Was ist ein Lernprozess?

Heute habe ich darüber nachgedacht, was ein Lernprozess eigentlich ist. Ich habe mal im Lehrplan21 nach dem Begriff „Lernprozess“ gesucht. Wenn ich alle Treffer angeschaut habe, dann ergeben sich zwei Aussagen:

  • Individueller oder eigener Lernprozesses und
  • der Lernprozess in Zusammenhang mit der formativen Beurteilung.

 

Impliziert wird in den zwei Aussagen oben, dass ein Lernprozess wohl meist individuell vonstatten geht. Dies erscheint mir schlüssig, denn eine Person kann ja nicht für eine andere Person lernen, das passiert in unseren eigenen Gehirnen. Leider wird im Lehrplan21 der Begriff „Lernprozess“ nirgends definiert (Oder ich habs auf jeden Fall nicht gefunden), dies ist umso erstaunlicher, als eben gerade der Lernprozess als ziemlich wichtig erscheint. Darum beschloss ich zuerst über das Lernen und den Prozess als einzelne Begriffe nachzudenken.

Ein Prozess hat für mich mit einer Bewegung von A nach B zu tun.

prozess_1

 

Der Weg von A nach B kann direkt, gezielt und geführt verlaufen oder auch eher indirekt, vorantastend, ausgangs- und ergebnisoffen.

prozess_2

Um das gedankliche Exerzieren auf die Spitze zu treiben (einfach weil es Spass macht). Habe ich mir überlegt, ob es auch einen rückwärtsgewandten Prozess gibt. Zuerst fand ich das abwegig, aber als ich in unserer präzisen Sprache nach passenden Begriffen suchte, fand ich folgende Sprach-Paare:

prozess_3

Und ja, es gibt für mich einen Prozess in beide Richtungen, wobei damit nicht die Zeit gemeint sein kann. Zeit befindet sich stets in Bewegung und zwar nur in eine Richtung von der Geburt zum Tod. Was ist es dann, wohin sich der Rückschritt zu bewegt? Vom Können zum Nicht-mehr-Können?

Erinnern oder Vergessen

Da ich mich nun in den Semesterferien der Uni in die Neurowissenschaften einlese, kam mir das limbische System unseres Gehirns in den Sinn. Diese Region liegt mitten im Gehirn und steuert unsere Gefühlswelt, aber nicht nur das, der Hippocampus ist eine wichtige Schaltstelle für eintreffende Sinnesreize, Gefühle und Erlebnisse, die kurzzeitig abgespeichert und dann sortiert werden. Der Hippocampus „entscheidet darüber, welche Informationen gelernt und welche vergessen werden sollen“ (Beck, Anastasiadou, Meyer zu Reckendorf, 2016, S.44). Indem der Hippocampus dem Grosshirn immer wieder Informationen anbietet, bildet sich Erinnerung. „Um dabei den laufenden Betrieb des Grosshirns nicht zu stören, findet der Vorgang nachts statt, darum ist genug Schlaf wichtig fürs Lernen“ (ebd., 2016, S.45).

Vergessen ist also nicht nur ein Rückschritt, sondern eine wichtige Funktion des Gehirns bei der Selektion von Sinneseindrücken. Und zu was soll das Verlernen gut sein? Vielleicht um Platz für Neues zu schaffen, wobei die Speicherkapazität des Gehirns unendlich sein soll?

Lernen heisst Leben

Ich komme zurück zum Lernprozess. Oder zuerst noch zum Lernen. Für mich gibt es einen weiten Lernbegriff, der besagt, dass zu leben auch zu lernen heisst. Wir können gar nicht nicht lernen, wenn wir leben. Leben heisst sich in der Welt bewegen, die uns beeinfluss und welche wir beeinflussen, in ständiger Veränderung. Es gibt für mich aber auch noch einen engen Lernbegriff, der sich auf formale Lern-Situationen bezieht, wie sie in der Schule stattfinden. In diesen Lern-Situationen wird oft eine A-Zone angenommen und eine B-Zone (wenn nicht gar Punkte) angestrebt. Was zwischen A und B passieren soll, ist eine geführte Veränderung mit externer Absicht, was natürlich auch lernen ist, einfach in engeren Bahnen.

Somit führe ich den Prozess und das Lernen zusammen und definiere für mich:

Ein Lernprozess ist eine gewollte Bewegung von einem Ausgangszustand (A) zu einem Orientierungspunkt (B), wobei das Individuum ab dem ersten Schritt eine Veränderung erfährt.

Lernprozess und Beurteilung

Nachdem für mich nun definiert ist, was ein Lernprozess ist, wende ich mich wieder dem Lehrplan21 zu. Die Aussage, dass der Lernprozess etwas mit der (formativen) Beurteilung zu hat, steht noch im Raum. Im Lehrplan 21 steht im Lern- und Unterrichtsverständnis unter der formativen Beurteilung: „Die Schülerinnen und Schüler erhalten im Unterricht ermutigende und aufbauende Rückmeldungen, die sie beim Kompetenzerwerb und in ihrem Lernprozess unterstützen. … Auf diese Weise wird den Schülerinnen und Schülern ihr individuelles und kooperatives Lernverhalten transparent gemacht. Sie erhalten Informationen über ihr erworbenes Wissen und Können, ihre Lernfortschritte und über noch bestehende Lücken oder anzugehende Schwierigkeiten.“

Hier wird der Kontext des Lernprozesses im Lehrplan21 dargelegt. Der Lernprozess ist individuell und wird v.a. durch förderorientierte Rückmeldungen begleitet und beobachtet. Es gibt jedoch auch einen Bereich der summativen Beurteilung, die neben den Lernzielkontrollen und Produkten auch Lernprozesse beinhaltet. Diese summativen Lernprozesse fokussieren auf gewisse Aspekte aus den überfachlichen Kompetenzen und zwar: Lernprozesse einschätzen und reflektieren, Gelerntes Darstellen, Förderhinweise nutzen, Strategien verwenden, Selbstständig arbeiten.

Zur Übersicht über die Beurteilungsformen des Lehrplan21 habe ich mir eine Zeichnung gemacht.

beurteilung_lp21

In den AHB des Lehrplans21 steht: „Im Rahmen einer formativen Beurteilung fördert und integriert die Lehrperson auch Selbst- und Peerbeurteilungen [Schüler_innen beurteilen Schüler_innen]. Die wichtigsten Ergebnisse der formativen Beurteilung erlauben über einen längeren Zeitraum hinweg den Einblick in den Lernprozess und liefern wichtige Grundlagen für Standortgespräche und prognostische Beurteilungen.“

Der Lernprozess, mit einem eher engen Lernbegriff, ist die Idee von Schule. Kinder sollen gezielt fachliche und überfachliche Kompetenzen lernen und sich so hin zu einem vom Lehrplan vorgegebenen Orientierungspunkt (B) verändern. Die ganze Beurteilung ist kein Selbstzweck, sondern ein Hilfsmittel, um dies zu erreichen.

Natürlich kann darüber gestritten werden, ob B ein guter Orientierungspunkt ist oder sogar noch radikaler, ob überhaupt ein B für alle Kinder vorgegeben werden soll.

Verwendete Quellen:

  • www.be.lehrplan.ch
  • Beck, H; Anastasiadou, S.; Meyer zu Reckendorf, Ch.(2016). Faszinierendes Gehirn. Eine bebilderte Reise in die Welt der Nervenzellen. Berlin und Heidelberg: Springer Spektrum.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s