Das Himmelsquadrat – Schule in Balance

Ich mag Modelle, da sie die Komplexität der Wirklichkeit reduzieren und zum Verständnis in einem spezifischen Kontext beitragen. In diesem Blogbeitrag stelle ich drei verschiedene Modelle vor:

  • Das Riemann-Thomann-Modell (Konflikte lösen, Verhalten)
  • Das Achsenmodell (Balance in Organisationen)
  • Das Teufelsquadrat (Projektmanagement)

Die drei Modelle möchte ich zu einem neuen Modell verdichten, welches die aktuellen Gegebenheiten in der Volksschule abbildet und hilft Herausforderung einfach einzuordnen und nachvollziehbarer zu machen.

Das Riemann-Thomann-Modell

2018_08_23_Riemann_Thomann_Modell

Das Modell beschreibt eine Raum- und eine Zeitachse mit jeweils zwei Extrempunkten. Die senkrechte Zeitachse beschreibt die Extreme Dauer & Wechsel. Die waagrechte Raumachse die Extreme Nähe & Distanz. Personen können sich nun auf diesen Achsen einordnen und somit ihr Verhalten und ihre Kommunikation (im Konfliktfall) sich selber und anderen veranschaulichen. Dabei geht es nicht um richtig/ falsch, sondern darum, wie sich die Personen fühlen und, was ihre Bedürfnisse in einer konkreten Situation sind. Während das Riemann-Thomann-Modell mehr auf die einzelne Person und ihre Reflexion abzielt, bildet das Achsenmodell die Spannungen einer Organisation ab.

Das Achsenmodell

2018_08_23_Achsenmodell_Oosterhof

Das Achenmodell (von Dries Oosterhof) zeigt die Polaritäten in der Struktur von Organisationen auf. Die senkrechte Achse Lenkung zeigt die Extreme Visionen & Ressourcen. Die Achse soziale Abstimmung zeigt die Extreme Kollektiv & Individuum. Die Achse Qualität zeigt die Extreme von Angebot & Nachfrage auf.

Das Modell ist hilfreich eine Institution bezüglich der aktuellen oder erwünschten Position auf den drei Achsen zu positionieren, um herauszufinden, wo die grösste Disbalance besteht und wo eine Priorität in der Entwicklung gelegt werden könnte, um das Gleichgewicht halten oder herstellen zu können.

Sozialer Raum und Qualitäts-Lenkung

Für mich beschreiben die Achsen Raum und Soziale Abstimmung aus den beiden Modellen ähnliche Polaritäten, sprich Nähe & Distanz, Kollektiv & Individualität, Geborgenheit & Unabhängigkeit usw. und könnten somit zur Achse Sozialer Raum verdichtet werden.

Sozialer Raum: Damit Lernen in einer Gruppe möglich ist, braucht es Beziehung und ein gewisses Mass an Sicherheit und Wohlbefinden und allgemeingültige Regeln des Zusammenlebens, damit sich Personen überhaupt auf Inhaltliches konzentrieren können und nicht durch Zwischenmenschliches absorbiert sind. Dennoch braucht es meiner Meinung nach auch einen freien Geist und eine Distanz, um nicht im Gruppendenken verlorenzugehen und den kritischen Blick zu vergessen.

Die senkrechte Achse Zeit aus Riemann-Thomann und die Lenkungs- und Qualitätsachse aus dem Achsenmodell lassen sich meiner Meinung nach unter folgender Achse zusammenfassen.

Qualitäts-Lenkung: Dies beinhaltet die Extreme Vorgaben & Ressourcen. Unter Vorgaben werden die Bereiche Vision, Strategie, Lehrplan, Gesetze, Abmachungen, Ziele, Erwartungen (der Gesellschaft…) usw. subsummiert, die durch den geschickten Einsatz der Ressourcen beantwortet werden sollen. Die Ressourcen umfassen Organisation, Infrastruktur, Finanzen, Zeit usw..

Das Teufelsquadrat2018_08_23_Teufelsquadrat_sneed_V2

In Anlehnung an das Teufelsquadrat lässt sich ein Himmelsquadrat für Schulen anhand der folgenden zwei Achsen zeichnen:

  • Sozialer Raum (Kollektiv-Individualität)
  • Qualitäts- Lenkung (Vorgaben-Ressourcen)

 

Das Himmelsquadrat

Ein Merkmal des Quadrates ist, dass es immer nach Ausgleich strebt. Wird nun eine Achse verschoben oder ein Extrem betont, verschieben sich die anderen Extreme mit, ausser die anderen Bereich werden zusätzlich auch ausgebaut und folglich das gesamte Quadrat vergrössert.

Aktuell führen die Schulen im Kanton Bern den Lehrplan 21 ein, d.h. dass die Vorgaben eine Priorität haben und somit die Ressourcen und der soziale Raum reduziert werden. Um das Gleichgewicht wiederherzustellen investieren viele Schulen und auch der Kanton in Weiterbildung, damit jedoch die zeitlichen Ressourcen nicht gesprengt werden, können die Schulen Arbeitstage während der Unterrichtszeit einsetzen. D.h. jedoch, dass aktuell der Schwerpunkt wohl bei den meisten Schulen auf den Qualitäts-Lenkung und nicht unbedingt beim sozialen Raum ist.2018_08_23_Himmelsquadrat

Gleichzeitig ist es wohl ein Zeichen unserer Zeit, dass das Individuum stärker gewichtet als das Kollektiv und die individuelle Förderung der Kinder überall gefordert wird. Da jedoch Schule auch ein Ort des Kollektivs ist, bringt diese Forderung viele Lehrpersonen in arge Bedrängnis, da die Kräfte für solche Auseinandersetzungen nicht bei allen ausreichen.

Damit einher geht auch die Diskussion zur Digitalisierung in all ihren Facetten, welche durch Vorgaben und Empfehlungen des Kantons zusätzliche Ressourcen an Finanzen, Zeit und Personal bindet, aber gleichzeitig auch auf das Individuum und das Kollektiv einwirkt, sprich eine Herausforderung im Quadrat darstellt.

Daher ist das Himmelquadrat bei vielen Schulen in Schieflage geraten, oder wenn nicht schief, dann doch in alle vier Richtungen aufgeblasen. Einige Schulen streben daher nach Ausgleich oder Redimensionierung. Hier soll das Himmelsquadrat seinen Beitrag leisten, indem Herausforderung schnell und einfach eingeordnet und damit fassbarer gemacht werden können. Reduktion der Komplexität. Zurück zum Optimum wird es wohl nie mehr geben. Gefragt sind Chaoskompetenz, Gelassenheit und Dilemmatauglichkeit.

 

 

 

Das Geheimnis des Lernens

Kannst du pfeifen? Wer hat dir das beigebracht?

Unser 8-Jähriger hat in den Sommerferien pfeifen gelernt. Zuerst war es mehr ein Luft- Prusten, dann langsam eine Ahnung von Tönen. Er hat geübt, stundenlang & jeden kleinsten Fortschritt präsentiert. Wir haben ihn für sein Durchhaltevermögen gelobt, helfen konnten wir ihm nicht.
Sein jüngerer Bruder hat schon vor zwei Jahren pfeifen gelernt, damals hat der Ältere es auch versucht, aber bald aufgegeben. Warum er genau jetzt einen neuen Versuch startete, weiss ich nicht.
Spannend daran finde ich:
– dass der Eine mit vier, der Andere mit acht Jahren pfeifen gelernt hat.
– dass beide von sich aus pfeifen lernen wollten & Ausdauer beim Üben zeigten.
– dass wir Erwachsenen ihnen nicht helfen konnten, ausser Wertschätzung & Aufmerksamkeit zu schenken.

Unnützes Können

Pfeifen lernen fällt wohl in die Kategorie von unnützem Können. Muss lernen nützlich sein? Darf lernen einfach Spass machen?
Wenn ich meinem Sohn am Strand zuschaute, dann rannte er herum, schlug ein Rad & liess sich mit einer Neymar- Schwalbe in den Sand fallen. Während er in den Himmel blinzelte, pfiff er seine Melodie. Dabei war er zufrieden mit sich & stolz etwas Neues entdeckt zu haben, das ihm einfach Spass macht.

Was macht dir einfach Spass?

Warum ich eine Chaospilote sein möchte.

Ich stelle mir vor, dass die DNA der Welt das kreative Chaos ist, welches seiner ganz ursprünglichen verborgenen Struktur folgt. Der Mensch hat die Natur zurechtgebogen und scheinbar gebändigt. Unsere natürlicher Rhythmus entspricht jedoch eher dem Chaos als dem Takt, welchen wir uns selber gegeben haben. Überall hört man von Beschleunigung und Zunahme der Komplexität. Selber verlieren wir vielleicht ab & zu den Überblick und navigieren im Blindflug durchs Chaos einer Zeit, in der alles möglich, aber nichts sicher erscheint.

Lernen aus dem Chaos

Darum will ich eine Chaospilote sein. Doppler, Lauterburg haben schon 1994 in ihrem Buch Changemanagement geschrieben, dass die Chaos- Kompetenz besondere Bedeutung erlangen wird.

„Chaos- Kompetenz … hat mit der Fähigkeit zu tun, gut zuzuhören und auf Menschen einzugehen. Und sie hat zu tun mit „Urvertrauen“ in die Selbststeuerungsfähigkeit von Menschen und Gruppen – oder, anders ausgedrückt, dem intuitiven Wissen, dass die „chaotische“ Situation nicht ein sinn- und heilloses Durcheinander darstellt, sondern lediglich einen Grad an Komplexität aufweist, der sich im Moment unsere Bewältigung entzieht“ (Doppler & Lauterburg, 1994, S.66).

Unter Anspannung können keine guten Lösungen erarbeitet werden (Levold & Wirsching, 2014, S.159). Zu akzeptieren, dass wir in einer Zeit leben, die vuca (volatility, uncertainty, complexity und ambiguity) ist, also nicht vollständig überschaubar und schon gar nicht gemanagt werden kann, bringt eine grosse Entlastung. Es lohnt sich zudem sich Zeit zu nehmen, um in Ruhe den Mitfliegenden zuzuhören und ihnen Vertrauen zu schenken. Diese Entspannung und die Zuversicht, dass wir im Chaos bestehen können setzt Energie und Kreativität frei. In einem solchen Klima kann Lernen & Innovation stattfinden.