach den Gründen. (Ich verurteile nicht voreilig)

Ich bin überzeugt, dass uns diese Grundsätze helfen das Gemeinsame vor das Trennende zu stellen. Es ist ein bewusster Entscheid, dass uns Corona nicht zerreissen soll. In diese, welche die Massnahmen völlig „bescheuert“ und übertrieben finden und solche, die sich sorgen, dass viel zu wenig strenge Massnahmen ergriffen werden und andere, welche zwar nicht einverstanden sind mit den Massnahmen, aber sich reinschicken.

Jede Person geht unterschiedlich mit den Regeln und der Situation um. Gerade durch die Dünnhäutigkeit und Gereiztheit geht einem von der eigenen Meinung abweichendes Verhalten eher „auf den Keks“ und der Geduldsfaden reisst früher als sonst. Wenn wir gegenseitig Verständnis haben füreinander, grosszügig sind und anerkennen, dass jede Person auf ihre Art versucht zurechtzukommen, dann finden wir auch weiterhin den gemeinsamen Weg.

Wandeltiefe und #FlexSchule

Wandeltiefe meint, wie radikal ein Wandel, eine Veränderung sein darf und soll.

Bezogen auf Raumkonzepte wurde mir der Begriff von Katharina Lenggenhager schulraumentwicklung.ch vermittelt. Sie erklärte uns, dass beim Neudenken von Schulraum die bauliche Eingriffstiefe beachtet werden muss. Dies bedeutet, dass Veränderung nicht als schwarz oder weiss, sondern in einem Kontinuum zwischen: Möbel umstellen, Wand bemalen, und einen Lernort neu bauen besprochen werden können. Zudem macht es Sinn nicht in Sachen und Räumen zu denken, sondern in Tätigkeiten. Was soll in einem Lernraum getan werden können.

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Verben sortiert nach baulicher Eingriffstiefe (Quelle: Katahrina Lenggenhager)

Es liegt auf der Hand, dass schlafen durch die Organisation einer Matratze einfacher möglich ist als klettern, natürlich je nach Ort. Der Kontext, also der Ort, die Situation und die Veränderungsbeteitschaft resp. -druck begrenzen zusätzlich das, was aktuell möglich scheint.

Die verschiedenen Debatten und Initiativen rund um die Veränderung der Schule setzten an ganz unterschiedlichen Wandeltiefen an. Es gibt Initiativen, die grundsätzlich die Abschaffung der Institution Schule wünschen, um das Lernen radikal zu befreien und andere wünschen sich mehr partizipative Strukturen, indem Kinder Schule mitgestalten dürfen. Wieder andere fordern die Lektionen abzuschaffen und die Anfangs- & Schlusszeiten zu öffnen.

Als Schulleiterin einer Volksschule bin ich für die Schule als Institution, weil das System trotz seiner breit diskutierten Mängel doch auch eine Errungenschaft ist. Alle Kinder (Mädchen, Wenigerbegüterte etc.) dürfen (müssen) gratis zur Schule gehen und Grundfertigkeiten lernen, die sie befähigen am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Trotz allem kann ich auch den Wunsch nach Veränderung spüren. Es liegt was in der Luft. Ich bin dafür nicht nur im System, sondern auch am System zu arbeiten. Dazu habe ich einen Entwurf zur #FlexSchule geschrieben. Wen es interessiert, wie Präsenz-& Fernunterricht oder Präsenz-& Heimunterricht kombiniert werden könnten, findet die zwei Papiere unten.

„Die einzige Konstante im Leben ist die Veränderung“, sagte Heraklit. Jedoch haben wir oft Spielraum bei der Wandeltiefe.

 

2020_05_24_FlexSchule_Fern_CC_Web

2020_06_01_FlexSchule_Heim_CC_Web

Eine denkwürdige Reise

Das Format Denkreise ist kein Kurs. In den drei Tagen, welchen wir uns als Gruppe mit der Schule 2030 im Zeitalter des Digitalen Wandels auseinandergesetzt haben, würde ich dem Namen entsprechend als ergebnisoffene Reise bezeichnen. Dabei entwickelte sich eine unglaubliche Energie, die mich persönlich nachhaltig beflügelt hat.

Denkreise ist … Die Energie aus dem gemeinsamen Tun in den Alltag überschwappen lassen.

Mich faszinierte an dieser Denkreise vor allem, wie es dazu kam, dass wir in diesen Modus der Energie gelangten. Dazu meine ganz persönlichen Gedanken.

Heike Bruch und Bernd Vogel  (2005) schreiben in ihrem Buch „Organisationale Energie“, dass eben die Energie einer Firma, oder hier bei uns einer Gruppe, wesentlich dafür ist, wie sie performt. Energie ist jedoch so ein „flutschiger“ Begriff, der nur schwer fassbar und beschreibbar ist, weil er gefühlt werden muss. In ihrem Modell beschreiben sie, dass sich Gruppen entweder in der produktiven Energie, der angenehmen Trägheit, der resignativen Energie oder korrosiven Energie befinden können. Ich würde nun mal behaupten, dass sich Schulen oft in der angenehmen Trägheit befinden. Der Alltag läuft mehr oder weniger geschmeidig und die Rollen und Aufgaben sind klar (siehe Blogbeitrag, runterscrollen).

Um nun eine Gruppe in die produktive Energie zu bewegen und damit den Möglichkeitsraum zu öffnen, sagen Bruch und Vogel, dass ein sogenannter „Sense of Urgency“ hergestellt oder empfunden werden muss. Bevor überhaupt etwas passiert, muss gefühlt und werden, dass etwas passieren sollte. Dies kann einerseits durch eine Krise oder Zukunftschancen ausgelöst werden.

Denkreise ist … Gemeinsam Zukunftschancen entwickeln und erste Schritte planen.

Die Mobilisierung von Energie durch eine Krise haben wir während der Schulschliessung durch die Corona-Pandemie erlebt. Was in dieser kurzen Zeit an Neuem, vor allem auch im digitalen Bereich an den Schulen aufgebaut wurde, das ist unglaublich.

Bei der Denkreise haben wir als Gruppe nun erlebt, wie durch Zukunftschancen genau diese produktive Energie auch freigesetzt werden kann. Natürlich waren alle Personen, die sich für die Denkreise angemeldet haben auch Willens sich berühren und irritieren zu lassen und brachten eine grosse Offenheit mit. Die Offenheit schloss auch die Akzeptanz und Würdigung der einzelnen Teilnehmenden und deren Ideen ein. Diese Voraussetzung macht es natürlich etwas leichter zu starten. Für mich ist es dennoch erstaunlich, dass sich rund 25 Personen, welche sich mehrheitlich vorher nicht kannten, in so kurzer Zeit so viel Möglichkeiten erdenken konnten.

Denkreise ist … Die Würde des Menschen ins Zentrum zu stellen.

Rahel und Felix schafften es die vorhandenen Ressourcen der Gruppen zu aktivieren. Sie führten uns an inspirierende Orte und passten fortlaufend das Programm den Bedürfnissen der Gruppe an. Sie gaben meist den Rahmen und die Methoden vor, liessen aber den Teilnehmenden inhaltlich viel Mitwirkungsplatz. Dies war nur möglich, weil sie selbst keine fixe Vorstellung hatten, was bei der Denkreise herauskommen sollte. Sie hielten die Unsicherheit aus, zeigten eine hohe Chaoskompetenz und legten das Gelingen in die Verantwortung der Gruppe. Der Raum war echt offen und konnte von den einzelnen Personen gefüllt und gestaltet werden. Und das passierte!

Denkreise ist … Jeder bringt sich ein und jede nimmt was mit.

Genau diese Rolle der Ermöglichung und der Gestaltung von partizipativen Prozessen ist für mich die Aufgabe der Leitung. Ob dies nun in der Schule ist oder sonstwo. Leiterinnen und Leiter müssen nicht (besser) wissen, was zu tun ist. Sie müssen nicht selbst eine Vision haben für die Schule 2030 oder für ein neues Produkt. Ihre Vision ist mehr eine Haltung oder moderner ausgedrückt das Mindset des Ermöglichens, des Begleitens, des Unterstützens und des Stärkens und darauf Vertrauen, dass die Chancen in den Menschen schon da sind.

Dazu gehört auch dafür zu sorgen, dass die hochfliegenden Gedanken und Ideen Auswirkungen auf das Heute, die Gegenwart haben und ein erster Schritt in die gemeinsame Richtung vereinbart wird.

Ich hoffe, dass es noch ganz viele Denkreisen zu den verschiedensten Themen und Fragestellungen geben wird. Dass immer mehr Menschen entdecken, dass es unheimlich Spass macht und Energie freisetzt gemeinsam Zukunftschancen zu ersinnen und mit einer ungefähren Vorstellung dann einfach mal zu machen.

Denkreise ist … Den Kopf in den Wolken und die Füsse auf dem Boden.

 

Hinweis: Die Denkreise zur Schule 2030 wurde von Rahel Tschopp und Felix Hollenstein organisiert (Juli 2020).

Bildung als utopische Möglichkeit

Essay zu „Antihumanismus, Transhumanismus, Posthumanismus – Bildung nach ihrem Ende“ von M. Wimmer (2019)

In diesem Essay soll es darum gehen, wie „Möglichkeiten“ zu Bildung werden können. Nach Wimmer ist nicht jede persönliche Erfahrung oder Veränderung automatisch schon Bildung oder nutzt die Möglichkeit zur Bildung, sondern seiner Meinung nach entsteht erst sowas wie Bildung, wenn damit das Eigene durch das Fremde irritiert wird (S.5). Wimmer geht in seinem Text zum Antihumanismus etc. auf die Frage ein, was mit „der Bildung“ in der ganzen Breite des Begriffs nach ihrem Ende geschehe. Er hat nicht den Anspruch einen posthumanistischen Bildungsbegriff zu definieren, sondern will „lediglich das Terrain sondieren, um etwas mehr Klarheit darüber zu bekommen, wonach eigentlich zu fragen wäre, wenn man heute nach der Möglichkeit von Bildung fragt“ (S.2).

Nach Masschelein und Ricken (2003) zeigen sich zwei Bedeutungskerne von Bildung. Einerseits als Wissenskanon, der auf das humanistische Bildungsideal von Humboldt zurückgeht und andererseits als spezifische Art der Selbsterschaffung und Selbstoptimierung, nicht nur in Schulen, sondern in allen Bereichen der Gesellschaft (vgl. p.141).

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Die Möglichkeit der Selbsterschaffung und Selbstoptimierung des Menschen unterstellen die Funktionalität derselben als ökonomische Erfordernis, welche sich über die Selbstkontrolle durch pädagogische Prozesse vollzieht. Bildung verkommt zur Ware (S.3) und die Individualisierung als Subjektivierungsform ist das Werkzeug dazu (S.4).

Wimmer stellt in seinem Text den Bildungsbegriff, als in Aussicht gestellte Möglichkeit dar, und betont, dass Bildung schon immer einen utopisch-fiktionalen Charakter hatte (Vetter, o.J.). Die Möglichkeit des Scheiterns und ihre eigentliche Unmöglichkeit wurde auch schon im humanistischen Bildungsideal mitgedacht (S.5).

Insofern zeigt Wimmer auf, dass Bildung eine Utopie, eine Unmöglichkeit, im Sinne eines paradoxen Verhältnisses der Vorhersage von etwas Unvorhersagbarem, ist. Nach Massschelein und Ricken (2003, p.142) war Bildung immer schon auch ein Versprechen in der Zeit. Eingebettet in eine konstituierende Vergangenheit und eine unsichere Zukunft.

Bildung war schon immer ein Versprechen in der Zeit.

Das „in der Zeit sein“ eröffnet nicht nur, die Andersmöglichkeit der Bildung zu denken, sondern führt nach Wimmer unweigerlich dazu, auch die Andersmöglichkeit des Menschen in Betracht zu ziehen (S.16). Ricken (1999) schreibt dazu: „Menschen müssen sich zu sich selbst verhalten, wollen sie sich selbst verstehen“ (S.209). Dabei stellt sich das Problem, dass Menschen immer schon in die Gedanken über ihre eigenen Differenzen, verwickelt sind. Die zu bearbeitenden Differenzen werden daher meist in Hierarchien gedeutet und führen zum Schema von „Noch nicht“ und „Aber dann“ (S.210). Gerade in Bezug auf Kinder kommt das Schema als Versprechen des „Noch nicht“, „Aber dann“ in seiner ganzen Kraft zur Anwendung. Kinder müssen zuerst zu Menschen erzogen und gebildet werden, weil sie „Noch nicht“ vollwertig sind. Hier wird nicht nur der Humanismus als Höherstellung des Menschen über die „Schöpfung“ sichtbar, sondern auch der Adultismus als diskriminierendes Verhalten von Erwachsenen gegenüber Kindern (Naiv-Kollektiv).

Kinder müssen zuerst zu Menschen erzogen und gebildet werden, weil sie „Noch nicht“ vollwertig sind.

Auch Wimmer (2019) bezeichnet in seinem Text zur „Fremdheit der Generationen“ die Kindheit als „ein Kindheitsgefängnis in Gestalt eines Vorstellungssystems“, welches im Zuge der Rationalisierung und Verwissenschaftlichung des Kindes entstanden ist und „aus dem es kein Entkommen gibt“ (S.292). In dieser Denkweise ist Bildung keine Möglichkeit, sondern eine Notwenigkeit überhaupt erst Mensch zu werden.

Das Versprechen der Bildung ans „Noch nicht“ und „Aber dann“ wird aktuell nicht als Versprechen, sondern als Verheissung gehuldigt, als machbares Lebensziel. Bildung wird nicht als prekär und von Zufall und Scheitern eröffnete Möglichkeit gesehen, sondern als machbare Utopie und vorhersagbare Zukunft „verkauft“. Insofern könnte die Coronakrise auch aufzeigen, wie instabil und krisenanfällig unsere Gesellschaft und unsere Vorstellungssysteme sind und wie utopisch es ist Bildung als Verheissung der Zukunft des Menschen zu betrachten.

Bildung wird nicht als prekär und von Zufall und Scheitern eröffnete Möglichkeit gesehen, sondern als machbare Utopie und vorhersagbare Zukunft „verkauft“.

Zwar sagt Wimmer, dass er keinen neue Bildungsbegriff definieren will (S.2) und doch prägt er mit seinem Versuch die richtigen Fragen zu einem posthumanistischen Bildungsbegriff zu stellen, eine gewisse Eingrenzung und Definition des Möglichkeitsraumes.

Zusammenfassend könnte gesagt werden, dass Bildung in sich gewisse Möglichkeiten beinhaltet und gleichzeitig die Unmöglichkeit dieser Möglichkeiten, ihr Versprechen und Scheitern schon immer inkludiert ist. Trotz der wachsenden Möglichkeiten und der zunehmenden Schwierigkeit das Mögliche als fremd zu erfahren, spricht sich Wimmer dafür aus sich immer wieder irritieren zu lassen und in der Möglichkeit im Anderen innezuhalten. Somit ist Bildung das Innehalten im unerwarteten Fremden, das uns in uns selbst oder in unserem aussen überrascht und die Grenzen des Möglichen sichtbar und fühlbar macht. Durch die Irritation der Grenzen der eigenen Möglichkeits-Vorstellung wird die subjektive Wirklichkeit als eine höchst unsichere Angelegenheit erlebbar. Das Subjekt selbst erlebt sich nicht nur handelnd, sondern ist auch ausgesetzt.

Somit ist Bildung das Innehalten im unerwarteten Fremden, das uns in uns selbst oder in unserem aussen überrascht und die Grenzen des Möglichen sichtbar und fühlbar macht.

Insofern könnte posthumanistische Bildung das Ziel haben sich nicht nur als immer schon vollwertiges Subjekt das Selbst und die Welt anzueignen, sondern in allem auch die Unsicherheit gegenüber dem Anderen in sich selbst, in der Umgebung, der Technik und der Zukunft weder „neutralisieren“ noch hierarchisch codieren zu wollen (S.7), sondern darin innezuhalten.

 

Literatur:

Naiv-Kollektiv. ADULTwaahs?. Besucht am 26.04.2020 von https://www.naiv-kollektiv.org/

Masschelein, J.; Ricken, N. (2003). Do We (Still) Need the Concept of Bildung? Educational Philosophy and Theory, 35:2, 139-154.

Ricken, N. (1999). Subjektivität und Kontingenz. Pädagogische Anmerkungen zum Diskurs menschlicher Selbstbeschreibungen. In Vierteljahreschrift für wissenschaftliche Pädagogik (S.208-237).

Vetter, Ch (o.J.). Rezension zu Michael Wimmer: Posthumanistische Pädagogik (2017). https://www.socialnet.de/rezensionen/22966.php

Wimmer, M. (2019). Posthumanistische Pädagogik. Unterwegs zu einer poststrukturalistischen Erziehungswissenschaft. Paderborn: Verlag Ferdinand Schöningh.

Warten auf die Schule

Nun beginnt das grosse Warten auf die Schule. Die Kinder wissen, dass sie in einer Woche wieder zur Schule gehen dürfen. Jeder Tag des Wartens trennt sie nun davon. Der Fernunterricht, das Spielen und Draussen sein, sind zwar okay, aber nach acht Wochen auch etwas monoton. Die Tage ähnlich, ob Wochentag oder Wochenende unterscheidet sich nur durch die Freiwilligkeit der Aktivitäten. Einer unsere Jungs sagte: „Es ist einfach langweilig, also nicht, dass ich zu wenig zu tun habe. Aber es ist nicht das, was ich am liebsten machen würde: Mit meinen Freunden zusammen sein.“

Im Warten bin ich in einem Zustand des Kommenden. Die Toleranz das Nicht-zu-Ändernde positiv zu sehen ist nicht mehr so gross wie zu Beginn der Schulschliessung als alles aufregend war. Routine hat sich eingestellt. Emotionen gehen hoch, weil der Zustand schon länger andauert und das Ziel noch nicht da ist. Antriebslosigkeit zeigt sich, weil der Ersatz nicht das Ziel ist.

Es ist nicht das, was ich am liebsten machen würde: Mit meinen Freunden zusammen sein.

Die Schule findet wieder statt. Erst in einer Woche. Vorfreude und Abwarten können ein Gefühlschaos in den Kindern verursachen.
Wir Eltern können sie dabei unterstützen und Verständnis zeigen. Dabei müssen wir auch unsere eigene Ängste und limitierten Kräfte ernst nehmen.

Ich wünsche dir (und mir!) Geduld mit den Kindern und mit dir selbst für die nächste Woche. Und ich freue mich auch, dass die Schulen wieder öffnen! Gemeinsam gehen wir die Herausforderung an.

Zu diesem Post hat mich ein Gespräch heute Morgen mit meinem Sohn inspiriert und der Nachtclub vom Mi, 29.04.2020, als ein Mädchen um ca. 22.30 Uhr Ralph Wicki anrief, um zu erzählen, dass sie sich so sehr auf die Schule und ihre Freundinnen freut. Hier der Ausschnitt:

Den Möglichkeitsraum öffnen

Das Handeln, Denken und Wahrnehmen im Alltag spielt sich im Spannungsfeld zwischen Gewohnheiten und Krisen ab (Schäfer, 2012). Dieses Spannungsfeld ist prekär und von Zufall geprägt, entgleitet also weitgehend der bewussten Kontrolle. Zweifel, Irritationen und Visionen können zu Krisen führen oder auch Zukunftschancen eröffnen, welche Gewohnheiten herausfordern und Chaos provozieren. Im Chaos finden sich die verschiedensten Un-Worte, wie Unsicherheit, Unvorhersehbarkeit, Unbestimmtheit, Unwissenheit usw., welche ausdrücken, dass der Zustand ein unangenehmer ist und schnell wieder aufgelöst werden sollte. Jedoch birgt das Innehalten im Chaos einen Möglichkeitsraum für die Öffnung des Handelns, Denkens und Wahrnehmens. Dies kann analog der Theorie U von Scharmer (2013) durch Transformation (Umstrukturierung, Rekontextualisierung), Erfahrung (Neuorientierung), Reflexion (Loslassen, Kommenlassen) und Inkorporierung (Hervorbringen) durchlebt werden. Schliesslich stabilisiert sich eine Krise wieder in neuen Gewohnheiten und Strukturen (Abb.1).

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Das Innehalten in der Krise ist eine Möglichkeit eine Zeitlang aus dem Funktionieren auszusteigen und neues Handeln, Denken und Wahrnehmen auszuprobieren.

Schulleitungen in der Coronakrise

In einer Mini-Onlinebefragung antworteten 14 Schulleitungen mit 2-22 Jahren Erfahrung auf Fragen zum Erleben der Schulschliessung, der Organisation des Fernunterrichts und der Veränderung ihrer Gewohnheiten. Obwohl die Schulleitungen noch nie eine Schulschliessung erlebt hatten, schien es allen Leitungspersonen klar gewesen zu sein, was zu tun war. Die meisten Schulleitungen schrieben, dass sie recht schnell einen konkreten Plan hatten, wie die Kommunikation und der Fernunterricht schuladäquat und pragmatisch aufgegleist werden konnte. Es kann angenommen werden, dass der Bereich „Feuer löschen“ im Schulleitungsalltag tief verwurzelt ist (Supowitz, 2019) und sich die Schulleitungen auf ihre intuitiven Fähigkeiten im Umgang mit Unvorhergesehenem und Neuem stützen konnten. Dies machte eine Schulleitung deutlich, welche schrieb, dass geplante Abläufe und Aktivitäten „über den Haufen“ geworfen wurden und ergänzte: „Das ist aber etwas, was ja eigentlich als Schulleitung immer wieder so eintrifft“. Insofern wurden zwar gewisse Arbeitsgewohnheiten irritiert, aber durch bestehende mentale Modelle (Stark et al., 1998) schnell aufgefangen und innerhalb einer Woche in neue Routinen umstrukturiert.

Die Schulleitungen vermissten in der Zeit der Schulschliessung nicht unbedingt Routinen im Sinne von administrativen Arbeitsinhalten, sondern den routinierten täglichen Kontakt zu den Lehrpersonen und den Kindern, der einen Grossteil des Schulleitungsalltags ausmacht. Die Begegnungsqualität sei über die verschiedenen digitalen Kanäle nicht dasselbe, wie im physischen Kontakt.

Mobilisieren der Organisationalen Energie

Die Schulschliessung bewirkte nach dem Modell der „Organisationalen Energie“ (Bruch, 2020), dass die Kollegien in die „Produktive Energie“ kamen und in einer hohen Qualität und Intensität den Fernunterricht aufbauten, weil es ihnen plötzlich verstehbar, sinnhaft und auch handhabbar erschien (Salutogenese). Die Krise und das Chaos eröffnete v.a. den Bereich der digitalen Möglichkeiten. Eine Schulleitung stellte dazu fest, dass „bisher kein Grund bestand, sich dahinter zu machen.“ Es gab also anscheinend bis anhin keinen flächendeckenden „Sense of Urgency“ sich um die digitalen Möglichkeiten in der Schule zu kümmern.

2020_04_24_Grafik_Bruch_Org_Energie

Die Schulleitungen jedoch, welche in den letzten Jahren durch Weitsicht und Geduld (`t Hart & Tummers, 2019) die Schule im Sinne des Lehrplans 21 und der Empfehlungen des Kantons Bern an die Ausstattung der ICT-Infrastruktur ausgerichtet hatten, konnten in dieser Krise auf etablierte und bekannte Lernplattformen zurückgreifen, was die Umsetzung des Fernunterrichts und Gewährleistung der Chancengerechtigkeit begünstigte. Für die weitere Schulentwicklung lässt sich die Frage ableiten:

Wie können Schulleitungen ihre Kollegien, auch ohne Coronakrise, in den Möglichkeitsraum führen?

Dies vor dem Hintergrund, dass eine Schulleitung schrieb, dass sie erstaunt war, „wie unglaublich kreativ und professionell [die Lehrpersonen] diese Herausforderung annahmen“. Eine andere Person wurde von der „Wandelbereitschaft der Lehrpersonen“ überrascht. Die Person ist überzeugt, dass unter normalen Umständen eine so grosse Umstellung des Unterrichts nicht möglich gewesen wäre. Einige Schulleitungen haben durch die Coronakrise erkannt, dass sie auch im Alltag risikofreudiger und mutiger werden dürfen, um auch in „guten Zeiten“ die Lehrpersonen zu mobilisieren und einen „Sense of Urgency“ herzustellen (Bruch & Vogel, 2005).

Diese Mobilisierung kann einerseits über Bedrohungen oder andererseits über Zukunftschancen ausgelöst werden. Das Beispiel einer Bedrohung war/ ist die Coronakrise. Die Mobilisierung in Chancensituationen setzt Begeisterungsfähigkeit für mögliche Gewinne und Gelegenheiten voraus und verlangt von den Schulleitungen eine Vision von Schule, welche sie dem Kollegium glaubwürdig vermitteln können sollten.

Diese Mini-Befragung soll als Momentaufnahme verstanden werden und zur Diskussion über die Rolle der Schulleitungen als Funktionstragende und „change agents“ (Schratz 1998) im Schulsystem beitragen.

Wie sieht das „gute Leben“ in einer solidarischen Gesellschaft aus?

„Noch nie hat die Menschheit über so viele materielle Ressourcen und über so viele technische und wissenschaftliche Kenntnisse verfügt. Global gesehen ist sie so reich und mächtig, wie es sich in den vergangenen Jahrhunderten niemand hätte vorstellen können“ (S.39). Dem stehen die globalen Probleme des Klimawandels, der Armut, der sozialen Ungleichheit usw. oder eben die ungleichmässige Verteilung von Kenntnissen und Reichtum gegenüber.

Diese konträre Ausgangslage erfordert ein Umdenken und veränderte Formen des Zusammenlebens. Es geht um die Suche nach einer positiven Vision des „guten Lebens“ für alle Menschen.

Das Sein vor das Haben setzen.

In einer solidarischen Gesellschaft geht es um die Qualität sozialer Beziehungen und die Beziehung zur Natur und weniger um das Denken in Mittel-Zweck-und-Leistungs-Kategorien, also das Sein vor das Haben zu setzen (S.11). Das Konzept des Konvivialismus sucht nach konkreten Utopien und Alternativen zur heutigen Vorstellung, dass ökonomisches Wachstum das Allheilmittel für gesellschaftliche Probleme ist.

Es um die Qualität sozialer Beziehungen und die Beziehung zur Natur.

Es geht darum die Debatte der Unsicherheit und des Unwohlseins zu führen, nicht einfach einfache Lösungen oder Antworten zu geben in was für einer (globalen) Gesellschaft wir leben wollen. Es geht um die „Kunst des Zusammenlebens (con-vivere), die die Beziehung und die Zusammenarbeit würdigt und es ermöglicht, einander zu widersprechen, ohne einander niederzumetzeln, und gleichzeitig für einander und für die Natur Sorge zu tragen“ (S.47). Die Autorenschaft vom Buch „Die Konvivialisten“ gehen davon aus, dass der soziale Wandel durch eine Katastrophe eingeläutet wird.

Warum also nicht jetzt?

Mehr zum Thema „Die Konvivialisten“ findest du hier.

 

 

 

Hier findest du zwei weitere Filme, die ausführen, warum es mit dem Steigerungszwang nicht so weitergehen kann und wie sich ein nachhaltiger Kapitalismus denken liesse.

  • Hartmut Rosa schreibt in seinen Büchern über die Resonanz-Theorie und das passende Leben. Hier geht’s zum Interview „Wider den ewigen Steigerungszwang“.
  • Rebecca Henderson spricht darüber, warum sich nachhaltiger Kapitalismus für Firmen lohnt. Sie hat das Buch Reimagining Capitalism geschrieben (erscheint Ende April 2020). Hier geht’s zum entsprechenden Vortrag (in Englisch).