Lernen in Baku – Leadership in Schulen

Im Juni 2019 verweilte ich vier Tage in Baku, Aserbaidschan. Schon mal vorneweg: Baku ist eine tolle Stadt und wirklich einen Besuch wert. Dabei noch mit so vielen spannenden Menschen unterwegs zu sein, die sich alle für das Thema „Leadership in Schulen“ interessieren, war einfach toll!

Eine Professorin der Universität Fribourg initiieret das Projekt CELL (Comparative Educational Leadership Lab) und ich durfte, zu meiner grossen Freude, teilhaben daran. Die ersten zwei Tage wohnten wir einer Bildungskonferenz bei, danach war Zeit, um über die Ziele und die konkrete Umsetzung des CELL zu sprechen.

Was ich in den vier Tagen in Baku für mich gelernt habe:

  • Obwohl Baku weit weg von der Schweiz ist, teilen wir viele der Herausforderungen in der Schule.
  • Eine gute Fehlerkultur ist in Baku, wie in der Schweiz essentiell.
  • Eine Schulleitung kann persönlich in ihrer Schule durch den wertschätzenden Umgang viel bewirken, v.a. im Etablieren einer positiven Schulkultur. Mit viel Zeit und Geduld kann eine Schulleitung eine VeränderungsermöglicherIn sein.
  • Dennoch ist eine Schulleitung in ein erweitertes System eingebunden, das gewisse Grenzen hat. Diese Grenzen können nicht alleine verschoben werden. D.h. die Schulleitung ist auf Partner und  weitere unterstützende Akteure, gerade auch in der Politik, angewiesen.

Die Bildungskonferenz fand an der ADA University statt. Die Gebäude waren hell, gross und sehr modern. Die ganze Anlage neu, was ich nicht erwartet hatte.

Es sprachen verschiedene Personen zu Bildungsthemen und schnell merkte ich, dass Vieles genau gleich war wie in der Schweiz z.B. das Thema Integration. Die Kinder, welche früher entweder gar nicht zur Schule gingen oder dann in Sonderschulen, sollen nun in der Regelschule unterrichtet werden. Das ist eine Herausforderung für die Erwachsenen in Aserbaidschan, in der Schweiz, wie auch in der Mongolei. Jemand aus unserem Team ist aus der Mongolei und macht dort Lehrpersonen-Trainings zur Integration von Kindern mit speziellen Bedürfnissen.

In Aserbaidschan müssen nun die Lehrpersonen hinsichtlich Integration weiter- und ausgebildet und die Eltern beruhigt werden. Die Eltern der „normalen“ Kinder haben Sorge, dass ihre Kinder wegen der integrierten Kinder zu wenig lernen. Alle Kinder sollen studieren und Karriere machen. Dabei gäbe es auch die Möglichkeit der Berufslehre, aber diese hat kein Prestige und wird nicht angestrebt. Daher wird nun von der Uni und der Regierung in diesen Bereich investiert.

Das Eindrücklichste jedoch war eine Rede einer Schulleiterin, welche sagte, dass sie auch Fehler mache und dies zugebe. Sie könne daraus lernen und es sei okay. Schon während ihrer Rede dachte ich, dass diese Worte erstaunlich sind. Ich hatte vom azerbaidschanischen Schulsystem eher das Gefühl gehabt, sehr hierarchisch und mechanisch zu sein, was am nächsten Tag von einer einheimischen Person aus unserer Gruppe bestätigt wurde. Die Person sagte auch, dass es ausserordentlich gewesen sei, dass die Schulleiterin über Fehler und Misslingen gesprochen habe, denn das existiere in Aserbaidschan nicht. Schulleitungen machen keine Fehler.

Am nächsten Tag diskutierte wir über mögliche Themen für das CELL. Es nahm auch eine Mitarbeiterin der Uni teil, die Educational Leadership studiert hat, jedoch jetzt nicht als Schulleiterin arbeiten möchte, da sie sich nicht vorstellen kann in einem solch engen und kontrollierten Rahmen zu arbeiten. Anscheinend ist die Position der Schulleitung sehr politisch und man muss systemtreu sein, also keine Kritik am Schulsystem und den politschen Verhältnissen äussern. Zudem beinhaltet der Alltag v.a. Administration und Berichterstattung an die Regierung. Sie sagte, dass sie in so einem System nicht arbeiten  kann und will.

Am Nachmittag besuchten wir eine Schule und die Schulleiterin erzählte, dass sie keine Lehrperson sei und den Posten nur erhalten habe, weil sie im Ausland studiert hat. Sie wollte nicht Schulleiterin werden, sondern man habe ihr den Job angeboten. Sie sagte, dass sie eigentlich nichts bestimmen kann, nicht den Curriculum, nicht das Geld, einfach nichts. Dennoch versuchte sie durch ihren Umgang und das Stellen von Fragen (was es anscheinend vorher nie gegeben hat) eine neue Kultur zu etablieren. Sie sieht sich selbst als „Change Agent“, als Veränderungsermöglicherin. Trotzdem verlässt sie diesen Sommer die Schule, um in den USA weiter zu studieren.

Auf dem Rundgang durch das moderne Schulhaus (eine sehr gut ausgestattete Schule), in welcher fast 2000 SchülerInnen von der 1.-11. Klasse unterrichtet werden, stellte sie fest, dass die Textbücher von der Regierung zur Verfügung gestellt werden. Sie können keine Lernmaterialien selbst wählen. Es wird zu 60% auf Russisch und zu 40% auf Azeri unterrichtet. Dabei wird viel Wert auf den Geschichts-Unterricht gelegt. Die Schule ist zudem im gestalterischen Bereich aktiv, es hatte eine Galerie mit Bildern und einen grossen Raum mit einer Bühne, wo die Klassen ihre Musik und Theaterstücke aufführen oder Konzerte für die Kinder organisiert werden.

Die Lehrpersonen und SchülerInnen werden überall von Kameras überwacht. Es hat über 170 Kameras im ganzen Schulhaus verteilt, auch im Arbeitsraum der Lehrpersonen. Jemand aus unserem Team sagte, dass an gewissen Privatschulen die Eltern Zugang zu den Kameras haben und sehen, was ihre Kinder tun in der Schule. Die Eltern rufen dann die Schulleitung an und wollen, dass die Lehrpersonen gerügt werden, wenn sie ihre Kinder nicht genügend aufrufen. Dies konnte ich fast nicht glauben.

Die Kinder sind den ganzen Tag in der Schule und können nicht rausgehen, weil anscheinend die Eltern das nicht wollen. Es wäre auch nicht wirklich attraktiv, denn der Innenhof ist ein von vier Wänden umgebener gepflasterter Platz ohne eine Pflanze oder ein Spielgerät. In sechs Primarklassen haben sie nun ein Projekt, dass immer ein Kind am Pult steht und das andere sitzt und dann wird nach 45 Minuten gewechselt. Damit die Kinder nicht körperliche Probleme wegen dem Sitzen bekommen. Die Klassenzimmer sind mit den Pultreihen und weissen Wänden eher  kühl eingerichtet, fast keine Bilder und Lernmaterialien sind sichtbar. Dafür hängt in jedem Raum über dem Whiteboard und dem Beamer das Bild des Präsidenten.

Am letzten Tag hatten wir eine Sitzung in einer Galerie (inspirierender Ort!), um die Eindrücke und Ideen der letzten drei Tage zu besprechen und das nächste Treffen im Herbst 2019 zu planen. Dabei ging es darum, ob es eine neue Art von Führung (Leadership) an Schulen brauche. Was Leadership in der Schule bedeutet und wie sich dies unter den verschiedenen Kontexten und Richtungen (Länder, Volksschule, Hochschule, NGO, Wirtschaft, Erziehungswissenschaft, Comparative Forschung usw.) auswirke. Die Idee ist sozusagen zum Kern von Leadership vorzudringen um dann daraus eine mögliche Theorie zu formulieren. Dass es ein verändertes Verständnis von Führung braucht, scheint einleuchtend. Was dies aber genau für eine wissenschaftliche Theorie von Educational Leadership sein könnte, ist offen.