Ich, wir, jetzt. Eine Geschichte der Macht.

„Wie führst du eigentlich das Team?“ Dies fragte mich ein Schulkommissions-Mitglied als wir zusammen einen Fragebogen zur Schulführung für unsere Strategie-Arbeit bearbeiteten. Ich war von der Frage etwas überrumpelt, weil ich nicht einfach so genau sagen konnte, wie ich das mache. Dass ich „es“ mache, weiss ich, aber wie genau…

Ich sagte, dass ich dies nicht so genau beschreiben könne. Er fragte weiter: „Gibst du Anweisungen oder sagst du bis wann etwas erledigt sein soll?“ Ich gebe wenige genaue Anweisungen und Aufträge, die bis zu einem gewissen Termin erledigt werden sollen, also z.B. die Rechnungen bis Ende Monat abgeben oder so was, aber solche Sachen hat er nicht gemeint. Wir sprachen über das Führen einer Schule, den gemeinsamen Weg. Ich wusste genau, was er meint, konnte „es“ aber nicht so genau in Worte fassen.

Die Frage der Macht

Ein paar Tage später las ich einen Text zu: How to get power (Wie erlange ich Macht)? Dabei geht es zusammengefasst, um die Macht durch Storytelling (Geschichten erzählen). Der Autor, Eric Liu, schreibt, dass viele Menschen sich mit dem Begriff der Macht schwer tun. Im Alltag hat Macht einen negativen Touch und scheint nicht erstrebenswert zu sein, darum macht sich die Mehrheit keine Gedanken über Macht und wie sie funktioniert (Darauf gehe ich nicht weiter ein).

Eric Liu definiert Macht als die Fähigkeit, dass Andere das tun, was du möchtest, dass sie tun.

Diese Form der Machtausübung ist alltäglich, denn Menschen beeinflussen sich gegenseitig und erwarten offen oder verdeckt ein gewisses Verhalten vom Gegenüber. Insofern kann jede Beziehung zwischen Menschen als Machtgefüge betrachtet werden.

Eric Liu bezeichnet die Story (Geschichte) als beschleunigenden Helfer, um den aktuellen Stand der Gegenwart zu verändern. Er sagt, dass mit Geschichten Menschen organisiert werden können. Die Menschen können sich dann selber in der Geschichte organisieren. Damit wird ein WIR-Gefühl produziert, welches sich mit dem ICH in einer Wechselwirkung  gegenseitig beeinflusst. Eric Liu beschreibt dazu drei Geschichtsstränge.

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Drei verschachtelte Geschichten

„Um Menschen zu organisieren braucht es drei verschachtelte Erzählungen: die Geschichte vom ICH, vom WIR und vom JETZT.“

Die Geschichte vom ICH erzählt davon, wer ich bin, was ich denke und warum ich denke, was ich denke. Die ICH-Geschichte beinhaltet einen grossen Teil der Geschichte vom WIR. Nämlich, wie ich mir das WIR vorstelle (Vision in der Zukunft), was das WIR ausmacht und wie wir das WIR hier leben (Wertschätzung der Vergangenheit). Das ICH und das WIR stiften Identität und Zugehörigkeit und bilden die Grundlage für gemeinsamen Handeln in der Gegenwart. Die Geschichte vom JETZT spiegelt sich in den aktuellen Tätigkeiten wieder, die das WIR umsetzt. Zur besseren Vorstellung der WIR-Geschichte das bekannte Zitat von Antoine de Saint-Exupéry:

„Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann rufe nicht die Menschen zusammen, um Holz zu sammeln, Aufgaben zu verteilen und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem großen, weiten Meer.“

Ein Schule führen mit Geschichten

Ich habe eingangs geschrieben, dass mich ein Schulkommissions-Mitglied fragte, wie ich führe. Führen bedeutet, Menschen, die für einen bestimmten gemeinsamen Zweck am selben Ort zusammenkommen, zu organisieren, damit sie tun, was sie tun sollen. Insofern ist meine Aufgabe durch die Macht als Vorgesetzte zu gewährleisten, dass die Lehrpersonen tun, was sie (aus meiner Sicht) tun sollen. Dies mache ich oft durch Storytelling, indem ich erzähle, wie ich mir Schule und Unterricht usw. vorstelle und damit eine WIR-Geschichte aufbaue. Darin sind die Lehrpersonen dann frei, wie sie das WIR durch ihr ICH beeinflussen (siehe Grafik oben).

Educational Governance – die Steuerung von Schulsystemen

Da ich mich aktuell vertieft mit der Steuerung von Schulsystemen befasse, bin ich dabei auf einen Abschnitt gestossen, der die Verantwortungsübernahme in demokratischen Systemen beschreibt und gut zur Führung durch Geschichten passt: „Menschen, die sich selbst und andere wahr- und für wahr nehmen, erkennen ihr eigenes Thema als Entwicklungsaufgabe. … Denn nur, wenn mehrere Menschen mit ihrem jeweiligen Thema ein gemeinsames Thema finden können, gelangen sie über authentische Kommunikation zu gemeinsamem zielgerichtetem Handeln, welches Synergien … ermöglicht“ (Knauer, 2011, S.142).

Wenn die Lehrpersonen sich wahrgenommen und zugehörig fühlen, indem sie ihre Themen ins WIR einbringen können, dann resultiert für sie selber der grösste Gewinn. Das eigene Thema kann in unserem Zusammenhang mit der Geschichte vom ICH und das gemeinsame Thema mit der Geschichte vom WIR gleichgesetzt werden, welche im gemeinsamen zielgerichteten Handeln in der Geschichte vom JETZT mündet. Dieses JETZT setzt zudem Synergien frei, was nicht nur mir als Schulleiterin, sondern auch den einzelnen Lehrpersonen und schlussendlich den Kindern zu Gute kommt.

Insofern hat das Führen durch Geschichten, und die Nutzung der Rollen-Macht als Schulleiterin, um eine WIR-Geschichte zu ermöglichen, einen hoffentlich positiven Einfluss auf die Entwicklungsmöglichkeiten der Kinder.

  • Seit ich den Text gelesen habe, finde ich überall Hinweise zu solchen ICH-WIR-JETZT Geschichten, v.a. in Politik und Werbung.
  • Hast du auch so eine Geschichte? Ich freue mich darüber in den Kommentaren zu lesen.

Literatur: Knauer, Sabine (2011). Wo ist hier ein System – und, wenn ja, warum? In A. Knoke & A. Durdel (Hrsg.), Steuerung im Bildungswesen. Zur Zusammenarbeit von Ministerien, Schulaufsicht und Schulleitungen (1. Auflage S.133-147). Wiesbaden: VS Verlag.

Perspektive wechseln


„Kann die Lehrperson uns nicht umfassend informieren, was, wann, wo läuft? Merkt die Lehrperson nicht, dass mein Kind schon lesen kann? Sieht die Lehrperson nicht, dass ein anderes Kind mein Kind immer provoziert? So, wie die Lehrperson den Kindern Math unterrichtet, kann das ja nichts werden. Es kann ja nicht so schwierig sein, uns wöchentlich den Lernstand kurz mitzuteilen.“

Als ich so über meinen Blog-Betrag zum „schwierigen Kind“ nachgedacht habe, fiel mir auf, dass es ja auch die andere Sichtweise gibt und zwar diejenige auf die „schwierige Lehrperson“. Beide Positionen sprechen aus der Haltung: Veränderung des Anderen, sprich das Problem wird beim Gegenüber gesehen und auch dort eine Verbesserung erwartet. Diese Sichtweise auf ein Problem, macht die fordernde Person abhängig von der Veränderungs-Bereitschaft des Anderen. Wenn der Andere sich nicht ändert, passiert nichts, die Situation verbessert sich nicht. Die fordernde Person sieht das Problem als ausserhalb Ihrer selbst und ist dem Geschehen ohnmächtig ausgeliefert.

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Ich kann verstehen, dass Lehrperson, wie auch Kinder und Eltern in manchen Situationen das Gegenüber nicht verstehen und als schwierig wahrnehmen. Umso wichtiger ist es festzustellen, dass dies vielen ab und zu so ergeht, aber die Handlungsweisen nicht im „Änderung des Anderen“ stecken bleiben müssen. Es lohnt sich frühzeitig das Gespräch zu suchen, bevor schon Verletzungen, Enttäuschungen und Vertrauensverlust die Beziehung belasten. Dieser Beitrag soll zur Vermittlung und einer guten Konflikt-Kultur beitragen.

Falls die Parteien sich in einem Konflikt begegnen und sich beide Parteien dazu entscheiden können auf das „Veränderung des Anderen“ zu verzichten, sondern versuchen ihre Sicht der Realität zu beschreiben, kommt es zu einem konstruktiven und ehrlichen Gedanken-Austausch.

Nach Freire befinden sich die zwei Parteien in der Co-Kreation, was so viel bedeutet, dass die Eltern, wie auch die Lehrperson (und auch das Kind) ihre jeweiligen Sichtweisen als subjektiv gefärbte Wahrnehmung beschreiben. Natürlich gehen alle davon aus, dass dies der Wahrheit entspricht, da sie die Situation genau so fühlen. Wenn jedoch gleichzeitig die Bereitschaft da ist auch die anderen Wahrnehmungen anzuhören und der Versuch zur Perspektivenübernahme (Folie 33) gemacht wird, dann besteht die gute Möglichkeit, dass durch Co-Kreation eine gemeinsame neue Realität geschaffen werden kann. In dieser neuen Realität geht es eben nicht um wahr/ falsch, sondern darum, was jede Person fühlt und selber dazu beitragen kann, damit sich die Situation ändert. Damit sind keine grossen Würfe zu erwarten, dafür Akzeptanz des Gegenübers und kleine Schritte in eine gemeinsame Richtung.

2018_11_07_Verändung_Selbst

 

Diese Vorgehensweise ist keine Methode sondern eine Haltung. Sie entspricht der positiven Unterstellung, dass das Gegenüber gute Absichten und gute Gründe für sein/ihr Handeln hat. Schon nur dies zu denken, verändert die Wahrnehmung der Situation und trägt zu einem konstruktiven Klima bei.

Die leitende Frage bei einem Konflikt ist dann eben nicht: Du musst dich ändern!, sondern:

  • Was ist das Anliegen meines Gegenübers?
  • Was ist mein Anliegen?
  • Was kann ich zur Lösung beitragen?

Das schwierige Kind

Heute sprachen wir über ein sogenannt „schwieriges Kind“, das den Unterricht stört, indem es sich unruhig verhält, nicht still und alleine sein kann, reinschwatzt, andere Kinder beim Arbeiten stört, Aufträge nicht korrekt ausführt, sehr langsam arbeitet und meist nur, wenn jemand daneben sitzt. Solche Kinder gibt es wohl in jeder Klasse.

Wenn ich jeweils so Auflistungen zu lesen bekomme, stelle ich mir ein Kind vor, das neugierig auf die Welt schaut und seine kleinen Entdeckungen mitteilen will, sich gerne bewegt und unbeschwert von Regeln durch die Welt mäandert. Dann überlege ich, dass das Kind sicherlich auch Vieles gut macht, was man als Ressource beiziehen könnte… gleichzeitig verstehe ich sehr gut, dass dieses Verhalten ein enormes Herausforderungs-Potential für Erwachsene, seien es nun Eltern oder Lehrpersonen, hat, da es unberechenbar ist und einer geheimen inneren Struktur folgt.2018_10_23_Schule_unterrichten_mäandern

In einer Gruppe ist es nicht immerzu möglich, dass jedes Kind seiner geheimen Struktur folgen kann. Um ein gutes Miteinander zu ermöglichen, braucht es Abmachungen und Regeln, was zwangsläufig das Mäandern kanalisiert und Überschwappungen produziert.

Freire – Pädagogik der Unterdrückten

Letzte Woche haben wir an der Uni den Denker Paulo Freire, Pädagogik der Unterdrückten studiert. Ich habe keinen Zugang zu diesem Gedanken-Konstrukt gefunden, das besagt, dass es Unterdrücker und Unterdrückte gibt. Dass dieser Zustand für beide Seiten unmenschlich sei und sich die Unterdrückten gegen die Unterdrücker auflehnen sollen und nur sie durch ihren Widerstand das Menschliche zurückerobern können. Gleichzeitig sind die Personen mit Macht (also die Unterdrücker oder eben auch Lehrpersonen, Eltern) für den Prozess verantwortlich. Die Personen mit Macht sollen mit allen Mitteln verhindern, dass sie in eine Unterdrücker-Rolle geraten. Inhaltlich sollen sich Erwachsene und Kinder auf Augenhöhe begegnen und in einem wechselseitigen Dialog Erkenntnis erschaffen.

Das würde für unsere Situation mit dem „schwierigen Kind“ heissen, dass nicht in erster Linie beim Kind hingeschaut werden muss, sondern bei der erwachsenen Person, denn diese ist für den Prozess verantwortlich. Hier in der Folge aufgezeigt am Beispiel der Schule. Dieselbe Denkweise kann auch für Eltern und andere asymmetrische Beziehungen angewendet werden.

Die Lehrperson bestimmt den ersten Schritt

Wenn man Freire ernst nimmt, dann muss der erste Schritt sein, dass die Lehrperson bei sich und dem Kind genau hinschaut, was sie mit ihrem Verhalten beim Kind auslöst. Versteht das Kind den Auftrag nicht, weil sie ihn nur mündlich erteilt und das Kind Mühe hat nur über das Gehör Informationen aufzunehmen. Müsste sie dem Kind die Möglichkeit geben den Auftrag visuell erfassen zu können?  Arbeitet ein Kind langsam, weil es sehr genau arbeitet oder weil es Mühe hat sich am Arbeitsplatz zu organisieren? Bräuchte es von der Lehrperson Strukturierungs-Hilfen? Hat sich die Lehrperson von einer Fachperson beraten lassen, was die zig Gründe für das beschrieben Verhalten sein könnten und angefangen verschiedene Strategien zu erproben? …. Jedes Kind ist einzigartig und der Auftrag der Lehrperson ist es, so gut wie möglich, den Zugang zu den Kindern zu finden, sich in ihrer Rolle als Lehrperson den Bedürfnissen des Kindes anzunähern.

Wenn die Lehrperson hofft, dass sich ein Kind ändert, ist sie abhängig vom Kind. Bei sich selber hinzuschauen ermöglicht unmittelbar in die Aktivität überzugehen und der Ohnmacht keinen Raum zu geben.

R. Selman beschreibt in seiner Pyramide der Interpersonalen Verhandlungsstrategien (Folie 33) die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme in zwei Orientierungsmodi: Selbstveränderung und Veränderung des Anderen. In einer Situation, wo die Lehrperson ein Kind als schwierig wahrnimmt, kann sie sich entscheiden in welchem Modus sie die Situation  anschauen will, ob sie die Perspektivenübernahme mit der Brille:

  • Ich finde heraus, was das Kind braucht und gebe ihm das (Selbstveränderung) oder
  • Ich zeigen dem Kind, was ich will und es muss das lernen (Veränderung des Anderen) anschauen will.

Wie oben beschrieben ist die Lehrperson in der Position der Macht und daher wird von ihr verlangt, dass sie entscheidet, wie die Situation gelöst werden kann. Wenn die Lehrperson hofft, dass sich ein Kind ändert, ist sie abhängig vom Kind. Bei sich selber hinzuschauen, ermöglicht unmittelbar in die Aktivität überzugehen und der Ohnmacht keinen Raum zu geben. Dies scheint im ersten Moment schwerer zu sein, aber führt längerfristig zu einer Erweiterung des Handlungsrepertoires der Lehrperson, was schlussendlich ihr selbst und auch anderen Kindern zu Gute kommt.

Und für mich hat das „schwierige Kind“ einen ersten Zugang zu Freire ermöglicht.

Im nächsten Beitrag schaue ich auf die „schwierige Lehrperson“.

Talentdialog

Viel wichtiger als ritualisierte Mitarbeitergespräche ist ein kontinuierlicher Dialog auf Augenhöhe in einer konstruktiven Atmosphäre.

Aus dem Blogbeitrag von Förster & Kreuz und Führen mit Optionen habe ich für dieses Schuljahr den Talentdialog bei uns eingeführt. Das ist an sich keine grosse Sache, wenn die Haltung dahinter stimmt, sprich ein echtes und ehrliches Interesse am Dialog besteht.

Ich habe jedes Jahr versucht den Mitarbeiter-Gesprächen (MAG) einen neuen Touch zu verpassen und habe mich damit schwer getan, dass die Gespräch so förmlich verlaufen, wo ich doch sonst ganz viele witzige, spontane und auch tiefe und ehrliche Gespräche mit den Lehrpersonen führe, die nicht als offizielle MAGs gelten. Daher kam mir die Idee mit dem Talentdialog wie gerufen.

Ich habe also Anfang Schuljahr allen Lehrpersonen gesagt, dass ich gerne irgendwann in diesem Schuljahr einen Talentdialog mit ihnen machen möchte. Wir haben aktuell das Jahres-Thema: Was ist dir lieber? Und aus diesem Grund habe ich mir überlegt, dass Sie als Mitarbeitende auswählen dürfen, wann und wo sie das Gespräch machen möchten, also z.B. während einem Spaziergang, in einem Restaurant, zu Hause, in der Schule, am Telefon …. Ich bin offen für ihre Vorschläge. Wir besprechen nur die fünf Fragen aus dem Blogbeitrag von Förster & Kreuz :

1. Zurückblickend auf die vergangene Periode: Was war mein individueller Beitrag und was habe ich möglicherweise darüber hinaus beigetragen?

2. Was war schwierig? Womit habe ich mich schwergetan?

3. Wie präsent war ich und was hat das bewirkt (für mich selbst und für die Leute, mit denen ich zusammenarbeite)?

4. Gibt es etwas, das ich aus diesem Zeitraum für mich mitnehme und auf das ich stärker in Zukunft fokussieren möchte?

5. Was sind unsere Prioritäten für die nächste Periode?

Zudem möchte ich wissen, wie es der Lehrperson geht (privat & in der Schule) und sie wählt aus einem Kompetenzfächer eine Karte als Priorität aus.

Ich habe nun erste Erfahrungen damit gesammelt, war schon mehrmals Spazieren (was sich sehr bewährt, nicht nur weil ich das Gebiet um die Schule viel besser kenne), in einem gemütlichen Kaffee und auch im Büro. Ich habe das Gefühl, dass die Lehrpersonen die Wahl-Möglichkeit schätzen und sich teilweise sogar auf das Gespräch freuen, was mich wiederum am meisten freut. Für mich ist es spannend einem offiziellen Gespräch (das ich vom Kanton her machen muss) einen lockeren Rahmen geben zu können und wirklich in den Dialog eintreten zu können. Dabei entdecke ich immer wieder neue Talente und lasse mich von neuen Ideen inspirieren!

Fragen zum Nachdenken:

  • Wäre dies auch was für dich?
  • Was wäre für dich der Unterschied?

Können alle Lehrperson sein?

In der Folge des Lehrpersonenmangels stelle ich mir als Schulleiterin öfters diese Frage. Meine Haltung dazu erörtere ich anhand der Kapital-Theorie von Bourdieu.

Formales Lernen von Selbstverständlichkeiten

Das Lernen in der Volksschule findet in einem formalisierten Rahmen statt. Eine erwachsene Person ist für Kinder eine Begleit- und Beziehungsperson im Lernprozess. Dabei unterscheidet sich das formale Lernen vom nonformalen und informalen freien Lernen insofern, dass dahinter gewisse vom Kanton vorgegebene Ziele stecken (Lehrplan) an denen sich die Lehrperson orientiert und Verantwortung für die Umsetzung übernimmt.

Die Ausbildung zur Lehrperson beinhaltet nicht nur das bewusste Lernen von Fach-Inhalten, Pädagogik und Psychologie, sondern auch all die kleinen Selbstverständlichkeiten, die sich u.a. in einer eigenen Sprache und gewissen Gepflogenheiten und Haltungen äussert. Schlussendlich bildet sich dadurch das professionelle Selbstverständnis aus, welches bewirkt, dass sich eine Person als Lehrperson fühlt.

Dieser Effekt ist bei Menschen, die keine solche Prägungszeit hinter sich haben meist nicht vorhanden. Sie selber fühlen sich oft, auch nach Jahren, noch nicht als vollständig akzeptierte Lehrpersonen, auch wenn sie total gut unterrichten. Dies versuche ich mit der Kapital-Theorie von Bourdieu zu beschreiben.

Kapital-Theorie von Bourdieu

Bourdieu beschreibt, dass ein Mensch ökonomisches, soziales und kulturelles Kapital hat. Spannend ist in unserem Zusammenhang das kulturelle Kapital, welches sich in den folgenden drei Formen zeigt.

  1. Das inkorporierte Kulturkapital beschreibt die persönliche Bildungsarbeit, die kognitive Kompetenz, die persönliche Zeitinvestition, sprich all das, was ich kann und weiss.
  2. Das objektivierte Kulturkapital beschreibt die autonome materielle Form des Kapitals in Form von Büchern, Lehrmitteln, Lehrmaterial, Computern…
  3. Das institutionalisierte Kulturkapital zeigt sich in Zertifikaten, akademischen Titeln. Das institutionalisierte Kulturkapital  legitimiert und objektiviert das inkorporierte Kulturkapital.

D.h., wenn eine Person die Ausbildung zur Lehrperson absolviert sammelt sie inkorporiertes und objektiviertes  Kulturkapital. Wenn die StudentInnen dann ihr Studium abschliessen und zertifiziert werden, legitimiert das Zertifikat ihr persönliches Wissen und Können und unterstütz sie dabei sich als Professionelle in ihrem Gebiet zu empfinden.

Kulturkapital_Bourdieu_2

Das Zertifikat gibt ihnen die Möglichkeit ihr Wissen und Können in Geld umzuwandeln, indem sie eine Anstellung als Lehrpersonen annehmen können. Ob sie dabei einen guten Job machen, dazu gibt das Zertifikat keine Auskunft.

Kein Zertifikat als Lehrperson

Wenn nun eine Person nicht den formalen Bildungsweg beschritten und abgeschlossen hat, sprich kein solches Zertifikat vorweisen kann, muss ich als Schulleiterin mich in irgendeiner Form vergewissern können, dass die sich bewerbende Person das gewünschte inkorporierte Kulturkapital mitbringt.

Das ist ein Problem, denn meist können die Personen mir ihren Abschluss mitteilen (z.B. KV-Angestellte, Köchin, Sozialpädagoge, Gymnasiast usw.), was mir aber recht wenig  Auskunft darüber gibt, ob sie den Alltag mit den Kindern meistern können. Viele der Bewerbenden haben Erfahrung im Umgang mit Kindern, sprich haben selber Kinder, geben Nachhilfe, leiten Pfadi oder machen Kinderarbeit in der Kirche usw. Davon haben die Meisten jedoch keinen Nachweis oder können auch keine Referenz abgeben.

Ich bin überzeugt, dass ganz viele Personen mega begabt sind im Umgang mit Kindern. Wenn sie mir jedoch kein institutionalisiertes Kapital in Form von einem entsprechenden Zertifikat vorlegen können, dann verlangt dies von mir, dass ich den Bewerbenden den Mangel des institutionalisierten Kapitals vorschiesse, indem ich auf die Selbsteinschätzung der Person und mein Bauchgefühl vertraue.

Vorschuss-Kapital in Form von Vertrauen

Dieses Vorschuss-Vertrauen zu geben, braucht Mut. Ich traue einer Person auch ohne Kapital-Versicherung etwas zu und übernehme die Verantwortung für den Erfolg, denn erst, wenn sie dann mit den Kindern arbeitet, kann ich überprüfen, ob die Person wirklich unterrichten kann oder ob das Chaos im Klassenzimmer ausbricht.

In der aktuelle prekären Lage bin ich gezwungen dieses Experiment zu wagen und wurde bis anhin nie enttäuscht. Die nicht klassisch ausgebildeten Lehrpersonen haben einen guten Job gemacht.

Jedoch hat bis jetzt jede der Personen entweder wieder mit dem Unterrichten aufgehört oder die Ausbildung an der PH angefangen. Der Grund war, dass sich das professionelle Selbstverständnis nicht einstellte, sie sich trotz Akzeptanz im Team und bei den Eltern selber nie als vollständige Lehrpersonen gefühlt haben.

Ich bin überzeugt, dass auch Personen ohne formelle Lehrpersonen-Ausbildung, v.a. im Fachlehrpersonen-Bereich,  gut unterrichten können. Ich finde es eine Bereicherung, wenn Personen, die anders sozialisiert wurden ihren Blick aufs Lernen in die Schule tragen. Mein Beitrag ist es, ihnen eine Chancen zu geben.

Weitere Fragen zum Nachdenken:

  • Wie reagieren andere Branchen, wenn sich ein Mangel an Fachpersonal zeigt?
  • Könnte die Schule hier von anderen Branchen lernen?