Positives Kopfkino

Ich sass in einem Café und habe gearbeitet. Das tue ich manchmal, weil es dort feinen Café gibt und ich mich auswärts besser auf eine Sache konzentrieren kann, als zu Hause, wo mich öfters was ablenkt. Arbeiten im „third place“ (Ray Oldenburg) sozusagen. Als ich so da sass, las und schrieb, lenke sich meine Aufmerksamkeit auf eine Diskussion an einem der anderen Tisch.

Die Leute diskutierten über ein Kind, das anscheinend an einem Nachmittag alleine Zuhause war, alleine die Hausaufgaben machte und sich dann bei einem Nachbarn Hilfe holte, weil es bei einer Aufgabe nicht weiter wusste. Die Personen am Nachbartisch hielten sich darüber auf, dass beide Eltern viel arbeiten würden und deshalb das Kind alleine lassen sei, das gehe ja gar nicht, das würden sie nie tun.

Ich sass so da und stimmt innerlich mit ihnen überein, als sich plötzlich eine andere Stimme in meinem Kopf bemerkbar machte, die mich frage: „Und wenn die Eltern es doch gut machen?“ Ich sann darüber nach und da kam mir die Technik des Umdeutens aus dem lösungsorientierten Ansatz in den Sinn. Ich versuchte in einem positiven Kopfkino die Situation umzudeuten.

Die Eltern des Kindes kennen ihr Kind sehr gut und trauen ihm zu eine gewisse Zeit alleine zu sein. Das Kind kann das und hat nichts dagegen (vielleicht schätzt es sogar die Zeit ohne Eltern). Das Kind ist ausserordentlich zuverlässig und selbstorganisiert, sonst hätte es nicht ohne Hinweis seiner Eltern selber die Hausaufgaben begonnen. Das Kind hat anscheinend gute Ressourcen ein Problem zu erkennen und sich entsprechende Strategien sich Hilfe zu holen.

Wenn die Situation so betrachtet wird, dann hatte das Kind eine unglaubliche Lernmöglichkeit in dieser Alleine-Zeit. Es hat Selbstwirksamkeit erfahren und konnte am Abend seinen Eltern von den Erlebnissen erzählen, die es selber gemeistert hat. Die Eltern können stolz sein auf ihr Kind.

Ich finde, dass wir unseren Kinder etwas zutrauen dürfen. Wir müssen sie nicht vor der Welt beschützen, sondern sie in die Welt hinaus begleiten. Ohne die Eltern zu kennen und zu wissen, ob meine Umdeutung einen wahren Kern haben könnte, würde ich sagen, dass wir doch bevor wir eine Situation negativ beurteilen, auch vom Positiven ausgehen könnten.

Lasst uns edel scheitern!

„Das ist unfair. Ihr seid viel strenger als andere Eltern.“
Wenn es darum geht Regeln auszuhandeln oder unseren Kindern Grenzen aufzuzeigen, versuchen wir ihnen jeweils zu erklären, dass dies unsere Regeln und Grenzen als Eltern sind. In anderen Familien können diese ganz anders aussehen.
Letzte Woche stand wieder mal so ein Gespräch an. Ich sagte, dass wir versuchen so gute Eltern zu sein, wie nur möglich. Wir seien uns jedoch bewusst, dass Kinder, wenn sie erwachsen werden, ganz Vieles, was die Eltern machten, ganz doof finden werden, vielleicht sogar einen Knacks deswegen haben. Wir hätten sie auf jeden Fall mega lieb, aber Eltern seien einfach auch nur Menschen, die ab und zu gute, aber eben auch schlechte Entscheidungen treffen.
Einer der Beiden meinte darauf, dann sei es ja gut, wenn sie nicht immer gehorchten, dann seien sie selber auch etwas schuld an ihrem zukünftigen Knacks.

Wenige Tage später flatterte die NZZ, die ich wegen der Serie „So gelingt Erziehung“ abonniert habe, ins Haus. Der Psychologe Ph. Ramming sprach im Interview u.a. darüber, ob es die optimale Erziehung gebe. Dabei sagte er auf die Frage: Können Eltern ihre Kinder überhaupt richtig erziehen?

Nein, die Frage ist eher: Passt eine Erziehung oder nicht? Nicht alle Eltern sind gleich gute Eltern für jede Altersstufe: Manche Mütter sind Babymütter, haben aber Stress in der Pubertät; manche Väter sind Fussballväter und können früher oder später mit ihren Kindern nichts anfangen. Jeder Elternteil hat sein eigenes Profil: Manchmal passt es besser, manchmal weniger gut. Erziehung ist Scheitern in Raten. Eltern sollten aber den Ehrgeiz haben, bei der Erziehung edel, vornehm und in höchster Eleganz zu scheitern.

„Erziehung ist Scheitern auf Raten“. Meine Worte. Dies ist nicht als Desillusionierung gedacht, sondern als Entkrampfungsangebot, also einfach Vertrauen ins Kind und sich selber zu haben.

Dabei sehe ich Parallelen zur Kommunikation.  Nach F. Schulz von Thun ist das Missverständnis die Regel. Dabei ist es doch erstaunlich wie oft wir uns doch irgendwie verstehen.

Dasselbe denke ich, ist bei der Erziehung auch de Fall. Obwohl das Scheitern die Norm ist, begeben sich die meisten Kinder als junge Erwachsene auf einen guten Weg. Das bedeutet Hoffnung und Mut für alle Eltern, darum lasst uns in höchster Eleganz und in gegenseitiger Unterstützung scheitern!

Wurzeln und Flügel

Gleich ist nicht gleich gleich. Gleichheit ist in unserer pluralen Welt nicht gerecht. Dazu gibt es in der Schule ein sehr bekanntes Bild. Auf diesem Bild bekommen verschiedene Tiere die Aufgabe auf einem Baum zu klettern. Es ist offensichtlich, dass ein Fisch oder auch eine Giraffe diese Aufgabe nicht erfolgreich bewältigen kann, darum ist eine gleiche Aufgabe für alle nicht gerecht. Was ist aber gerecht, wenn es nicht die Gleichbehandlung ist?

Das oben skizzierte Bild illustriert den Tenor der heutigen Zeit, was die Ansprüche an Bildung allgemein und im Speziellen an die Schule darstellt. Jedes Kind soll individuell seinen Möglichkeiten entsprechend gefördert werden, das empfinden wir als gerecht, ob es leistbar ist, das überlegen wir vielleicht schon etwas weniger.

Dies war nicht immer so. Die Wirklichkeit (wie es ist) und die Möglichkeit (wie es sein könnte) von Schule entsprechen jeweils den Werten und Normen der Gesellschaft der jeweiligen Zeit.

Was heisst das nun für die Schweiz? Auf Wikipedia findest du die ganze Geschichte des Schweizerischen Schulsystems. Hier nur ein kurzer Abriss: Lange Zeit bestand Schule aus auswendig lernen, später wurde der Frontalunterricht eingeführt und danach gab es leider einen Rückschritt. Statt Pestalozzi wurde nun nach den Lancasterschulen, welche v.a. auf Drill setzten, unterrichtet. Dagegen wehrten sich die Reformpädagogen. Diese setzten auf handlungsorientierten Unterricht und Selbsttätigkeit. In diese Richtung zogen auch Maria Montessori, Paulo Freire oder Rudolf Steiner. Viele der damals neuen Ideen haben Einzug in die Volksschule gefunden.

Aktuell stehen mit der Einführung des Lehrplans 21 Lernlandschaften, Projektlernen, Spielen und ausserschlisches Lernen hoch im Kurs. Auch experimentieren verschiedene Lehrpersonen mit dem Raum als Lernort und der Organisation des offenen Lernens mit Logbuch oder Kompetenzrastern.

Dies relativ neuen Ansätze wollen den veränderten Ansprüchen an Bildung durch die Gesellschaft gerecht werden. Es sollen kritisches Denken geschult werden, reflektieren der eigenen Motivation und des Lernstandes, auch Umgang mit Computer und das Arbeiten in Gruppen, sprich allgemein ausgedrückt: Die Fähigkeit alleine oder mit anderen zusammen ein komplexes Problem zu lösen.

Zurück zum Baum mit den Tieren. Unter einer der Karikaturen, welche ich angeschaut habe, steht: Unser Bildungssystem. Ich habe keine Ahnung, wer das geschrieben hat, in welchem Kanton oder Land der- oder diejenige wohnt, aber es hat mich getroffen. Ist das wirklich so? Befinden wir uns wie in diesem Video beschrieben in einer Bildungskrise? Vielleicht ist es nicht nur eine Bildungskrise, sondern eine Gesellschaftskrise, weil ja eben die Schule ein Teil der Gesellschaft ist?

Vielleicht machst mal wieder einen Besuch in einer Schule und schaust, wie es wirklich ist. Nur weil der Unterricht immer noch in den oft sehr alten Schulgebäuden stattfindet, heisst es noch lange nicht, dass es immer noch so ist, wie früher. Und wenn du findest, dass sich etwas ändern muss, um Kinder noch individueller, freier und lustvoller begleiten zu können, dann nehmen wir jede Hilfe gerne an.

Die Schule kann die Gesellschaft nicht einfach selber verändern. Wir können nicht selber mehr Regellehrpersonen und Speziallehrpersonen ausbilden. Wir können auch nicht selber kleinere Klassen finanzieren oder gar eine ganz neues Art der Lernens einführen von der wir heute noch keine Ahnung haben, denn Schule ist ein Teil der Öffentlichkeit.

Dazu braucht es dich. Du hast die Möglichkeit Geschichte zu schreiben, indem zu dich für ein Amt bei deiner Gemeinde meldest, indem du wählen gehst, indem du der Schule zu einem guten Ruf verhilfst, indem …

Danke, wenn du uns unterstützt, damit die Schule ein Ort sein kann, wo sich Kinder entfalten, ihre Stärken und Schwächen entdecken, Gemeinschaft erleben und Möglichkeiten erträumen können, denn zwei Dinge sollen Kinder aus der Schulzeit mitnehmen: Wurzeln und Flügel. (Sprichwort von Goethe, etwas abgeändert)

Die Rolle von Dilemma & Freiheit

Jeder Mensch nimmt in seinem Leben verschiedene Rollen ein. Das Wort Rollen kommt dabei aus dem Theater, aber meint hier keine künstliche Rolle, die ich spiele, sondern verschiedene soziale Ausprägungen meines Selbst, in denen ich mich bewege, mich entsprechend verhalte und von eigenen, fremden und unausgesprochenen Erwartungen beeinflusst werde oder eben auch Andere beeinflusse. Dahinter steckt das Modell der Sozialisation.

Was ist Sozialisation?

 «Sozialisation ist ein eher unbewusster Vorgang. Er vollzieht sich im Wesentlichen über die Erwartungen anderer und die negativen wie positiven Sanktionen, mit denen das Individuum im Anschluss an sein Verhalten konfrontiert wird (…) Sozialisation ist also im Kern die Anpassung des Menschen an und durch seine soziale Umwelt» (Reheis, 2016, S. 80f).

 

In meinen Rollen passe ich mich mehr oder weniger den Erwartungen der Gesellschaft an. Die verschiedenen Rollen zeigen sich, wenn ich an einem gewissen Ort bin, spezifische Arbeiten erledige oder einfach mental mich in diesem Denkkreis befinde. Dies führt in unserer Familie teilweise zu Konflikten, wenn ich den Rollenwechsel nicht schnell genug vollziehen kann. Unten seht ihr als Beispiel meine Rollenblume.

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Wenn ich beispielsweise nach Hause komme und die Kinder mich in der Rolle als Mutter ansprechen, aber mein Kopf ist noch an der Uni ist. Ich hirne weiter einem Sachverhalt nach und fühle mich durch die Kinder «belästigt» da ich in meiner Rolle als Mutter noch nicht auf «Empfang» geschaltet habe, mich jedoch am Ort «Zuhause» aufhalte, wo diese Rolle am ausgeprägtesten ist. Meist reagiere ich dann nicht sonderlich einfühlsam auf die Erwartungen der Kinder, da sie mich gegen meinen Willen in eine andere Rolle zerren.

Die Ausnahme

Im Buch von Reheis (2016, S. 81) wird ein spannender Sachverhalt erklärt und zwar, dass sich Sozialisation weitestgehend unseren eigenen Vorstellungen und Aktivitäten entzieht, also wie oben beschrieben meist unbewusst passiert. Es gibt jedoch eine Ausnahme-Situation, wo die Person frei entscheiden kann.

«Sie wird nur dann möglich, wenn das Individuum mit Rollenerwartungen konfrontiert ist, die sich gegenseitig ausschließen, und wenn zusätzlich die Sanktionen, die im Falle des Nichterfüllens der Erwartungen drohen, gleich stark sind. Genau in dieser insgesamt seltenen Situation kann sich das Individuum frei entscheiden (Reheis, 2016, S.81).

Ich musste den Abschnitt mehrmals lesen und dann aufzeichnen, um zu verstehen, was gemeint ist. Die gegenüberstehenden Rollenerwartungen stellen für mich eine Dilemma-Situation dar. Es gibt somit keinen guten Ausweg ohne Konsequenzen. Wenn nun die Konsequenzen (hier Sanktionen) gleich gross sind, bin ich zwar in einer sch…. Situation, aber gleichzeitig maximal frei, denn ich verliere sowieso, also kann ich mich frei entscheiden.

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Für mich ist das paradox: Erst im Dilemma (maximale Gefangenschaft der Umstände) bin ich in Freiheit (maximale Freiheit in der Entscheidung). Wenn wir uns in diesem Dilemma-Freiheit-Paradox befinden nennt G. H. Mead dies «role-making», wir gestalten uns unsere Rolle selbst. Wir entscheiden, was in dieser Situation zu tun ist und wie wir unsere Rolle interpretieren. Demgegenüber steht das üblichere «role-taking», wo eine erwartete Rolle übernommen wird, was nicht gewertet werden soll. Die Anpassung an die Rollenerwartungen vereinfacht die Kommunikation und macht die Begegnung von Menschen im Alltag berechenbar. Bewirkt also eine gewisse Stabilität der Gemeinschaft mit dem Nachteil, dass diese fixen Denkmuster Vorurteile bergen und Möglichkeiten einengen können.

Für jeden Einzelnen stellt sich fortlaufend die Frage nach der Balance zwischen Individuum und Kollektiv:

  • Wie gesellschaftskonform will ich sein? Den Rollen-Erwartungen entsprechen, dafür meine Vorstellungen zurückstellen
  • Wie fest ICH will ich sein? Den Rollenerwartungen nicht entsprechen, dafür meinen Vorstellungen folgen