Eine denkwürdige Reise

Das Format Denkreise ist kein Kurs. In den drei Tagen, welchen wir uns als Gruppe mit der Schule 2030 im Zeitalter des Digitalen Wandels auseinandergesetzt haben, würde ich dem Namen entsprechend als ergebnisoffene Reise bezeichnen. Dabei entwickelte sich eine unglaubliche Energie, die mich persönlich nachhaltig beflügelt hat.

Denkreise ist … Die Energie aus dem gemeinsamen Tun in den Alltag überschwappen lassen.

Mich faszinierte an dieser Denkreise vor allem, wie es dazu kam, dass wir in diesen Modus der Energie gelangten. Dazu meine ganz persönlichen Gedanken.

Heike Bruch und Bernd Vogel  (2005) schreiben in ihrem Buch „Organisationale Energie“, dass eben die Energie einer Firma, oder hier bei uns einer Gruppe, wesentlich dafür ist, wie sie performt. Energie ist jedoch so ein „flutschiger“ Begriff, der nur schwer fassbar und beschreibbar ist, weil er gefühlt werden muss. In ihrem Modell beschreiben sie, dass sich Gruppen entweder in der produktiven Energie, der angenehmen Trägheit, der resignativen Energie oder korrosiven Energie befinden können. Ich würde nun mal behaupten, dass sich Schulen oft in der angenehmen Trägheit befinden. Der Alltag läuft mehr oder weniger geschmeidig und die Rollen und Aufgaben sind klar (siehe Blogbeitrag, runterscrollen).

Um nun eine Gruppe in die produktive Energie zu bewegen und damit den Möglichkeitsraum zu öffnen, sagen Bruch und Vogel, dass ein sogenannter „Sense of Urgency“ hergestellt oder empfunden werden muss. Bevor überhaupt etwas passiert, muss gefühlt und werden, dass etwas passieren sollte. Dies kann einerseits durch eine Krise oder Zukunftschancen ausgelöst werden.

Denkreise ist … Gemeinsam Zukunftschancen entwickeln und erste Schritte planen.

Die Mobilisierung von Energie durch eine Krise haben wir während der Schulschliessung durch die Corona-Pandemie erlebt. Was in dieser kurzen Zeit an Neuem, vor allem auch im digitalen Bereich an den Schulen aufgebaut wurde, das ist unglaublich.

Bei der Denkreise haben wir als Gruppe nun erlebt, wie durch Zukunftschancen genau diese produktive Energie auch freigesetzt werden kann. Natürlich waren alle Personen, die sich für die Denkreise angemeldet haben auch Willens sich berühren und irritieren zu lassen und brachten eine grosse Offenheit mit. Die Offenheit schloss auch die Akzeptanz und Würdigung der einzelnen Teilnehmenden und deren Ideen ein. Diese Voraussetzung macht es natürlich etwas leichter zu starten. Für mich ist es dennoch erstaunlich, dass sich rund 25 Personen, welche sich mehrheitlich vorher nicht kannten, in so kurzer Zeit so viel Möglichkeiten erdenken konnten.

Denkreise ist … Die Würde des Menschen ins Zentrum zu stellen.

Rahel und Felix schafften es die vorhandenen Ressourcen der Gruppen zu aktivieren. Sie führten uns an inspirierende Orte und passten fortlaufend das Programm den Bedürfnissen der Gruppe an. Sie gaben meist den Rahmen und die Methoden vor, liessen aber den Teilnehmenden inhaltlich viel Mitwirkungsplatz. Dies war nur möglich, weil sie selbst keine fixe Vorstellung hatten, was bei der Denkreise herauskommen sollte. Sie hielten die Unsicherheit aus, zeigten eine hohe Chaoskompetenz und legten das Gelingen in die Verantwortung der Gruppe. Der Raum war echt offen und konnte von den einzelnen Personen gefüllt und gestaltet werden. Und das passierte!

Denkreise ist … Jeder bringt sich ein und jede nimmt was mit.

Genau diese Rolle der Ermöglichung und der Gestaltung von partizipativen Prozessen ist für mich die Aufgabe der Leitung. Ob dies nun in der Schule ist oder sonstwo. Leiterinnen und Leiter müssen nicht (besser) wissen, was zu tun ist. Sie müssen nicht selbst eine Vision haben für die Schule 2030 oder für ein neues Produkt. Ihre Vision ist mehr eine Haltung oder moderner ausgedrückt das Mindset des Ermöglichens, des Begleitens, des Unterstützens und des Stärkens und darauf Vertrauen, dass die Chancen in den Menschen schon da sind.

Dazu gehört auch dafür zu sorgen, dass die hochfliegenden Gedanken und Ideen Auswirkungen auf das Heute, die Gegenwart haben und ein erster Schritt in die gemeinsame Richtung vereinbart wird.

Ich hoffe, dass es noch ganz viele Denkreisen zu den verschiedensten Themen und Fragestellungen geben wird. Dass immer mehr Menschen entdecken, dass es unheimlich Spass macht und Energie freisetzt gemeinsam Zukunftschancen zu ersinnen und mit einer ungefähren Vorstellung dann einfach mal zu machen.

Denkreise ist … Den Kopf in den Wolken und die Füsse auf dem Boden.

 

Hinweis: Die Denkreise zur Schule 2030 wurde von Rahel Tschopp und Felix Hollenstein organisiert (Juli 2020).

Wie sieht das „gute Leben“ in einer solidarischen Gesellschaft aus?

„Noch nie hat die Menschheit über so viele materielle Ressourcen und über so viele technische und wissenschaftliche Kenntnisse verfügt. Global gesehen ist sie so reich und mächtig, wie es sich in den vergangenen Jahrhunderten niemand hätte vorstellen können“ (S.39). Dem stehen die globalen Probleme des Klimawandels, der Armut, der sozialen Ungleichheit usw. oder eben die ungleichmässige Verteilung von Kenntnissen und Reichtum gegenüber.

Diese konträre Ausgangslage erfordert ein Umdenken und veränderte Formen des Zusammenlebens. Es geht um die Suche nach einer positiven Vision des „guten Lebens“ für alle Menschen.

Das Sein vor das Haben setzen.

In einer solidarischen Gesellschaft geht es um die Qualität sozialer Beziehungen und die Beziehung zur Natur und weniger um das Denken in Mittel-Zweck-und-Leistungs-Kategorien, also das Sein vor das Haben zu setzen (S.11). Das Konzept des Konvivialismus sucht nach konkreten Utopien und Alternativen zur heutigen Vorstellung, dass ökonomisches Wachstum das Allheilmittel für gesellschaftliche Probleme ist.

Es um die Qualität sozialer Beziehungen und die Beziehung zur Natur.

Es geht darum die Debatte der Unsicherheit und des Unwohlseins zu führen, nicht einfach einfache Lösungen oder Antworten zu geben in was für einer (globalen) Gesellschaft wir leben wollen. Es geht um die „Kunst des Zusammenlebens (con-vivere), die die Beziehung und die Zusammenarbeit würdigt und es ermöglicht, einander zu widersprechen, ohne einander niederzumetzeln, und gleichzeitig für einander und für die Natur Sorge zu tragen“ (S.47). Die Autorenschaft vom Buch „Die Konvivialisten“ gehen davon aus, dass der soziale Wandel durch eine Katastrophe eingeläutet wird.

Warum also nicht jetzt?

Mehr zum Thema „Die Konvivialisten“ findest du hier.

 

 

 

Hier findest du zwei weitere Filme, die ausführen, warum es mit dem Steigerungszwang nicht so weitergehen kann und wie sich ein nachhaltiger Kapitalismus denken liesse.

  • Hartmut Rosa schreibt in seinen Büchern über die Resonanz-Theorie und das passende Leben. Hier geht’s zum Interview „Wider den ewigen Steigerungszwang“.
  • Rebecca Henderson spricht darüber, warum sich nachhaltiger Kapitalismus für Firmen lohnt. Sie hat das Buch Reimagining Capitalism geschrieben (erscheint Ende April 2020). Hier geht’s zum entsprechenden Vortrag (in Englisch).

Experimentelle Schulführung

Diese Art der Schulführung treibt mich seit einiger Zeit um. Ich schreibe gerade an meiner Masterarbeit zum Thema: „Berufseinstieg von Schulleitungen“. In den Interviews geht es u.a. darum, was denn Schulführung ist und wie diese von den Schulleitungs-Noviz_innen erlebt und gestaltet wird. Dabei wirken diese Interviews natürlich auch auf mich selbst und mein berufliches Selbstverständnis zurück.

Als ich nun heute den Blog-Beitrag von Philippe Wampfler zum Thema Design-Thinking gelesen habe, hat mich dies motiviert meine Gedanken in diesem Beitrag zu teilen.

Wir versuchen an unserer Schule immer wieder Neues in die bestehende Organisation zu integrieren.

Dabei ist mir wichtig, dass nicht einfach Neues eingeführt wird, weil das Alte nicht mehr gut ist, sondern weil es einfach spannend ist Neues zu entdecken.

Diese Neugierde versuch(t)e ich auch bei den Lehrpersonen zu wecken und heute sind wir so weit, dass es ein Teil unserer Schulkultur ist.

Ich habe den Beitrag bewusst nicht experimentelle Schulentwicklung genannt, sondern experimentelle Schulführung. Schulführung umfasst für mich u.a. geteilte Werte und Haltungen und wie diese in einer Schule gelebt werden. Die Schulkommission hat diese Haltung sogar in unserer Strategie 2019-2022 verankert: „Wir bleiben offen für Neues“.

Meist gehen wir nach einem ähnlichen Schema vor, wenn wir etwas Neues ausprobieren wollen.

  1. Jemand hat eine Idee, welche mit dem Team oder mit mir geteilt wird.
  2. Meine Rolle als Schulleiterin ist es, diese Idee zu triagieren, was bedeutet, dass zuerst mal abgeklärt werden muss, wer alles davon betroffen sein würde und wer sozusagen ins Boot geholt werden muss oder eben auch nicht.
  3. Wenn eine Lehrperson oder das Team die Idee umsetzen will, dann wird meist eine verantwortlich Person bestimmt, welche als Themen-Hüter_in agiert.
  4. Dann bestimmen wir eine Pilot-Zeit, welche so 3-12 Monate umfasst, um mit der Idee zu experimentieren.
  5. In den Konferenzen werden die persönlichen Erfahrungen geteilt und teilweise auch bewertet.
  6. Am Schluss der Pilot-Phase wird entschieden, ob und in welcher Form das Experiment weitergeführt wird oder nicht.

Der Vorteil des Experimentier-Ansatzes ist es, dass es Personen die Neues ausprobieren wollen nicht hindert und Personen, die eher Sicherheit brauchen nicht überfordert.

Der Experimentier-Zugang gibt eher kritischen Personen die Möglichkeit etwas Neues mal nur auszuprobieren oder auch nur zu beobachten. Es wird keine unnötige Energie in den Widerstand gesteckt. Teilweise setzt auch nicht das ganze Team das Neue um, sondern nur ein paar Lehrpersonen, die davon überzeugt sind. Die Anderen können einfach beobachten und informell daran teilhaben. Auch im passiven Dabei-sein findet eine Auseinandersetzung mit dem Neuen statt.

Das „Müssen“ wird minimiert und das „Dürfen“ gestärkt.

Der offene Ausgang führt zu einer wirklichen Auseinandersetzung mit der Sache.

Somit wird jedes Experiment  zum Gewinn. Entweder haben wir etwas Neues erprobt und für gut befunden, so dass es implementiert wird oder wir haben etwas erprobt und für nicht tauglich befunden und wissen genauer, was wir nicht wollen.

Ich bin sehr überzeugt von diesem Ansatz und freue mich, wenn es andere Schulleitungen gibt, die auch Erfahrungen damit haben, wenn wir in einen offenen Austausch kommen könnten, ganz im Sinne der experimentellen Schulführung.

Hinweis: Das Beitrags-Bild stammt aus unserem Pilot-Projekt „SchatzZeit“, wo wir versuchen präventiv auf den Grundlagen des „Schulfach Glücks“ die psychische Gesundheit der Schülerinnen und Schüler zu stärken.

Ist Shoppen ein Hobby?

„Das Funktionieren der modernen Wirtschaft, die auf Arbeit und Arbeitende abgestellt ist, verlangt  dass alle weltlichen Dinge in einem immer beschleunigteren Tempo erscheinen und verschwinden“ (Arendt, 1972, S.14).

Wir verbrachten unsere Ferien in Berlin. Da wir in Bälde zu einer Hochzeit eingeladen sind, haben wir den Kindern eines Morgens gesagt, dass wir einkaufen gehen. Wir wollten uns alle neue Kleider kaufen.

In der grossen Stadt gibt es zig Shopping-Tempel. Unser erster Laden war ein Schuh-Laden. Die Kinder probierten dies und das an und wollten sich schon für ein Paar entscheiden. Wir hielten sie davon ab, denn es gab ja noch so viele andere Läden, dass es schade wäre, das erstbeste Paar zu kaufen. Vielleicht kommt ja noch `was Passenderes oder ehrlich gesagt `was Besseres. Unser zweiter Laden war ein Kleider-Geschäft. Ich suchte mit dem Jüngeren ein paar Hosen und ein T-Shirt raus. Er probierte diese an und befand beides für gut. Beim Hineingehen in das Geschäft hatte ich gesehen, dass es noch zwei weitere Kinderkleider-Läden nebenan hatte und sagte: „Komm, lass uns noch in den anderen Läden schauen, was es so gibt.“ Wir machten uns auf den Weg und als wir im anderen Laden standen, fragte mein Sohn:

„Mama, warum muss ich noch mehr Kleider anschauen? Ich habe alles, was ich brauche gekauft und den Rest habe ich noch Zuhause.“

Ich war baff. Er hatte mir gerade eine Lektion erteilt. Ich dachte immer, nicht zu denen zu gehören, die Shoppen als Hobby betreiben, sondern dass ich nur dann einkaufe, wenn ich etwas wirklich brauche. Nun habe ich mich dabei ertappt, dass ich enttäuscht war, dass unser Shopping-Tag schon nach zwei Läden beendet war.

Als ich am  nächsten Tag in meiner aktuellen Lektüre „Vita activa oder Vom tätigen Leben“ von Hannah Arendt (1972) weiter las, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Die Autorin beschreibt (S.16-17), dass Arbeit, Herstellen und Handeln nicht dasselbe sind und das erklärte mir die Tatsache, wie Shoppen ein Hobby werden konnte.

Arbeit ist für das Überleben da. Wir erarbeiten, was wir verbrauchen, z.B. Nahrungsmittel, also notwendige Verbrauchs- oder auch Konsumgüter.

Herstellen bedeutet ein Werk zu vollenden, welches von längerem Bestand ist und über die Selbsterhaltung hinausgeht, z.B. einen Tisch oder einen Teppich, also ein nützliches Gebrauchsgut.

Handeln indes beschreibt, was zwischen den Menschen ist. Das Sprechen und auch das Denken, welche die Gründung und Erhaltung von politischen Gemeinwesen ermöglichen.

Wenn nun in der modernen Gesellschaft alles erscheint und verschwindet, wie im Zitat zu Beginn, dann bedeutet dies, dass alle Gebrauchsgüter Verbrauchsgüter geworden sind. In der Folge möchte ich an Hand des Textes von Hannah Arendt eine mögliche Erklärung  geben, wie es dazu kommen konnte.

Die Arbeitskapazität ist eigentlich durch die Konsumkapazität limitiert. D.h. es können nicht mehr Verbrauchsgüter erarbeitet werden als die Menschen zur Erhaltung des Lebens verbrauchen.

Grenzenlos kann nur die Anhäufung von Gebrauchsgütern in Sinne von immer mehr Besitz sein, was dazu führt, dass eine im Überfluss lebende Gesellschaft so mit Gebrauchsgütern anfängt umzugehen, als seien sie Verbrauchsgüter. „Das Gebrauchen überhaupt in ein Verbrauchen umzuwandeln, so dass ein Stuhl oder ein Tisch schnell verbraucht wird … Diese Art und Weise, mit den Dingen der Welt umzugehen, ergibt sich ganz natürlich aus der Weise, in der sie produziert werden“ (S.147).

Der Produktionsprozess von Gebrauchsgüter wurde durch die Arbeitsteilung kleinschrittiger. Die Herstellung wird in einzelne Schritte, welche von verschiedenen Personen ausgeführt werden, aufgeteilt. Dies geht einerseits mit einer Spezialisierung und einer Vereinfachung einher. Der einzelne Arbeitsschritt wird spezialisiert, aber auch teilweise so vereinfacht, dass jede Person diesen ausführen kann. Durch die Arbeitsteilung wurde der Herstellungsprozess eines Gebrauchsgutes kleinschrittiger, wiederholender und beschleunigter, was eher dem Charakter eines Arbeitsprozesses entspricht (S.148). Durch den Einsatz von Maschinen, die gewisse wiederholende Produktionsschritte schneller ausführen als Menschen wird Überfluss erwirtschaftet.

„Der Überfluss, den die Massenfabrikation in die Welt wirft, macht die erzeugten Dinge automatische zu Konsumgütern“ (S.149).

Dass nun Gebrauchsgüter, wie eben Kleider oder Möbel zu Konsumgütern (Verbrauchsgütern) werden konnten, ist noch auf einen weiteren Umstand zurückzuführen und zwar die freie Zeit, die es zu füllen gilt. Viele Menschen der westlichen Welt sind teilweise von der Arbeit (Beschaffen des zum Leben Notwendigen) befreit und haben relativ viel Freizeit. Das hat schon Marx vorausgesagt und er prophezeite weiter, dass der Mensch in seiner freien Zeit sich nicht um das Handeln, also das Gemeinwesen kümmern werde „sondern seine Zeit im wesentlichen mit den privaten und weltunbezogenen Liebhabereien vertun werde, die wir Hobby nennen“ (S.138).

Die Grenzen zwischen Shoppen als Hobby, resp. Zeitvertreib und Kaufsucht sind fliessend. Dazu noch ein SRF-Rundschau-Bericht vom Januar 2019 „Kaufsucht: Kaum ein Thema in der Gesellschaft“. Das grösste Problem ist, dass (Zitat aus dem Beitrag) „Shoppen gesellschaftlich anerkannt ist und wirtschaftlich erwünscht“.

Lernen in Baku – Leadership in Schulen

Im Juni 2019 verweilte ich vier Tage in Baku, Aserbaidschan. Schon mal vorneweg: Baku ist eine tolle Stadt und wirklich einen Besuch wert. Dabei noch mit so vielen spannenden Menschen unterwegs zu sein, die sich alle für das Thema „Leadership in Schulen“ interessieren, war einfach toll!

Eine Professorin der Universität Fribourg initiieret das Projekt CELL (Comparative Educational Leadership Lab) und ich durfte, zu meiner grossen Freude, teilhaben daran. Die ersten zwei Tage wohnten wir einer Bildungskonferenz bei, danach war Zeit, um über die Ziele und die konkrete Umsetzung des CELL zu sprechen.

Was ich in den vier Tagen in Baku für mich gelernt habe:

  • Obwohl Baku weit weg von der Schweiz ist, teilen wir viele der Herausforderungen in der Schule.
  • Eine gute Fehlerkultur ist in Baku, wie in der Schweiz essentiell.
  • Eine Schulleitung kann persönlich in ihrer Schule durch den wertschätzenden Umgang viel bewirken, v.a. im Etablieren einer positiven Schulkultur. Mit viel Zeit und Geduld kann eine Schulleitung eine VeränderungsermöglicherIn sein.
  • Dennoch ist eine Schulleitung in ein erweitertes System eingebunden, das gewisse Grenzen hat. Diese Grenzen können nicht alleine verschoben werden. D.h. die Schulleitung ist auf Partner und  weitere unterstützende Akteure, gerade auch in der Politik, angewiesen.

Die Bildungskonferenz fand an der ADA University statt. Die Gebäude waren hell, gross und sehr modern. Die ganze Anlage neu, was ich nicht erwartet hatte.

Es sprachen verschiedene Personen zu Bildungsthemen und schnell merkte ich, dass Vieles genau gleich war wie in der Schweiz z.B. das Thema Integration. Die Kinder, welche früher entweder gar nicht zur Schule gingen oder dann in Sonderschulen, sollen nun in der Regelschule unterrichtet werden. Das ist eine Herausforderung für die Erwachsenen in Aserbaidschan, in der Schweiz, wie auch in der Mongolei. Jemand aus unserem Team ist aus der Mongolei und macht dort Lehrpersonen-Trainings zur Integration von Kindern mit speziellen Bedürfnissen.

In Aserbaidschan müssen nun die Lehrpersonen hinsichtlich Integration weiter- und ausgebildet und die Eltern beruhigt werden. Die Eltern der „normalen“ Kinder haben Sorge, dass ihre Kinder wegen der integrierten Kinder zu wenig lernen. Alle Kinder sollen studieren und Karriere machen. Dabei gäbe es auch die Möglichkeit der Berufslehre, aber diese hat kein Prestige und wird nicht angestrebt. Daher wird nun von der Uni und der Regierung in diesen Bereich investiert.

Das Eindrücklichste jedoch war eine Rede einer Schulleiterin, welche sagte, dass sie auch Fehler mache und dies zugebe. Sie könne daraus lernen und es sei okay. Schon während ihrer Rede dachte ich, dass diese Worte erstaunlich sind. Ich hatte vom azerbaidschanischen Schulsystem eher das Gefühl gehabt, sehr hierarchisch und mechanisch zu sein, was am nächsten Tag von einer einheimischen Person aus unserer Gruppe bestätigt wurde. Die Person sagte auch, dass es ausserordentlich gewesen sei, dass die Schulleiterin über Fehler und Misslingen gesprochen habe, denn das existiere in Aserbaidschan nicht. Schulleitungen machen keine Fehler.

Am nächsten Tag diskutierte wir über mögliche Themen für das CELL. Es nahm auch eine Mitarbeiterin der Uni teil, die Educational Leadership studiert hat, jedoch jetzt nicht als Schulleiterin arbeiten möchte, da sie sich nicht vorstellen kann in einem solch engen und kontrollierten Rahmen zu arbeiten. Anscheinend ist die Position der Schulleitung sehr politisch und man muss systemtreu sein, also keine Kritik am Schulsystem und den politschen Verhältnissen äussern. Zudem beinhaltet der Alltag v.a. Administration und Berichterstattung an die Regierung. Sie sagte, dass sie in so einem System nicht arbeiten  kann und will.

Am Nachmittag besuchten wir eine Schule und die Schulleiterin erzählte, dass sie keine Lehrperson sei und den Posten nur erhalten habe, weil sie im Ausland studiert hat. Sie wollte nicht Schulleiterin werden, sondern man habe ihr den Job angeboten. Sie sagte, dass sie eigentlich nichts bestimmen kann, nicht den Curriculum, nicht das Geld, einfach nichts. Dennoch versuchte sie durch ihren Umgang und das Stellen von Fragen (was es anscheinend vorher nie gegeben hat) eine neue Kultur zu etablieren. Sie sieht sich selbst als „Change Agent“, als Veränderungsermöglicherin. Trotzdem verlässt sie diesen Sommer die Schule, um in den USA weiter zu studieren.

Auf dem Rundgang durch das moderne Schulhaus (eine sehr gut ausgestattete Schule), in welcher fast 2000 SchülerInnen von der 1.-11. Klasse unterrichtet werden, stellte sie fest, dass die Textbücher von der Regierung zur Verfügung gestellt werden. Sie können keine Lernmaterialien selbst wählen. Es wird zu 60% auf Russisch und zu 40% auf Azeri unterrichtet. Dabei wird viel Wert auf den Geschichts-Unterricht gelegt. Die Schule ist zudem im gestalterischen Bereich aktiv, es hatte eine Galerie mit Bildern und einen grossen Raum mit einer Bühne, wo die Klassen ihre Musik und Theaterstücke aufführen oder Konzerte für die Kinder organisiert werden.

Die Lehrpersonen und SchülerInnen werden überall von Kameras überwacht. Es hat über 170 Kameras im ganzen Schulhaus verteilt, auch im Arbeitsraum der Lehrpersonen. Jemand aus unserem Team sagte, dass an gewissen Privatschulen die Eltern Zugang zu den Kameras haben und sehen, was ihre Kinder tun in der Schule. Die Eltern rufen dann die Schulleitung an und wollen, dass die Lehrpersonen gerügt werden, wenn sie ihre Kinder nicht genügend aufrufen. Dies konnte ich fast nicht glauben.

Die Kinder sind den ganzen Tag in der Schule und können nicht rausgehen, weil anscheinend die Eltern das nicht wollen. Es wäre auch nicht wirklich attraktiv, denn der Innenhof ist ein von vier Wänden umgebener gepflasterter Platz ohne eine Pflanze oder ein Spielgerät. In sechs Primarklassen haben sie nun ein Projekt, dass immer ein Kind am Pult steht und das andere sitzt und dann wird nach 45 Minuten gewechselt. Damit die Kinder nicht körperliche Probleme wegen dem Sitzen bekommen. Die Klassenzimmer sind mit den Pultreihen und weissen Wänden eher  kühl eingerichtet, fast keine Bilder und Lernmaterialien sind sichtbar. Dafür hängt in jedem Raum über dem Whiteboard und dem Beamer das Bild des Präsidenten.

Am letzten Tag hatten wir eine Sitzung in einer Galerie (inspirierender Ort!), um die Eindrücke und Ideen der letzten drei Tage zu besprechen und das nächste Treffen im Herbst 2019 zu planen. Dabei ging es darum, ob es eine neue Art von Führung (Leadership) an Schulen brauche. Was Leadership in der Schule bedeutet und wie sich dies unter den verschiedenen Kontexten und Richtungen (Länder, Volksschule, Hochschule, NGO, Wirtschaft, Erziehungswissenschaft, Comparative Forschung usw.) auswirke. Die Idee ist sozusagen zum Kern von Leadership vorzudringen um dann daraus eine mögliche Theorie zu formulieren. Dass es ein verändertes Verständnis von Führung braucht, scheint einleuchtend. Was dies aber genau für eine wissenschaftliche Theorie von Educational Leadership sein könnte, ist offen.

Mehr Chaos, bitte!

Unsere Welt ist komplex. unvorhersehbar. schnell. spannend. möglich.

Ich habe das Gefühl, dass es Menschen gibt, auch Eltern und Lehrpersonen, denen das Angst macht. Sie reagieren darauf mit Kontrolle. Planung. Anstrengung. Stress.

Die komplexe Welt wird als Belastung erlebt. Entscheidungen zu treffen zur Qual. Reaktionen darauf sind Rückzug. Zynismus. Überwältigung. Ohnmacht.

Oder überbordernder Aktionismus. Aggression gegen Andere (weil die an meiner Unsicherheit schuld sind). Massive Vereinfachung.

Vereinfachung reduziert Komplexität. Wird jedoch dem Umstand nicht mehr gerecht.

Was also tun?
Vertrauen haben in sich und seine Umwelt.
Zufall und Schicksal als Teil des Lebens sehen.
Stabile Beziehungen zu Menschen pflegen.

Und v.a. einfach neugierig sein, was das Chaos des nächsten Augenblicks für Möglichkeiten bereithält und versuchen zuversichtlich in die Zukunft zu schauen.

Es kommt gut!

Separieren oder integrieren. Wie lebst du?

Eben noch mit den Kindern auf dem Pumptrack und nun noch schnell die neusten Ergebnisse der Umfrage bei den Schulkommissions- Präsidien checken.

Bei mir sind die Übergänge von Beruf, Familie, Hobby und Studium fließend und integriert, dies hat sicherlich damit zu tun, dass sich alle Bereiche um Lernen, Schule, Leiten und Kinder drehen. Andere separieren ihre Lebensbereiche strickt. Beide Lebensweisen haben Chancen und Risiken.

Was für ein Typ bist du? Integrator*in oder Separator*in.

Mehr zum Thema findest du z.B. unter:
https://thebalancedleader.wordpress.com/2016/06/30/integrator-or-separator-whats-your-style/
https://mylearningsolutions.org/2016/04/08/are-you-an-integrator-or-a-separator/

Warten auf die Zeit

Wenn ich jeweils an der Bahnstation auf den Zug warte, fällt mir jedes Mal die grosse Uhr auf. Diese Uhr dominiert das Warten auf dem Perron. Der Zeiger schleppt sich von Strich zu Strich. Die Personen schauen ins Nichts oder ins Natel. Alle warten. Auf den Zug. Der Zug ist die Verbindung vom Sein zum Wollen. Denn warum würde ich sonst am Bahnhof auf einen Zug warten, wenn ich nicht an einen anderen Ort hin wollte. Somit ist der Bahnhof ein Bild für Wünsche, Sehnsüchte, Bedürfnisse, die noch in der Zukunft liegen. Mani Matter beschrieb in seinem Lied von den Bahnhöfen „u si tüe warte“. Worauf, wozu? Es scheint mir manchmal, dass sich die Welt doch sehr verändert hat seit Matter‘ s Lied, die Möglichkeiten sind exponentiell gewachsen, aber der Mensch wartet immer noch. Das Warten, trennt die Gegenwart von der Zukunft, gleichzeitig verbindet das Warten auch. Mich mit mir, mit meinem Innersten. Wenn ich das aushalten kann, ist das Warten eine Selbstzeit. Ich mit mir. Leider versuche ich viel zu oft dieses Warten mit Ablenkung zu stopfen, um nicht im Leeren zu sein. In der Nicht- Zeit auf Standby.

Diese Woche versuche ich das Warten nicht im Sinne von getrennt sein von der Erfüllung meiner Absicht, sondern als für mich wertvolle Leerzeit zu betrachten.

Was löst das Warten bei dir aus?