Bildung als utopische Möglichkeit

Essay zu „Antihumanismus, Transhumanismus, Posthumanismus – Bildung nach ihrem Ende“ von M. Wimmer (2019)

In diesem Essay soll es darum gehen, wie „Möglichkeiten“ zu Bildung werden können. Nach Wimmer ist nicht jede persönliche Erfahrung oder Veränderung automatisch schon Bildung oder nutzt die Möglichkeit zur Bildung, sondern seiner Meinung nach entsteht erst sowas wie Bildung, wenn damit das Eigene durch das Fremde irritiert wird (S.5). Wimmer geht in seinem Text zum Antihumanismus etc. auf die Frage ein, was mit „der Bildung“ in der ganzen Breite des Begriffs nach ihrem Ende geschehe. Er hat nicht den Anspruch einen posthumanistischen Bildungsbegriff zu definieren, sondern will „lediglich das Terrain sondieren, um etwas mehr Klarheit darüber zu bekommen, wonach eigentlich zu fragen wäre, wenn man heute nach der Möglichkeit von Bildung fragt“ (S.2).

Nach Masschelein und Ricken (2003) zeigen sich zwei Bedeutungskerne von Bildung. Einerseits als Wissenskanon, der auf das humanistische Bildungsideal von Humboldt zurückgeht und andererseits als spezifische Art der Selbsterschaffung und Selbstoptimierung, nicht nur in Schulen, sondern in allen Bereichen der Gesellschaft (vgl. p.141).

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Die Möglichkeit der Selbsterschaffung und Selbstoptimierung des Menschen unterstellen die Funktionalität derselben als ökonomische Erfordernis, welche sich über die Selbstkontrolle durch pädagogische Prozesse vollzieht. Bildung verkommt zur Ware (S.3) und die Individualisierung als Subjektivierungsform ist das Werkzeug dazu (S.4).

Wimmer stellt in seinem Text den Bildungsbegriff, als in Aussicht gestellte Möglichkeit dar, und betont, dass Bildung schon immer einen utopisch-fiktionalen Charakter hatte (Vetter, o.J.). Die Möglichkeit des Scheiterns und ihre eigentliche Unmöglichkeit wurde auch schon im humanistischen Bildungsideal mitgedacht (S.5).

Insofern zeigt Wimmer auf, dass Bildung eine Utopie, eine Unmöglichkeit, im Sinne eines paradoxen Verhältnisses der Vorhersage von etwas Unvorhersagbarem, ist. Nach Massschelein und Ricken (2003, p.142) war Bildung immer schon auch ein Versprechen in der Zeit. Eingebettet in eine konstituierende Vergangenheit und eine unsichere Zukunft.

Bildung war schon immer ein Versprechen in der Zeit.

Das „in der Zeit sein“ eröffnet nicht nur, die Andersmöglichkeit der Bildung zu denken, sondern führt nach Wimmer unweigerlich dazu, auch die Andersmöglichkeit des Menschen in Betracht zu ziehen (S.16). Ricken (1999) schreibt dazu: „Menschen müssen sich zu sich selbst verhalten, wollen sie sich selbst verstehen“ (S.209). Dabei stellt sich das Problem, dass Menschen immer schon in die Gedanken über ihre eigenen Differenzen, verwickelt sind. Die zu bearbeitenden Differenzen werden daher meist in Hierarchien gedeutet und führen zum Schema von „Noch nicht“ und „Aber dann“ (S.210). Gerade in Bezug auf Kinder kommt das Schema als Versprechen des „Noch nicht“, „Aber dann“ in seiner ganzen Kraft zur Anwendung. Kinder müssen zuerst zu Menschen erzogen und gebildet werden, weil sie „Noch nicht“ vollwertig sind. Hier wird nicht nur der Humanismus als Höherstellung des Menschen über die „Schöpfung“ sichtbar, sondern auch der Adultismus als diskriminierendes Verhalten von Erwachsenen gegenüber Kindern (Naiv-Kollektiv).

Kinder müssen zuerst zu Menschen erzogen und gebildet werden, weil sie „Noch nicht“ vollwertig sind.

Auch Wimmer (2019) bezeichnet in seinem Text zur „Fremdheit der Generationen“ die Kindheit als „ein Kindheitsgefängnis in Gestalt eines Vorstellungssystems“, welches im Zuge der Rationalisierung und Verwissenschaftlichung des Kindes entstanden ist und „aus dem es kein Entkommen gibt“ (S.292). In dieser Denkweise ist Bildung keine Möglichkeit, sondern eine Notwenigkeit überhaupt erst Mensch zu werden.

Das Versprechen der Bildung ans „Noch nicht“ und „Aber dann“ wird aktuell nicht als Versprechen, sondern als Verheissung gehuldigt, als machbares Lebensziel. Bildung wird nicht als prekär und von Zufall und Scheitern eröffnete Möglichkeit gesehen, sondern als machbare Utopie und vorhersagbare Zukunft „verkauft“. Insofern könnte die Coronakrise auch aufzeigen, wie instabil und krisenanfällig unsere Gesellschaft und unsere Vorstellungssysteme sind und wie utopisch es ist Bildung als Verheissung der Zukunft des Menschen zu betrachten.

Bildung wird nicht als prekär und von Zufall und Scheitern eröffnete Möglichkeit gesehen, sondern als machbare Utopie und vorhersagbare Zukunft „verkauft“.

Zwar sagt Wimmer, dass er keinen neue Bildungsbegriff definieren will (S.2) und doch prägt er mit seinem Versuch die richtigen Fragen zu einem posthumanistischen Bildungsbegriff zu stellen, eine gewisse Eingrenzung und Definition des Möglichkeitsraumes.

Zusammenfassend könnte gesagt werden, dass Bildung in sich gewisse Möglichkeiten beinhaltet und gleichzeitig die Unmöglichkeit dieser Möglichkeiten, ihr Versprechen und Scheitern schon immer inkludiert ist. Trotz der wachsenden Möglichkeiten und der zunehmenden Schwierigkeit das Mögliche als fremd zu erfahren, spricht sich Wimmer dafür aus sich immer wieder irritieren zu lassen und in der Möglichkeit im Anderen innezuhalten. Somit ist Bildung das Innehalten im unerwarteten Fremden, das uns in uns selbst oder in unserem aussen überrascht und die Grenzen des Möglichen sichtbar und fühlbar macht. Durch die Irritation der Grenzen der eigenen Möglichkeits-Vorstellung wird die subjektive Wirklichkeit als eine höchst unsichere Angelegenheit erlebbar. Das Subjekt selbst erlebt sich nicht nur handelnd, sondern ist auch ausgesetzt.

Somit ist Bildung das Innehalten im unerwarteten Fremden, das uns in uns selbst oder in unserem aussen überrascht und die Grenzen des Möglichen sichtbar und fühlbar macht.

Insofern könnte posthumanistische Bildung das Ziel haben sich nicht nur als immer schon vollwertiges Subjekt das Selbst und die Welt anzueignen, sondern in allem auch die Unsicherheit gegenüber dem Anderen in sich selbst, in der Umgebung, der Technik und der Zukunft weder „neutralisieren“ noch hierarchisch codieren zu wollen (S.7), sondern darin innezuhalten.

 

Literatur:

Naiv-Kollektiv. ADULTwaahs?. Besucht am 26.04.2020 von https://www.naiv-kollektiv.org/

Masschelein, J.; Ricken, N. (2003). Do We (Still) Need the Concept of Bildung? Educational Philosophy and Theory, 35:2, 139-154.

Ricken, N. (1999). Subjektivität und Kontingenz. Pädagogische Anmerkungen zum Diskurs menschlicher Selbstbeschreibungen. In Vierteljahreschrift für wissenschaftliche Pädagogik (S.208-237).

Vetter, Ch (o.J.). Rezension zu Michael Wimmer: Posthumanistische Pädagogik (2017). https://www.socialnet.de/rezensionen/22966.php

Wimmer, M. (2019). Posthumanistische Pädagogik. Unterwegs zu einer poststrukturalistischen Erziehungswissenschaft. Paderborn: Verlag Ferdinand Schöningh.

Ist Shoppen ein Hobby?

„Das Funktionieren der modernen Wirtschaft, die auf Arbeit und Arbeitende abgestellt ist, verlangt  dass alle weltlichen Dinge in einem immer beschleunigteren Tempo erscheinen und verschwinden“ (Arendt, 1972, S.14).

Wir verbrachten unsere Ferien in Berlin. Da wir in Bälde zu einer Hochzeit eingeladen sind, haben wir den Kindern eines Morgens gesagt, dass wir einkaufen gehen. Wir wollten uns alle neue Kleider kaufen.

In der grossen Stadt gibt es zig Shopping-Tempel. Unser erster Laden war ein Schuh-Laden. Die Kinder probierten dies und das an und wollten sich schon für ein Paar entscheiden. Wir hielten sie davon ab, denn es gab ja noch so viele andere Läden, dass es schade wäre, das erstbeste Paar zu kaufen. Vielleicht kommt ja noch `was Passenderes oder ehrlich gesagt `was Besseres. Unser zweiter Laden war ein Kleider-Geschäft. Ich suchte mit dem Jüngeren ein paar Hosen und ein T-Shirt raus. Er probierte diese an und befand beides für gut. Beim Hineingehen in das Geschäft hatte ich gesehen, dass es noch zwei weitere Kinderkleider-Läden nebenan hatte und sagte: „Komm, lass uns noch in den anderen Läden schauen, was es so gibt.“ Wir machten uns auf den Weg und als wir im anderen Laden standen, fragte mein Sohn:

„Mama, warum muss ich noch mehr Kleider anschauen? Ich habe alles, was ich brauche gekauft und den Rest habe ich noch Zuhause.“

Ich war baff. Er hatte mir gerade eine Lektion erteilt. Ich dachte immer, nicht zu denen zu gehören, die Shoppen als Hobby betreiben, sondern dass ich nur dann einkaufe, wenn ich etwas wirklich brauche. Nun habe ich mich dabei ertappt, dass ich enttäuscht war, dass unser Shopping-Tag schon nach zwei Läden beendet war.

Als ich am  nächsten Tag in meiner aktuellen Lektüre „Vita activa oder Vom tätigen Leben“ von Hannah Arendt (1972) weiter las, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Die Autorin beschreibt (S.16-17), dass Arbeit, Herstellen und Handeln nicht dasselbe sind und das erklärte mir die Tatsache, wie Shoppen ein Hobby werden konnte.

Arbeit ist für das Überleben da. Wir erarbeiten, was wir verbrauchen, z.B. Nahrungsmittel, also notwendige Verbrauchs- oder auch Konsumgüter.

Herstellen bedeutet ein Werk zu vollenden, welches von längerem Bestand ist und über die Selbsterhaltung hinausgeht, z.B. einen Tisch oder einen Teppich, also ein nützliches Gebrauchsgut.

Handeln indes beschreibt, was zwischen den Menschen ist. Das Sprechen und auch das Denken, welche die Gründung und Erhaltung von politischen Gemeinwesen ermöglichen.

Wenn nun in der modernen Gesellschaft alles erscheint und verschwindet, wie im Zitat zu Beginn, dann bedeutet dies, dass alle Gebrauchsgüter Verbrauchsgüter geworden sind. In der Folge möchte ich an Hand des Textes von Hannah Arendt eine mögliche Erklärung  geben, wie es dazu kommen konnte.

Die Arbeitskapazität ist eigentlich durch die Konsumkapazität limitiert. D.h. es können nicht mehr Verbrauchsgüter erarbeitet werden als die Menschen zur Erhaltung des Lebens verbrauchen.

Grenzenlos kann nur die Anhäufung von Gebrauchsgütern in Sinne von immer mehr Besitz sein, was dazu führt, dass eine im Überfluss lebende Gesellschaft so mit Gebrauchsgütern anfängt umzugehen, als seien sie Verbrauchsgüter. „Das Gebrauchen überhaupt in ein Verbrauchen umzuwandeln, so dass ein Stuhl oder ein Tisch schnell verbraucht wird … Diese Art und Weise, mit den Dingen der Welt umzugehen, ergibt sich ganz natürlich aus der Weise, in der sie produziert werden“ (S.147).

Der Produktionsprozess von Gebrauchsgüter wurde durch die Arbeitsteilung kleinschrittiger. Die Herstellung wird in einzelne Schritte, welche von verschiedenen Personen ausgeführt werden, aufgeteilt. Dies geht einerseits mit einer Spezialisierung und einer Vereinfachung einher. Der einzelne Arbeitsschritt wird spezialisiert, aber auch teilweise so vereinfacht, dass jede Person diesen ausführen kann. Durch die Arbeitsteilung wurde der Herstellungsprozess eines Gebrauchsgutes kleinschrittiger, wiederholender und beschleunigter, was eher dem Charakter eines Arbeitsprozesses entspricht (S.148). Durch den Einsatz von Maschinen, die gewisse wiederholende Produktionsschritte schneller ausführen als Menschen wird Überfluss erwirtschaftet.

„Der Überfluss, den die Massenfabrikation in die Welt wirft, macht die erzeugten Dinge automatische zu Konsumgütern“ (S.149).

Dass nun Gebrauchsgüter, wie eben Kleider oder Möbel zu Konsumgütern (Verbrauchsgütern) werden konnten, ist noch auf einen weiteren Umstand zurückzuführen und zwar die freie Zeit, die es zu füllen gilt. Viele Menschen der westlichen Welt sind teilweise von der Arbeit (Beschaffen des zum Leben Notwendigen) befreit und haben relativ viel Freizeit. Das hat schon Marx vorausgesagt und er prophezeite weiter, dass der Mensch in seiner freien Zeit sich nicht um das Handeln, also das Gemeinwesen kümmern werde „sondern seine Zeit im wesentlichen mit den privaten und weltunbezogenen Liebhabereien vertun werde, die wir Hobby nennen“ (S.138).

Die Grenzen zwischen Shoppen als Hobby, resp. Zeitvertreib und Kaufsucht sind fliessend. Dazu noch ein SRF-Rundschau-Bericht vom Januar 2019 „Kaufsucht: Kaum ein Thema in der Gesellschaft“. Das grösste Problem ist, dass (Zitat aus dem Beitrag) „Shoppen gesellschaftlich anerkannt ist und wirtschaftlich erwünscht“.

Mehr Chaos, bitte!

Unsere Welt ist komplex. unvorhersehbar. schnell. spannend. möglich.

Ich habe das Gefühl, dass es Menschen gibt, auch Eltern und Lehrpersonen, denen das Angst macht. Sie reagieren darauf mit Kontrolle. Planung. Anstrengung. Stress.

Die komplexe Welt wird als Belastung erlebt. Entscheidungen zu treffen zur Qual. Reaktionen darauf sind Rückzug. Zynismus. Überwältigung. Ohnmacht.

Oder überbordernder Aktionismus. Aggression gegen Andere (weil die an meiner Unsicherheit schuld sind). Massive Vereinfachung.

Vereinfachung reduziert Komplexität. Wird jedoch dem Umstand nicht mehr gerecht.

Was also tun?
Vertrauen haben in sich und seine Umwelt.
Zufall und Schicksal als Teil des Lebens sehen.
Stabile Beziehungen zu Menschen pflegen.

Und v.a. einfach neugierig sein, was das Chaos des nächsten Augenblicks für Möglichkeiten bereithält und versuchen zuversichtlich in die Zukunft zu schauen.

Es kommt gut!

Erziehung können wir uns schenken

Nachdem ich gefühlte zig-1000 Mal in den letzten paar Jahren dieselben Erziehungs-Situationen erlebt habe, bin ich etwas desillusioniert, was Erziehung angeht. Bringt es überhaupt was, wenn wir unsere Kinder erziehen? Können wir uns den Stress sparen?

Solange ein Kind gegenüber meinen Interventionen und Erklärungsversuchen keine Einsicht zeigt, gibt es keine Verhaltensveränderung, ausser über Zwang & Gewalt, aber dies ist definitiv nicht anzustreben.

Was ist Erziehung?

Unter Erziehung versteht man die pädagogische Einflußnahme auf die Entwicklung und das Verhalten Heranwachsender. Dabei beinhaltet der Begriff sowohl den Prozeß als auch das Resultat dieser Einflußnahme.“ Der Erziehungswissenschaftler Wolfgang Brezinka definiert Erziehung als „Handlungen […], durch die Menschen versuchen, das Gefüge der psychischen Dispositionen anderer Menschen in irgendeiner Hinsicht dauerhaft zu verbessern oder seine als wertvoll beurteilten Bestandteile zu erhalten oder die Entstehung von Dispositionen, die als schlecht bewertet werden, zu verhüten“ (Wikipedia).

Mit Erziehung bezwecken Erwachsene ein Kind, seine Psyche, gezielt zu beeinflussen oder gar zu verbessern. Dies impliziert, dass ein Kind ein unfertiges Wesen ist, das durch Erwachsene optimiert werden muss. Diese Optimierung ist abhängig von den Werten und Normen der Eltern und der jeweiligen Gesellschaft. Ein Kind soll so geformt werden, dass es passt.

Erziehung ist kein Handwerk

Dabei wird aus meiner Sicht vernachlässigt, dass das Kind kein Tonklumpen ist, der sich nach den  Wünschen und Vorstellungen des Töpfers modellieren lässt. Der Ton (Kind) hat ein Eigenleben – Er formt sich selber und wiedersetzt sich dem Töpfer.

Ich habe in den letzten acht Jahren keine Gebrauchsanweisung für Erziehung und das Formen von Kindern gefunden. Was beim einen Kind Einsicht fördert, bewirkt beim Anderen nicht die kleinste Reaktion. Nach meiner Ansicht gibt es keine allgemein gültige Anleitung, wie ein Kind erzogen werden kann, auch wenn uns Ratgeber eines Anderen belehren wollen.

Der Widerstand der Kinder ist ihr Segen

Das ist zwar anstrengend und herausfordernd für Erwachsene, aber für die Kinder ist es ein Segen. Dadurch, dass sich Kinder unseren Wünschen widersetzen und Dinge tun, die sie gerne tun möchten, sind sie sich selber nah. Diese Achtsamkeit gegenüber sich selber, vermissen ganz viele Erwachsene und müssen sie mühsam wiederentdecken (Vielleicht, weil sie uns aberzogen worden ist?). Darum überlege ich mir, ob ich Erziehung im oben definierten Sinne weiterhin anwenden will. Will ich dies meinen Kindern antun, dass sie mir und der Gesellschaft  entsprechen müssen und sich selber unterdrücken sollen?

Dazu habe ich folgende Literatur bestellt:

  • Alice Millers, Das wahre Drama des begabten Kindes & Am Anfang war Erziehung
  • Ekkehard von Braunmühl, Antipädagogik: Studien zur Abschaffung der Erziehung

Meine Theorie ist noch in keiner Art und Weise ausgereift. Meine Gedanken kreisen darum, dass es Regeln braucht, die das Zusammenlegen ermöglichen (Hannah Arendt) zudem braucht es eine neue Art der Beziehungsgestaltung (Paulo Freire), Wertschätzung der Gefühle (Alice Millers) undeine grosse Portion Verhandlungskompetenz (Robert Selman). Wenn ich weiter überlegt habe, werde ich einen weiteren Text schreiben.

Falls dich das Thema auch interessiert und du dir auch schon mal überlegt hast mit dem Erziehen aufzuhören, dann freue ich mich über deinen Kommentar.

Ich wünsche dir eine gesegnete Adventszeit und vielleicht schenkst du dir zu Weihnachten die Erziehung (oder allenfalls mal eine Erziehungspause)!

Lieber Samichlaus

Der 6. Dezember ist dein grosser Tag. Ein Tag, den die Kinder herbeisehnen und auch die Eltern in eine nostalgische Stimmung versetzt. Es ranken viele Legenden, um deine Herkunft. In den einen bist du ein reicher Waisenjunge, der seinen Gewändern Taschen annähen lässt, um den armen Kindern Mandarinen und Nüsse bringen zu können (Morgenthaler, 1971). In einer anderen Überlieferung geht dein Besuch bei den Kindern auf das Gleichnis der anvertrauten Talente aus der Bibel zurück, wo du die Kinder befragst, ob sie brav und fromm seien.

Noch heute beinhaltet dein Besuch eine Beurteilung des Verhaltens der Kinder. Hast du dir schon mal überlegt, was dies für die Kinder bedeutet? „Ein Kind, das die bewussten oder unbewussten Wünsche der Eltern erfüllt, ist ein „gutes“ Kind; wenn es sich aber weigert, dies immer zu tun und eigene Wünsche hat, die den elterlichen zuwiderlaufen, wird es als egoistisch und rücksichtslos bezeichnet“ (Miller, 2016, S.9). Böse, berechnende, faule und eifersüchtige Kinder bekommen von dir die Rute.

Weisst du, was mit Kindern (später den Erwachsenen) passiert, die nie ihre Gefühle, wie Eifersucht, Zorn, Verlassenheit, Ohnmacht und Angst zeigen und ausleben durften? Solche Kinder verlieren den Zugang zu ihren echten Gefühlen und damit ihr wahres Selbst. Sie verleugnen sich und ihre Emotion, um den Eltern und auch dir zu entsprechen. Die Kinder versuchen sich damit die Liebe der Eltern und auch deine Anerkennung zu verdienen.

Bist du wirklich der Meinung, dass nur anständige und verständnisvolle Kinder deine Zuneigung verdienen? Brauchen nicht auch Kinder, die eben nahe an ihren Gefühlen sind und diese auch zeigen genauso viel Liebe und Anerkennung?

Lieber Samichlaus, ich hoffe, dass du in diesem Jahr keine Ruten verteilt und bei allen Kindern viele ermutigende Worte aus deinem grossen Buch vorgelesen hast. Worte, die den Selbstwert und die Selbstannahme der Kinder stärkten. Nur wer sich selber wirklich liebt, kann auch andere lieben (ebd., S.10).

So wie sich deine Geschichte in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder gewandelt und zurückbesonnen hat, könnten wir deine Legende nach der Idee von Verena Morgenthaler zu Ende erzählen: „Nikolaus schritt durch die Strassen, warf seine Gaben unter die Menge und machte diesen Tag zu einem grossen Fest“ (Morgentahler, 1971).

Ich wünsche dir eine festliche und nachdenkliche Adventszeit!

 

Quellen:

  • Beitragsbild: Morgenthaler, V. (1971). Die Legende vom St. Nikolaus. Zürich: Orell Füssli Verlag. -> vergriffen
  • Miller, A. (2016). Das wahre Drama des begabten Kindes. und die Suche nach dem wahren Selbst (30. Auflage). Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.

Positives Kopfkino

Ich sass in einem Café und habe gearbeitet. Das tue ich manchmal, weil es dort feinen Café gibt und ich mich auswärts besser auf eine Sache konzentrieren kann, als zu Hause, wo mich öfters was ablenkt. Arbeiten im „third place“ (Ray Oldenburg) sozusagen. Als ich so da sass, las und schrieb, lenke sich meine Aufmerksamkeit auf eine Diskussion an einem der anderen Tisch.

Die Leute diskutierten über ein Kind, das anscheinend an einem Nachmittag alleine Zuhause war, alleine die Hausaufgaben machte und sich dann bei einem Nachbarn Hilfe holte, weil es bei einer Aufgabe nicht weiter wusste. Die Personen am Nachbartisch hielten sich darüber auf, dass beide Eltern viel arbeiten würden und deshalb das Kind alleine lassen sei, das gehe ja gar nicht, das würden sie nie tun.

Ich sass so da und stimmt innerlich mit ihnen überein, als sich plötzlich eine andere Stimme in meinem Kopf bemerkbar machte, die mich frage: „Und wenn die Eltern es doch gut machen?“ Ich sann darüber nach und da kam mir die Technik des Umdeutens aus dem lösungsorientierten Ansatz in den Sinn. Ich versuchte in einem positiven Kopfkino die Situation umzudeuten.

Die Eltern des Kindes kennen ihr Kind sehr gut und trauen ihm zu eine gewisse Zeit alleine zu sein. Das Kind kann das und hat nichts dagegen (vielleicht schätzt es sogar die Zeit ohne Eltern). Das Kind ist ausserordentlich zuverlässig und selbstorganisiert, sonst hätte es nicht ohne Hinweis seiner Eltern selber die Hausaufgaben begonnen. Das Kind hat anscheinend gute Ressourcen ein Problem zu erkennen und sich entsprechende Strategien sich Hilfe zu holen.

Wenn die Situation so betrachtet wird, dann hatte das Kind eine unglaubliche Lernmöglichkeit in dieser Alleine-Zeit. Es hat Selbstwirksamkeit erfahren und konnte am Abend seinen Eltern von den Erlebnissen erzählen, die es selber gemeistert hat. Die Eltern können stolz sein auf ihr Kind.

Ich finde, dass wir unseren Kinder etwas zutrauen dürfen. Wir müssen sie nicht vor der Welt beschützen, sondern sie in die Welt hinaus begleiten. Ohne die Eltern zu kennen und zu wissen, ob meine Umdeutung einen wahren Kern haben könnte, würde ich sagen, dass wir doch bevor wir eine Situation negativ beurteilen, auch vom Positiven ausgehen könnten.

Lasst uns edel scheitern!

„Das ist unfair. Ihr seid viel strenger als andere Eltern.“
Wenn es darum geht Regeln auszuhandeln oder unseren Kindern Grenzen aufzuzeigen, versuchen wir ihnen jeweils zu erklären, dass dies unsere Regeln und Grenzen als Eltern sind. In anderen Familien können diese ganz anders aussehen.
Letzte Woche stand wieder mal so ein Gespräch an. Ich sagte, dass wir versuchen so gute Eltern zu sein, wie nur möglich. Wir seien uns jedoch bewusst, dass Kinder, wenn sie erwachsen werden, ganz Vieles, was die Eltern machten, ganz doof finden werden, vielleicht sogar einen Knacks deswegen haben. Wir hätten sie auf jeden Fall mega lieb, aber Eltern seien einfach auch nur Menschen, die ab und zu gute, aber eben auch schlechte Entscheidungen treffen.
Einer der Beiden meinte darauf, dann sei es ja gut, wenn sie nicht immer gehorchten, dann seien sie selber auch etwas schuld an ihrem zukünftigen Knacks.

Wenige Tage später flatterte die NZZ, die ich wegen der Serie „So gelingt Erziehung“ abonniert habe, ins Haus. Der Psychologe Ph. Ramming sprach im Interview u.a. darüber, ob es die optimale Erziehung gebe. Dabei sagte er auf die Frage: Können Eltern ihre Kinder überhaupt richtig erziehen?

Nein, die Frage ist eher: Passt eine Erziehung oder nicht? Nicht alle Eltern sind gleich gute Eltern für jede Altersstufe: Manche Mütter sind Babymütter, haben aber Stress in der Pubertät; manche Väter sind Fussballväter und können früher oder später mit ihren Kindern nichts anfangen. Jeder Elternteil hat sein eigenes Profil: Manchmal passt es besser, manchmal weniger gut. Erziehung ist Scheitern in Raten. Eltern sollten aber den Ehrgeiz haben, bei der Erziehung edel, vornehm und in höchster Eleganz zu scheitern.

„Erziehung ist Scheitern auf Raten“. Meine Worte. Dies ist nicht als Desillusionierung gedacht, sondern als Entkrampfungsangebot, also einfach Vertrauen ins Kind und sich selber zu haben.

Dabei sehe ich Parallelen zur Kommunikation.  Nach F. Schulz von Thun ist das Missverständnis die Regel. Dabei ist es doch erstaunlich wie oft wir uns doch irgendwie verstehen.

Dasselbe denke ich, ist bei der Erziehung auch de Fall. Obwohl das Scheitern die Norm ist, begeben sich die meisten Kinder als junge Erwachsene auf einen guten Weg. Das bedeutet Hoffnung und Mut für alle Eltern, darum lasst uns in höchster Eleganz und in gegenseitiger Unterstützung scheitern!