Perspektive wechseln


„Kann die Lehrperson uns nicht umfassend informieren, was, wann, wo läuft? Merkt die Lehrperson nicht, dass mein Kind schon lesen kann? Sieht die Lehrperson nicht, dass ein anderes Kind mein Kind immer provoziert? So, wie die Lehrperson den Kindern Math unterrichtet, kann das ja nichts werden. Es kann ja nicht so schwierig sein, uns wöchentlich den Lernstand kurz mitzuteilen.“

Als ich so über meinen Blog-Betrag zum „schwierigen Kind“ nachgedacht habe, fiel mir auf, dass es ja auch die andere Sichtweise gibt und zwar diejenige auf die „schwierige Lehrperson“. Beide Positionen sprechen aus der Haltung: Veränderung des Anderen, sprich das Problem wird beim Gegenüber gesehen und auch dort eine Verbesserung erwartet. Diese Sichtweise auf ein Problem, macht die fordernde Person abhängig von der Veränderungs-Bereitschaft des Anderen. Wenn der Andere sich nicht ändert, passiert nichts, die Situation verbessert sich nicht. Die fordernde Person sieht das Problem als ausserhalb Ihrer selbst und ist dem Geschehen ohnmächtig ausgeliefert.

2018_11_07_Veränderung_des_Anderen

Ich kann verstehen, dass Lehrperson, wie auch Kinder und Eltern in manchen Situationen das Gegenüber nicht verstehen und als schwierig wahrnehmen. Umso wichtiger ist es festzustellen, dass dies vielen ab und zu so ergeht, aber die Handlungsweisen nicht im „Änderung des Anderen“ stecken bleiben müssen. Es lohnt sich frühzeitig das Gespräch zu suchen, bevor schon Verletzungen, Enttäuschungen und Vertrauensverlust die Beziehung belasten. Dieser Beitrag soll zur Vermittlung und einer guten Konflikt-Kultur beitragen.

Falls die Parteien sich in einem Konflikt begegnen und sich beide Parteien dazu entscheiden können auf das „Veränderung des Anderen“ zu verzichten, sondern versuchen ihre Sicht der Realität zu beschreiben, kommt es zu einem konstruktiven und ehrlichen Gedanken-Austausch.

Nach Freire befinden sich die zwei Parteien in der Co-Kreation, was so viel bedeutet, dass die Eltern, wie auch die Lehrperson (und auch das Kind) ihre jeweiligen Sichtweisen als subjektiv gefärbte Wahrnehmung beschreiben. Natürlich gehen alle davon aus, dass dies der Wahrheit entspricht, da sie die Situation genau so fühlen. Wenn jedoch gleichzeitig die Bereitschaft da ist auch die anderen Wahrnehmungen anzuhören und der Versuch zur Perspektivenübernahme (Folie 33) gemacht wird, dann besteht die gute Möglichkeit, dass durch Co-Kreation eine gemeinsame neue Realität geschaffen werden kann. In dieser neuen Realität geht es eben nicht um wahr/ falsch, sondern darum, was jede Person fühlt und selber dazu beitragen kann, damit sich die Situation ändert. Damit sind keine grossen Würfe zu erwarten, dafür Akzeptanz des Gegenübers und kleine Schritte in eine gemeinsame Richtung.

2018_11_07_Verändung_Selbst

 

Diese Vorgehensweise ist keine Methode sondern eine Haltung. Sie entspricht der positiven Unterstellung, dass das Gegenüber gute Absichten und gute Gründe für sein/ihr Handeln hat. Schon nur dies zu denken, verändert die Wahrnehmung der Situation und trägt zu einem konstruktiven Klima bei.

Die leitende Frage bei einem Konflikt ist dann eben nicht: Du musst dich ändern!, sondern:

  • Was ist das Anliegen meines Gegenübers?
  • Was ist mein Anliegen?
  • Was kann ich zur Lösung beitragen?

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