Wandeltiefe und #FlexSchule

Wandeltiefe meint, wie radikal ein Wandel, eine Veränderung sein darf und soll.

Bezogen auf Raumkonzepte wurde mir der Begriff von Katharina Lenggenhager schulraumentwicklung.ch vermittelt. Sie erklärte uns, dass beim Neudenken von Schulraum die bauliche Eingriffstiefe beachtet werden muss. Dies bedeutet, dass Veränderung nicht als schwarz oder weiss, sondern in einem Kontinuum zwischen: Möbel umstellen, Wand bemalen, und einen Lernort neu bauen besprochen werden können. Zudem macht es Sinn nicht in Sachen und Räumen zu denken, sondern in Tätigkeiten. Was soll in einem Lernraum getan werden können.

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Verben sortiert nach baulicher Eingriffstiefe (Quelle: Katahrina Lenggenhager)

Es liegt auf der Hand, dass schlafen durch die Organisation einer Matratze einfacher möglich ist als klettern, natürlich je nach Ort. Der Kontext, also der Ort, die Situation und die Veränderungsbeteitschaft resp. -druck begrenzen zusätzlich das, was aktuell möglich scheint.

Die verschiedenen Debatten und Initiativen rund um die Veränderung der Schule setzten an ganz unterschiedlichen Wandeltiefen an. Es gibt Initiativen, die grundsätzlich die Abschaffung der Institution Schule wünschen, um das Lernen radikal zu befreien und andere wünschen sich mehr partizipative Strukturen, indem Kinder Schule mitgestalten dürfen. Wieder andere fordern die Lektionen abzuschaffen und die Anfangs- & Schlusszeiten zu öffnen.

Als Schulleiterin einer Volksschule bin ich für die Schule als Institution, weil das System trotz seiner breit diskutierten Mängel doch auch eine Errungenschaft ist. Alle Kinder (Mädchen, Wenigerbegüterte etc.) dürfen (müssen) gratis zur Schule gehen und Grundfertigkeiten lernen, die sie befähigen am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Trotz allem kann ich auch den Wunsch nach Veränderung spüren. Es liegt was in der Luft. Ich bin dafür nicht nur im System, sondern auch am System zu arbeiten. Dazu habe ich einen Entwurf zur #FlexSchule geschrieben. Wen es interessiert, wie Präsenz-& Fernunterricht oder Präsenz-& Heimunterricht kombiniert werden könnten, findet die zwei Papiere unten.

„Die einzige Konstante im Leben ist die Veränderung“, sagte Heraklit. Jedoch haben wir oft Spielraum bei der Wandeltiefe.

 

2020_05_24_FlexSchule_Fern_CC_Web

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Bildung als utopische Möglichkeit

Essay zu „Antihumanismus, Transhumanismus, Posthumanismus – Bildung nach ihrem Ende“ von M. Wimmer (2019)

In diesem Essay soll es darum gehen, wie „Möglichkeiten“ zu Bildung werden können. Nach Wimmer ist nicht jede persönliche Erfahrung oder Veränderung automatisch schon Bildung oder nutzt die Möglichkeit zur Bildung, sondern seiner Meinung nach entsteht erst sowas wie Bildung, wenn damit das Eigene durch das Fremde irritiert wird (S.5). Wimmer geht in seinem Text zum Antihumanismus etc. auf die Frage ein, was mit „der Bildung“ in der ganzen Breite des Begriffs nach ihrem Ende geschehe. Er hat nicht den Anspruch einen posthumanistischen Bildungsbegriff zu definieren, sondern will „lediglich das Terrain sondieren, um etwas mehr Klarheit darüber zu bekommen, wonach eigentlich zu fragen wäre, wenn man heute nach der Möglichkeit von Bildung fragt“ (S.2).

Nach Masschelein und Ricken (2003) zeigen sich zwei Bedeutungskerne von Bildung. Einerseits als Wissenskanon, der auf das humanistische Bildungsideal von Humboldt zurückgeht und andererseits als spezifische Art der Selbsterschaffung und Selbstoptimierung, nicht nur in Schulen, sondern in allen Bereichen der Gesellschaft (vgl. p.141).

2020_05_21_Möglichkeitsraum_von_Bildung

Die Möglichkeit der Selbsterschaffung und Selbstoptimierung des Menschen unterstellen die Funktionalität derselben als ökonomische Erfordernis, welche sich über die Selbstkontrolle durch pädagogische Prozesse vollzieht. Bildung verkommt zur Ware (S.3) und die Individualisierung als Subjektivierungsform ist das Werkzeug dazu (S.4).

Wimmer stellt in seinem Text den Bildungsbegriff, als in Aussicht gestellte Möglichkeit dar, und betont, dass Bildung schon immer einen utopisch-fiktionalen Charakter hatte (Vetter, o.J.). Die Möglichkeit des Scheiterns und ihre eigentliche Unmöglichkeit wurde auch schon im humanistischen Bildungsideal mitgedacht (S.5).

Insofern zeigt Wimmer auf, dass Bildung eine Utopie, eine Unmöglichkeit, im Sinne eines paradoxen Verhältnisses der Vorhersage von etwas Unvorhersagbarem, ist. Nach Massschelein und Ricken (2003, p.142) war Bildung immer schon auch ein Versprechen in der Zeit. Eingebettet in eine konstituierende Vergangenheit und eine unsichere Zukunft.

Bildung war schon immer ein Versprechen in der Zeit.

Das „in der Zeit sein“ eröffnet nicht nur, die Andersmöglichkeit der Bildung zu denken, sondern führt nach Wimmer unweigerlich dazu, auch die Andersmöglichkeit des Menschen in Betracht zu ziehen (S.16). Ricken (1999) schreibt dazu: „Menschen müssen sich zu sich selbst verhalten, wollen sie sich selbst verstehen“ (S.209). Dabei stellt sich das Problem, dass Menschen immer schon in die Gedanken über ihre eigenen Differenzen, verwickelt sind. Die zu bearbeitenden Differenzen werden daher meist in Hierarchien gedeutet und führen zum Schema von „Noch nicht“ und „Aber dann“ (S.210). Gerade in Bezug auf Kinder kommt das Schema als Versprechen des „Noch nicht“, „Aber dann“ in seiner ganzen Kraft zur Anwendung. Kinder müssen zuerst zu Menschen erzogen und gebildet werden, weil sie „Noch nicht“ vollwertig sind. Hier wird nicht nur der Humanismus als Höherstellung des Menschen über die „Schöpfung“ sichtbar, sondern auch der Adultismus als diskriminierendes Verhalten von Erwachsenen gegenüber Kindern (Naiv-Kollektiv).

Kinder müssen zuerst zu Menschen erzogen und gebildet werden, weil sie „Noch nicht“ vollwertig sind.

Auch Wimmer (2019) bezeichnet in seinem Text zur „Fremdheit der Generationen“ die Kindheit als „ein Kindheitsgefängnis in Gestalt eines Vorstellungssystems“, welches im Zuge der Rationalisierung und Verwissenschaftlichung des Kindes entstanden ist und „aus dem es kein Entkommen gibt“ (S.292). In dieser Denkweise ist Bildung keine Möglichkeit, sondern eine Notwenigkeit überhaupt erst Mensch zu werden.

Das Versprechen der Bildung ans „Noch nicht“ und „Aber dann“ wird aktuell nicht als Versprechen, sondern als Verheissung gehuldigt, als machbares Lebensziel. Bildung wird nicht als prekär und von Zufall und Scheitern eröffnete Möglichkeit gesehen, sondern als machbare Utopie und vorhersagbare Zukunft „verkauft“. Insofern könnte die Coronakrise auch aufzeigen, wie instabil und krisenanfällig unsere Gesellschaft und unsere Vorstellungssysteme sind und wie utopisch es ist Bildung als Verheissung der Zukunft des Menschen zu betrachten.

Bildung wird nicht als prekär und von Zufall und Scheitern eröffnete Möglichkeit gesehen, sondern als machbare Utopie und vorhersagbare Zukunft „verkauft“.

Zwar sagt Wimmer, dass er keinen neue Bildungsbegriff definieren will (S.2) und doch prägt er mit seinem Versuch die richtigen Fragen zu einem posthumanistischen Bildungsbegriff zu stellen, eine gewisse Eingrenzung und Definition des Möglichkeitsraumes.

Zusammenfassend könnte gesagt werden, dass Bildung in sich gewisse Möglichkeiten beinhaltet und gleichzeitig die Unmöglichkeit dieser Möglichkeiten, ihr Versprechen und Scheitern schon immer inkludiert ist. Trotz der wachsenden Möglichkeiten und der zunehmenden Schwierigkeit das Mögliche als fremd zu erfahren, spricht sich Wimmer dafür aus sich immer wieder irritieren zu lassen und in der Möglichkeit im Anderen innezuhalten. Somit ist Bildung das Innehalten im unerwarteten Fremden, das uns in uns selbst oder in unserem aussen überrascht und die Grenzen des Möglichen sichtbar und fühlbar macht. Durch die Irritation der Grenzen der eigenen Möglichkeits-Vorstellung wird die subjektive Wirklichkeit als eine höchst unsichere Angelegenheit erlebbar. Das Subjekt selbst erlebt sich nicht nur handelnd, sondern ist auch ausgesetzt.

Somit ist Bildung das Innehalten im unerwarteten Fremden, das uns in uns selbst oder in unserem aussen überrascht und die Grenzen des Möglichen sichtbar und fühlbar macht.

Insofern könnte posthumanistische Bildung das Ziel haben sich nicht nur als immer schon vollwertiges Subjekt das Selbst und die Welt anzueignen, sondern in allem auch die Unsicherheit gegenüber dem Anderen in sich selbst, in der Umgebung, der Technik und der Zukunft weder „neutralisieren“ noch hierarchisch codieren zu wollen (S.7), sondern darin innezuhalten.

 

Literatur:

Naiv-Kollektiv. ADULTwaahs?. Besucht am 26.04.2020 von https://www.naiv-kollektiv.org/

Masschelein, J.; Ricken, N. (2003). Do We (Still) Need the Concept of Bildung? Educational Philosophy and Theory, 35:2, 139-154.

Ricken, N. (1999). Subjektivität und Kontingenz. Pädagogische Anmerkungen zum Diskurs menschlicher Selbstbeschreibungen. In Vierteljahreschrift für wissenschaftliche Pädagogik (S.208-237).

Vetter, Ch (o.J.). Rezension zu Michael Wimmer: Posthumanistische Pädagogik (2017). https://www.socialnet.de/rezensionen/22966.php

Wimmer, M. (2019). Posthumanistische Pädagogik. Unterwegs zu einer poststrukturalistischen Erziehungswissenschaft. Paderborn: Verlag Ferdinand Schöningh.

Warten auf die Schule

Nun beginnt das grosse Warten auf die Schule. Die Kinder wissen, dass sie in einer Woche wieder zur Schule gehen dürfen. Jeder Tag des Wartens trennt sie nun davon. Der Fernunterricht, das Spielen und Draussen sein, sind zwar okay, aber nach acht Wochen auch etwas monoton. Die Tage ähnlich, ob Wochentag oder Wochenende unterscheidet sich nur durch die Freiwilligkeit der Aktivitäten. Einer unsere Jungs sagte: „Es ist einfach langweilig, also nicht, dass ich zu wenig zu tun habe. Aber es ist nicht das, was ich am liebsten machen würde: Mit meinen Freunden zusammen sein.“

Im Warten bin ich in einem Zustand des Kommenden. Die Toleranz das Nicht-zu-Ändernde positiv zu sehen ist nicht mehr so gross wie zu Beginn der Schulschliessung als alles aufregend war. Routine hat sich eingestellt. Emotionen gehen hoch, weil der Zustand schon länger andauert und das Ziel noch nicht da ist. Antriebslosigkeit zeigt sich, weil der Ersatz nicht das Ziel ist.

Es ist nicht das, was ich am liebsten machen würde: Mit meinen Freunden zusammen sein.

Die Schule findet wieder statt. Erst in einer Woche. Vorfreude und Abwarten können ein Gefühlschaos in den Kindern verursachen.
Wir Eltern können sie dabei unterstützen und Verständnis zeigen. Dabei müssen wir auch unsere eigene Ängste und limitierten Kräfte ernst nehmen.

Ich wünsche dir (und mir!) Geduld mit den Kindern und mit dir selbst für die nächste Woche. Und ich freue mich auch, dass die Schulen wieder öffnen! Gemeinsam gehen wir die Herausforderung an.

Zu diesem Post hat mich ein Gespräch heute Morgen mit meinem Sohn inspiriert und der Nachtclub vom Mi, 29.04.2020, als ein Mädchen um ca. 22.30 Uhr Ralph Wicki anrief, um zu erzählen, dass sie sich so sehr auf die Schule und ihre Freundinnen freut. Hier der Ausschnitt:

Kreativität braucht Feedback

Ich habe schon mehrere Texte und Filmchen zu Design Thinking genossen und oft gedacht, dass dies doch eigentlich ein ganz natürliches Vorgehen beschreibt, wie Neues in die Welt kommt. Erwachsene versuchen damit (Kunden-) Probleme zu lösen, Kinder nutzen dies im freien Spiel.

Ich bin der Überzeugung dass wir Design Thinking im Blut haben! Und zwar von Geburt an. (Zitat aus Publishing-Blog)

Folgende Situation scheint mir dies zu bestätigen. Letzthin zeigte mir unser Sohn ein Lego- Gebilde. Ich fragte ihn, wie er das gebaut habe. Seine Antwort war. „Ich mache es wie du, wenn du einen Text schreibst. Du hast gesagt, dass du einfach mit einem Text beginnst und sich dann die Gedanken von selber ordnen. Also: Ich wollte etwas bauen. Ich hab dann einfach angefangen, dann ist die Landschaft nach und nach entstanden.

Gell, wenn man nicht anfängt, entsteht auch nichts.

Er sagte weiter, dass er sein Gebilde seinem Bruder zeige und der ihm sage es sei toll. Manchmal sage er auch, was er anders machen könnte & liefere weitere Ideen zum weiterbauen. Kreativität & Feedback- Schlaufen sind wohl wirklich in uns drin.

Vielleicht setzt du sie heute bewusst ein. Oder du fängt einfach mal an, das umzusetzen, was du immer schon tun wolltest.

Neues lernen braucht Energie

Ich frage unsere Kinder jeweils am Mittag, wie die Schule so war. Der Jüngere erzählt, dass er an diesem Morgen „viel arbeiten“ musste. Ich frage nach, ob das nun gut sei oder wie er das erlebt habe. Das sei sehr gut und „es fägt mega“. Ich war eher erstaunt über seine Aussage und wir plauderten weiter. Nach ein paar Minuten sagt er: „Weisst du, ich mag entweder ganz schwierige Aufgaben, wo ich arbeiten muss oder bubigägi einfache Aufgaben, aber das Mittelschwere mag ich gar nicht.“ Sein Bruder pflichtete ihm bei.

Ihre Empfindung deckt sich so gar nicht mit den Lehrbüchern und der Ansicht, dass Lern-Aufgaben eben nicht zu schwer oder zu einfach sein sollten, sondern eben eher so mittelschwer. Da ich ja viel lese, bin ich auf einen spannenden Umstand gestossen, der mir die Empfindung der Buben erklärt und zwar mit der Funktion des Gehirns beim Denken.

Zwei Denk-Prozesse

Im Gehirn gibt es für die Geschwindigkeit und die Beschaffenheit des Denkens das System 1 und das System 2.

Das System 1 ist schnell und automatisiert. Alles, was wir tun und uns nichts dabei denken, wird im System 1 abgewickelt. Also alltägliche, routinemässige Wahrnehmungs- und Denkleistungen, aber auch emotionale Wahrnehmung, wie Gesichter erkennen, etwas schön finden, sprechen, Auto fahren usw. Das System 1 erleichtert uns den Alltag ungemein. Es wird angenommen, dass System 1 keine oder wenig Energie verbraucht.

Das System 2 ist langsam, bewusst und willentlich kontrolliert. Dieses Denksystem fokussiert auf eine Aufgabe, kontrolliert die Denkleistung und bedeutet Anstrengung. Dies ist der Fall, wenn wir etwas Neues lernen. Das Ziel davon ist das Neue soweit zu lernen, dass es ins System 1 übergeht.

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Energetisieren

Es wird vermutet, dass das System 2 viel Energie braucht. Das Gehirn nimmt die Energie in Form von Glukose aus dem Blut auf. Dabei verwendet das Gehirn ca. 20-25% des Gesamt-Energie-Bedarfs eines Tages. Die Energetisierung bezieht sich jedoch nicht nur auf die „Nahrungszufuhr“, sondern auch auf die Motivation. Da das Denken/Lernen im System 2 anstrengend ist und der Körper sehr effizient und ressourcenschonend funktioniert, braucht es ein gewisses Interesse an einem Thema oder die Sichtweise, dass das zu Lernende vielleicht jetzt gerade nicht so spannend ist, aber die Voraussetzung für weitere spannende Lern-Inhalte bildet, um den Aufwand auf sich zu nehmen. Bei Kindern ist dieser Belohnungsaufschub eher schwierig herzustellen, da sie sehr fest im Jetzt leben. Damit ein Mensch Energie für einen Lerngegenstand mobilisiere, muss er von Innen her (intrinsisch) motiviert sein zu lernen. Nach Kruse (2017) gründen viele Lern- und Denkprobleme in einem Mangel an Energetisierung.

Der Punkt ist, dass ein Kind, oder auch ein Erwachsener nicht von Aussen energetisiert werden kann. Er muss selber den Aufwand fürs Lernen betreiben wollen, weil das Thema für ihn bedeutsam ist. Wenn Lehrpersonen, Eltern, Dozenten oder Vorgesetzte dies versuchen für eine Person zu übernehmen, braucht das auf ihrer Seite sehr viel Energie und ist nicht befriedigend.

Zurück an den Küchentisch

Ich komme auf die Szene mit den Buben am Mittag zurück. Nach ihrer Aussage sollen Aufgaben entweder ganz leicht oder schwer sein, d.h. dass sie entweder im System 1 laufen möchten, also keinen Aufwand betreiben oder dann tief im System 2 in einem Thema, welches sie fasziniert. Wenn der Lerngegenstand für die Kinder bedeutsam und faszinierend ist oder sie sich in einem Wettkampf beweisen wollen, dann macht es ihnen Spass Energie fürs Lernen einzusetzen.

Schwierig sind für sie die Aufgaben, die für sie nicht bedeutsam sind und nicht einfach „aus dem Ärmel geschüttelt“ werden können. Darum kann ich nun gut verstehen, warum die Buben  mittelschwere Aufgaben doof finden.

Nachtrag zum Energetisieren und der Vielfalt in Gruppen

Nach diesem Modell kann man sich auch überlegen, dass nicht alle Personen bei den gleichen Aufgaben im System 1 oder 2 „laufen“. Für eine Person, die kognitiv eher Mühe hat oder eine Person, die kognitiv stark ist, „läuft“ die gleiche Aufgabe je im anderen System ab. Für die Schule heisst das, dass kognitiv stärkere Kinder weniger Energie für die Schule verwenden, als kognitiv schwächere SchülerInnen. Jedoch haben wohl die kognitiv schwächeren SchülerInnen die besseren Strategien, wie sie sich selber energetisieren können, als kognitiv stärkere SchülerInnen, die dies seltener anwenden müssen. Daher brauchen auch kognitiv stärkere SchülerInnen unbedingt Aufgaben, die sie ins System 2 bringen, damit sie lernen „den inneren Schweinehund“ zu überwinden und Energie zu mobilisieren.

Ich wünsche dir für das neue Jahr viel Energie und v.a. intrinsische Motivation Neues zu denken und deinen Horizont zu erweitern. Viel Spass dabei!

 

Den Sachverhalt habe ich dem Buch: Kruse, O (2017). Kritisches Denken und Argumentieren (Seiten 27, 28, 33, 34). Konstanz: Verlag Huter & Roth KG

Erziehung können wir uns schenken

Nachdem ich gefühlte zig-1000 Mal in den letzten paar Jahren dieselben Erziehungs-Situationen erlebt habe, bin ich etwas desillusioniert, was Erziehung angeht. Bringt es überhaupt was, wenn wir unsere Kinder erziehen? Können wir uns den Stress sparen?

Solange ein Kind gegenüber meinen Interventionen und Erklärungsversuchen keine Einsicht zeigt, gibt es keine Verhaltensveränderung, ausser über Zwang & Gewalt, aber dies ist definitiv nicht anzustreben.

Was ist Erziehung?

Unter Erziehung versteht man die pädagogische Einflußnahme auf die Entwicklung und das Verhalten Heranwachsender. Dabei beinhaltet der Begriff sowohl den Prozeß als auch das Resultat dieser Einflußnahme.“ Der Erziehungswissenschaftler Wolfgang Brezinka definiert Erziehung als „Handlungen […], durch die Menschen versuchen, das Gefüge der psychischen Dispositionen anderer Menschen in irgendeiner Hinsicht dauerhaft zu verbessern oder seine als wertvoll beurteilten Bestandteile zu erhalten oder die Entstehung von Dispositionen, die als schlecht bewertet werden, zu verhüten“ (Wikipedia).

Mit Erziehung bezwecken Erwachsene ein Kind, seine Psyche, gezielt zu beeinflussen oder gar zu verbessern. Dies impliziert, dass ein Kind ein unfertiges Wesen ist, das durch Erwachsene optimiert werden muss. Diese Optimierung ist abhängig von den Werten und Normen der Eltern und der jeweiligen Gesellschaft. Ein Kind soll so geformt werden, dass es passt.

Erziehung ist kein Handwerk

Dabei wird aus meiner Sicht vernachlässigt, dass das Kind kein Tonklumpen ist, der sich nach den  Wünschen und Vorstellungen des Töpfers modellieren lässt. Der Ton (Kind) hat ein Eigenleben – Er formt sich selber und wiedersetzt sich dem Töpfer.

Ich habe in den letzten acht Jahren keine Gebrauchsanweisung für Erziehung und das Formen von Kindern gefunden. Was beim einen Kind Einsicht fördert, bewirkt beim Anderen nicht die kleinste Reaktion. Nach meiner Ansicht gibt es keine allgemein gültige Anleitung, wie ein Kind erzogen werden kann, auch wenn uns Ratgeber eines Anderen belehren wollen.

Der Widerstand der Kinder ist ihr Segen

Das ist zwar anstrengend und herausfordernd für Erwachsene, aber für die Kinder ist es ein Segen. Dadurch, dass sich Kinder unseren Wünschen widersetzen und Dinge tun, die sie gerne tun möchten, sind sie sich selber nah. Diese Achtsamkeit gegenüber sich selber, vermissen ganz viele Erwachsene und müssen sie mühsam wiederentdecken (Vielleicht, weil sie uns aberzogen worden ist?). Darum überlege ich mir, ob ich Erziehung im oben definierten Sinne weiterhin anwenden will. Will ich dies meinen Kindern antun, dass sie mir und der Gesellschaft  entsprechen müssen und sich selber unterdrücken sollen?

Dazu habe ich folgende Literatur bestellt:

  • Alice Millers, Das wahre Drama des begabten Kindes & Am Anfang war Erziehung
  • Ekkehard von Braunmühl, Antipädagogik: Studien zur Abschaffung der Erziehung

Meine Theorie ist noch in keiner Art und Weise ausgereift. Meine Gedanken kreisen darum, dass es Regeln braucht, die das Zusammenlegen ermöglichen (Hannah Arendt) zudem braucht es eine neue Art der Beziehungsgestaltung (Paulo Freire), Wertschätzung der Gefühle (Alice Millers) undeine grosse Portion Verhandlungskompetenz (Robert Selman). Wenn ich weiter überlegt habe, werde ich einen weiteren Text schreiben.

Falls dich das Thema auch interessiert und du dir auch schon mal überlegt hast mit dem Erziehen aufzuhören, dann freue ich mich über deinen Kommentar.

Ich wünsche dir eine gesegnete Adventszeit und vielleicht schenkst du dir zu Weihnachten die Erziehung (oder allenfalls mal eine Erziehungspause)!

Lieber Samichlaus

Der 6. Dezember ist dein grosser Tag. Ein Tag, den die Kinder herbeisehnen und auch die Eltern in eine nostalgische Stimmung versetzt. Es ranken viele Legenden, um deine Herkunft. In den einen bist du ein reicher Waisenjunge, der seinen Gewändern Taschen annähen lässt, um den armen Kindern Mandarinen und Nüsse bringen zu können (Morgenthaler, 1971). In einer anderen Überlieferung geht dein Besuch bei den Kindern auf das Gleichnis der anvertrauten Talente aus der Bibel zurück, wo du die Kinder befragst, ob sie brav und fromm seien.

Noch heute beinhaltet dein Besuch eine Beurteilung des Verhaltens der Kinder. Hast du dir schon mal überlegt, was dies für die Kinder bedeutet? „Ein Kind, das die bewussten oder unbewussten Wünsche der Eltern erfüllt, ist ein „gutes“ Kind; wenn es sich aber weigert, dies immer zu tun und eigene Wünsche hat, die den elterlichen zuwiderlaufen, wird es als egoistisch und rücksichtslos bezeichnet“ (Miller, 2016, S.9). Böse, berechnende, faule und eifersüchtige Kinder bekommen von dir die Rute.

Weisst du, was mit Kindern (später den Erwachsenen) passiert, die nie ihre Gefühle, wie Eifersucht, Zorn, Verlassenheit, Ohnmacht und Angst zeigen und ausleben durften? Solche Kinder verlieren den Zugang zu ihren echten Gefühlen und damit ihr wahres Selbst. Sie verleugnen sich und ihre Emotion, um den Eltern und auch dir zu entsprechen. Die Kinder versuchen sich damit die Liebe der Eltern und auch deine Anerkennung zu verdienen.

Bist du wirklich der Meinung, dass nur anständige und verständnisvolle Kinder deine Zuneigung verdienen? Brauchen nicht auch Kinder, die eben nahe an ihren Gefühlen sind und diese auch zeigen genauso viel Liebe und Anerkennung?

Lieber Samichlaus, ich hoffe, dass du in diesem Jahr keine Ruten verteilt und bei allen Kindern viele ermutigende Worte aus deinem grossen Buch vorgelesen hast. Worte, die den Selbstwert und die Selbstannahme der Kinder stärkten. Nur wer sich selber wirklich liebt, kann auch andere lieben (ebd., S.10).

So wie sich deine Geschichte in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder gewandelt und zurückbesonnen hat, könnten wir deine Legende nach der Idee von Verena Morgenthaler zu Ende erzählen: „Nikolaus schritt durch die Strassen, warf seine Gaben unter die Menge und machte diesen Tag zu einem grossen Fest“ (Morgentahler, 1971).

Ich wünsche dir eine festliche und nachdenkliche Adventszeit!

 

Quellen:

  • Beitragsbild: Morgenthaler, V. (1971). Die Legende vom St. Nikolaus. Zürich: Orell Füssli Verlag. -> vergriffen
  • Miller, A. (2016). Das wahre Drama des begabten Kindes. und die Suche nach dem wahren Selbst (30. Auflage). Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.

Das schwierige Kind

Heute sprachen wir über ein sogenannt „schwieriges Kind“, das den Unterricht stört, indem es sich unruhig verhält, nicht still und alleine sein kann, reinschwatzt, andere Kinder beim Arbeiten stört, Aufträge nicht korrekt ausführt, sehr langsam arbeitet und meist nur, wenn jemand daneben sitzt. Solche Kinder gibt es wohl in jeder Klasse.

Wenn ich jeweils so Auflistungen zu lesen bekomme, stelle ich mir ein Kind vor, das neugierig auf die Welt schaut und seine kleinen Entdeckungen mitteilen will, sich gerne bewegt und unbeschwert von Regeln durch die Welt mäandert. Dann überlege ich, dass das Kind sicherlich auch Vieles gut macht, was man als Ressource beiziehen könnte… gleichzeitig verstehe ich sehr gut, dass dieses Verhalten ein enormes Herausforderungs-Potential für Erwachsene, seien es nun Eltern oder Lehrpersonen, hat, da es unberechenbar ist und einer geheimen inneren Struktur folgt.2018_10_23_Schule_unterrichten_mäandern

In einer Gruppe ist es nicht immerzu möglich, dass jedes Kind seiner geheimen Struktur folgen kann. Um ein gutes Miteinander zu ermöglichen, braucht es Abmachungen und Regeln, was zwangsläufig das Mäandern kanalisiert und Überschwappungen produziert.

Freire – Pädagogik der Unterdrückten

Letzte Woche haben wir an der Uni den Denker Paulo Freire, Pädagogik der Unterdrückten studiert. Ich habe keinen Zugang zu diesem Gedanken-Konstrukt gefunden, das besagt, dass es Unterdrücker und Unterdrückte gibt. Dass dieser Zustand für beide Seiten unmenschlich sei und sich die Unterdrückten gegen die Unterdrücker auflehnen sollen und nur sie durch ihren Widerstand das Menschliche zurückerobern können. Gleichzeitig sind die Personen mit Macht (also die Unterdrücker oder eben auch Lehrpersonen, Eltern) für den Prozess verantwortlich. Die Personen mit Macht sollen mit allen Mitteln verhindern, dass sie in eine Unterdrücker-Rolle geraten. Inhaltlich sollen sich Erwachsene und Kinder auf Augenhöhe begegnen und in einem wechselseitigen Dialog Erkenntnis erschaffen.

Das würde für unsere Situation mit dem „schwierigen Kind“ heissen, dass nicht in erster Linie beim Kind hingeschaut werden muss, sondern bei der erwachsenen Person, denn diese ist für den Prozess verantwortlich. Hier in der Folge aufgezeigt am Beispiel der Schule. Dieselbe Denkweise kann auch für Eltern und andere asymmetrische Beziehungen angewendet werden.

Die Lehrperson bestimmt den ersten Schritt

Wenn man Freire ernst nimmt, dann muss der erste Schritt sein, dass die Lehrperson bei sich und dem Kind genau hinschaut, was sie mit ihrem Verhalten beim Kind auslöst. Versteht das Kind den Auftrag nicht, weil sie ihn nur mündlich erteilt und das Kind Mühe hat nur über das Gehör Informationen aufzunehmen. Müsste sie dem Kind die Möglichkeit geben den Auftrag visuell erfassen zu können?  Arbeitet ein Kind langsam, weil es sehr genau arbeitet oder weil es Mühe hat sich am Arbeitsplatz zu organisieren? Bräuchte es von der Lehrperson Strukturierungs-Hilfen? Hat sich die Lehrperson von einer Fachperson beraten lassen, was die zig Gründe für das beschrieben Verhalten sein könnten und angefangen verschiedene Strategien zu erproben? …. Jedes Kind ist einzigartig und der Auftrag der Lehrperson ist es, so gut wie möglich, den Zugang zu den Kindern zu finden, sich in ihrer Rolle als Lehrperson den Bedürfnissen des Kindes anzunähern.

Wenn die Lehrperson hofft, dass sich ein Kind ändert, ist sie abhängig vom Kind. Bei sich selber hinzuschauen ermöglicht unmittelbar in die Aktivität überzugehen und der Ohnmacht keinen Raum zu geben.

R. Selman beschreibt in seiner Pyramide der Interpersonalen Verhandlungsstrategien (Folie 33) die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme in zwei Orientierungsmodi: Selbstveränderung und Veränderung des Anderen. In einer Situation, wo die Lehrperson ein Kind als schwierig wahrnimmt, kann sie sich entscheiden in welchem Modus sie die Situation  anschauen will, ob sie die Perspektivenübernahme mit der Brille:

  • Ich finde heraus, was das Kind braucht und gebe ihm das (Selbstveränderung) oder
  • Ich zeigen dem Kind, was ich will und es muss das lernen (Veränderung des Anderen) anschauen will.

Wie oben beschrieben ist die Lehrperson in der Position der Macht und daher wird von ihr verlangt, dass sie entscheidet, wie die Situation gelöst werden kann. Wenn die Lehrperson hofft, dass sich ein Kind ändert, ist sie abhängig vom Kind. Bei sich selber hinzuschauen, ermöglicht unmittelbar in die Aktivität überzugehen und der Ohnmacht keinen Raum zu geben. Dies scheint im ersten Moment schwerer zu sein, aber führt längerfristig zu einer Erweiterung des Handlungsrepertoires der Lehrperson, was schlussendlich ihr selbst und auch anderen Kindern zu Gute kommt.

Und für mich hat das „schwierige Kind“ einen ersten Zugang zu Freire ermöglicht.

Im nächsten Beitrag schaue ich auf die „schwierige Lehrperson“.