Schulleitung – Wohin des Weges?

Die Entwicklung der Schulleitungstätigkeit befindet sich für mich an einer Weggabelung: Entweder die Schulleitungen werden als schulische Führungspersonen weiter professionalisiert oder Schulleitungen werden wieder abgeschafft und ihre Tätigkeit wird auf eine oder mehrere Rollen in einem selbstorganisierten Team verteilt. Beide Szenarien finde ich prüfenswert. Ich möchte nicht gewisse Möglichkeiten Vornherein ausschliessen, sondern gerade auch extreme Möglichkeiten zumindest andenken.

Ich habe diesen Blogbeitrag für den Schulführungsblog der PHZH geschrieben. Den ganzen Artikel findet ihr hier.

Corona als Zerreissprobe

So langsam dauert die Pandemie an und Covid-19 bleibt das dominierende Thema (wenn nicht gerade ännet dem Teich Präsidentschaftswahlen sind). Darum habe ich letzthin auf dem Velo ein paar persönliche Gedanken dazu zusammengetragen.

Corona ist für mich eine emotionale Zerreissprobe. Es gibt Tage, welche mega schön sind, es ist tolles Wetter, die Sonne scheint und die Welt scheint in Ordnung zu sein. Jedes Mal, wenn sich neue (meist strengere) Massnahmen ankünden, merke ich, wie ich abtauche und denke: „Nein, nicht schon wieder!“ Die Massnahem bewirken ein Gefühl des Ausgeliefertseins, eine gewisse Ohnmacht und auch Unsicherheit, weil wieder alles anders ist. Ich versuche dann dankbar zu sein für alles, was (noch möglich) ist damit ich mich wieder hochhangeln kann. Die Dankbarkeit lässt mich Möglichkeiten sehen, um handlungsfähig zu bleiben.  

Bis jetzt merkte ich nach jedem Taucher: „Ah doch es geht, wir finden einen Weg, als Familie und in der Schule.“ Und gleichzeitig stelle ich auch fest, dass das Ab- und Auftauchen Energie braucht und mich ermüdet. Verschiedene Bekannte haben mir Ähnliches geschildert, dass sie eher dünnhäutiger und gereizter sind und die ganze Situation satthaben. Viele sind gestresst vom Homeoffice, von Existenzsorgen und auch von den Kindern, die weniger Programm haben, weil die Trainings ausfallen. Die Nerven liegen ab und zu blank.

Im Heft schulpraxis 2/20 sagt Margrit Lauper: „Wenn Menschen Schwieriges erleben, Stress haben, neigen sie dazu, das Schöne, den Seelenbalsam zu streichen“ (S.13), dabei sei es wichtig gerade den Seelenbalsam zu leben. Sie sagt weiter, dass sie in solch überfordernden Situationen versucht das Steuer wieder selbst in die Hand zu nehmen: „Ich halte mich an Regeln, suche aber Lücken.“ Genau das ist es, was ich mit handlungsfähig bleiben, meine: sich nicht der Ohnmacht zu ergeben und nach dem zu suchen, was noch möglich ist.

Hier versuchen wir als Schule mit der SchatzZeit (siehe www.besserfuehlen.ch/news) und neu auch mit dem Experiment Draussenschule (siehe www.silviva.ch/draussen-unterrichten/) anzusetzen und uns, wie auch den Kindern, Seelenbalsam zu schenken.

Eine neue Studie zur psychischen Gesundheit von Kindern zeigt auf, dass „Zweidrittel der Kinder und Jugendlichen angeben, dass sie hoch belastet sind durch die COVID-19 Pandemie.“ Es gibt viele Unterlagen und Material für Lehrpersonen und Eltern dazu: Take-care ZAHW, Mindmatters, Schulfach Glück, Berner Gesundheit.

Wir suchen im Schulalltag immer wieder die Balance zwischen den Aufträgen die „Schule so normal wie möglich stattfinden zu lassen“ und den „aktuell geltenden Corona-Regeln“. Dazu haben wir uns schon im Lockdown folgende Grundsätze vorgenommen:

  1. Ich übernehme Verantwortung für mein Handeln (auch gegenüber andern). 
  2. Ich nehme mein Gegenüber ernst, auch wenn ich seinen/ ihren Standpunkt nicht verstehe und vertrete. (Ich bin nicht die Norm) 
  3. Wenn mich eine Handlung des Gegenübers irritiert frage ich nach den Gründen. (Ich verurteile nicht voreilig)

Ich bin überzeugt, dass uns diese Grundsätze helfen das Gemeinsame vor das Trennende zu stellen. Es ist ein bewusster Entscheid, dass uns Corona nicht zerreissen soll. In diese, welche die Massnahmen völlig „bescheuert“ und übertrieben finden und solche, die sich sorgen, dass viel zu wenig strenge Massnahmen ergriffen werden und andere, welche zwar nicht einverstanden sind mit den Massnahmen, aber sich reinschicken.

Jede Person geht unterschiedlich mit den Regeln und der Situation um. Gerade durch die Dünnhäutigkeit und Gereiztheit geht einem von der eigenen Meinung abweichendes Verhalten eher „auf den Keks“ und der Geduldsfaden reisst früher als sonst. Wenn wir gegenseitig Verständnis haben füreinander, grosszügig sind und anerkennen, dass jede Person auf ihre Art versucht zurechtzukommen, dann finden wir auch weiterhin den gemeinsamen Weg.

Bildung als utopische Möglichkeit

Essay zu „Antihumanismus, Transhumanismus, Posthumanismus – Bildung nach ihrem Ende“ von M. Wimmer (2019)

In diesem Essay soll es darum gehen, wie „Möglichkeiten“ zu Bildung werden können. Nach Wimmer ist nicht jede persönliche Erfahrung oder Veränderung automatisch schon Bildung oder nutzt die Möglichkeit zur Bildung, sondern seiner Meinung nach entsteht erst sowas wie Bildung, wenn damit das Eigene durch das Fremde irritiert wird (S.5). Wimmer geht in seinem Text zum Antihumanismus etc. auf die Frage ein, was mit „der Bildung“ in der ganzen Breite des Begriffs nach ihrem Ende geschehe. Er hat nicht den Anspruch einen posthumanistischen Bildungsbegriff zu definieren, sondern will „lediglich das Terrain sondieren, um etwas mehr Klarheit darüber zu bekommen, wonach eigentlich zu fragen wäre, wenn man heute nach der Möglichkeit von Bildung fragt“ (S.2).

Nach Masschelein und Ricken (2003) zeigen sich zwei Bedeutungskerne von Bildung. Einerseits als Wissenskanon, der auf das humanistische Bildungsideal von Humboldt zurückgeht und andererseits als spezifische Art der Selbsterschaffung und Selbstoptimierung, nicht nur in Schulen, sondern in allen Bereichen der Gesellschaft (vgl. p.141).

2020_05_21_Möglichkeitsraum_von_Bildung

Die Möglichkeit der Selbsterschaffung und Selbstoptimierung des Menschen unterstellen die Funktionalität derselben als ökonomische Erfordernis, welche sich über die Selbstkontrolle durch pädagogische Prozesse vollzieht. Bildung verkommt zur Ware (S.3) und die Individualisierung als Subjektivierungsform ist das Werkzeug dazu (S.4).

Wimmer stellt in seinem Text den Bildungsbegriff, als in Aussicht gestellte Möglichkeit dar, und betont, dass Bildung schon immer einen utopisch-fiktionalen Charakter hatte (Vetter, o.J.). Die Möglichkeit des Scheiterns und ihre eigentliche Unmöglichkeit wurde auch schon im humanistischen Bildungsideal mitgedacht (S.5).

Insofern zeigt Wimmer auf, dass Bildung eine Utopie, eine Unmöglichkeit, im Sinne eines paradoxen Verhältnisses der Vorhersage von etwas Unvorhersagbarem, ist. Nach Massschelein und Ricken (2003, p.142) war Bildung immer schon auch ein Versprechen in der Zeit. Eingebettet in eine konstituierende Vergangenheit und eine unsichere Zukunft.

Bildung war schon immer ein Versprechen in der Zeit.

Das „in der Zeit sein“ eröffnet nicht nur, die Andersmöglichkeit der Bildung zu denken, sondern führt nach Wimmer unweigerlich dazu, auch die Andersmöglichkeit des Menschen in Betracht zu ziehen (S.16). Ricken (1999) schreibt dazu: „Menschen müssen sich zu sich selbst verhalten, wollen sie sich selbst verstehen“ (S.209). Dabei stellt sich das Problem, dass Menschen immer schon in die Gedanken über ihre eigenen Differenzen, verwickelt sind. Die zu bearbeitenden Differenzen werden daher meist in Hierarchien gedeutet und führen zum Schema von „Noch nicht“ und „Aber dann“ (S.210). Gerade in Bezug auf Kinder kommt das Schema als Versprechen des „Noch nicht“, „Aber dann“ in seiner ganzen Kraft zur Anwendung. Kinder müssen zuerst zu Menschen erzogen und gebildet werden, weil sie „Noch nicht“ vollwertig sind. Hier wird nicht nur der Humanismus als Höherstellung des Menschen über die „Schöpfung“ sichtbar, sondern auch der Adultismus als diskriminierendes Verhalten von Erwachsenen gegenüber Kindern (Naiv-Kollektiv).

Kinder müssen zuerst zu Menschen erzogen und gebildet werden, weil sie „Noch nicht“ vollwertig sind.

Auch Wimmer (2019) bezeichnet in seinem Text zur „Fremdheit der Generationen“ die Kindheit als „ein Kindheitsgefängnis in Gestalt eines Vorstellungssystems“, welches im Zuge der Rationalisierung und Verwissenschaftlichung des Kindes entstanden ist und „aus dem es kein Entkommen gibt“ (S.292). In dieser Denkweise ist Bildung keine Möglichkeit, sondern eine Notwenigkeit überhaupt erst Mensch zu werden.

Das Versprechen der Bildung ans „Noch nicht“ und „Aber dann“ wird aktuell nicht als Versprechen, sondern als Verheissung gehuldigt, als machbares Lebensziel. Bildung wird nicht als prekär und von Zufall und Scheitern eröffnete Möglichkeit gesehen, sondern als machbare Utopie und vorhersagbare Zukunft „verkauft“. Insofern könnte die Coronakrise auch aufzeigen, wie instabil und krisenanfällig unsere Gesellschaft und unsere Vorstellungssysteme sind und wie utopisch es ist Bildung als Verheissung der Zukunft des Menschen zu betrachten.

Bildung wird nicht als prekär und von Zufall und Scheitern eröffnete Möglichkeit gesehen, sondern als machbare Utopie und vorhersagbare Zukunft „verkauft“.

Zwar sagt Wimmer, dass er keinen neue Bildungsbegriff definieren will (S.2) und doch prägt er mit seinem Versuch die richtigen Fragen zu einem posthumanistischen Bildungsbegriff zu stellen, eine gewisse Eingrenzung und Definition des Möglichkeitsraumes.

Zusammenfassend könnte gesagt werden, dass Bildung in sich gewisse Möglichkeiten beinhaltet und gleichzeitig die Unmöglichkeit dieser Möglichkeiten, ihr Versprechen und Scheitern schon immer inkludiert ist. Trotz der wachsenden Möglichkeiten und der zunehmenden Schwierigkeit das Mögliche als fremd zu erfahren, spricht sich Wimmer dafür aus sich immer wieder irritieren zu lassen und in der Möglichkeit im Anderen innezuhalten. Somit ist Bildung das Innehalten im unerwarteten Fremden, das uns in uns selbst oder in unserem aussen überrascht und die Grenzen des Möglichen sichtbar und fühlbar macht. Durch die Irritation der Grenzen der eigenen Möglichkeits-Vorstellung wird die subjektive Wirklichkeit als eine höchst unsichere Angelegenheit erlebbar. Das Subjekt selbst erlebt sich nicht nur handelnd, sondern ist auch ausgesetzt.

Somit ist Bildung das Innehalten im unerwarteten Fremden, das uns in uns selbst oder in unserem aussen überrascht und die Grenzen des Möglichen sichtbar und fühlbar macht.

Insofern könnte posthumanistische Bildung das Ziel haben sich nicht nur als immer schon vollwertiges Subjekt das Selbst und die Welt anzueignen, sondern in allem auch die Unsicherheit gegenüber dem Anderen in sich selbst, in der Umgebung, der Technik und der Zukunft weder „neutralisieren“ noch hierarchisch codieren zu wollen (S.7), sondern darin innezuhalten.

 

Literatur:

Naiv-Kollektiv. ADULTwaahs?. Besucht am 26.04.2020 von https://www.naiv-kollektiv.org/

Masschelein, J.; Ricken, N. (2003). Do We (Still) Need the Concept of Bildung? Educational Philosophy and Theory, 35:2, 139-154.

Ricken, N. (1999). Subjektivität und Kontingenz. Pädagogische Anmerkungen zum Diskurs menschlicher Selbstbeschreibungen. In Vierteljahreschrift für wissenschaftliche Pädagogik (S.208-237).

Vetter, Ch (o.J.). Rezension zu Michael Wimmer: Posthumanistische Pädagogik (2017). https://www.socialnet.de/rezensionen/22966.php

Wimmer, M. (2019). Posthumanistische Pädagogik. Unterwegs zu einer poststrukturalistischen Erziehungswissenschaft. Paderborn: Verlag Ferdinand Schöningh.

Emotional überlastet

Heute Morgen habe ich grundlos angefangen zu weinen. Ich fühlte mich einfach so müde und kraftlos. Meine Beine sind wie Pudding, mein Kopf schmerzt und es ist mir schwindelig. Nein ich habe das Virus (noch) nicht.

Irgendwie war es komisch so auf dem Sofa zu sitzen und die Tränen kullerten mir über die Wangen. Zuerst wollte ich mir nichts anmerken lassen. Die Tränen zurückhalten. Dann dachte ich: „Warum willst du nicht zeigen, dass es einfach zu viel ist?“ Und ich liess den Tränen freien Lauf. Es geht mir jetzt nicht besser, aber ich habe gemerkt, dass ich nun wirklich eine Pause brauche, das Wochenende brauche, um zu schlafen und mich von all den digitalen Geräten und damit von all den Informationen zu distanzieren.

Wie kann ich all die neuen und teilweise sich widersprechenden Informationen verarbeiten?

Eigentlich unlogisch, weil die digitalen Geräte ja zur Zeit der einzige Zugang zu sozialer Interaktion sind. Und es sind ja v.a. die anderen Menschen, die fehlen. Und natürlich für mich als sehr strukturierter Person, die Struktur und Verlässlichkeiten des Alltags. Der regelmässige Wochen-Rhythmus ist dahin.

Wie organisieren wir uns als Familie, wenn alle Zuhause sind?

In meinem Innern ist gerade ganz viel Unsicherheit. Bis heute habe ich funktioniert. Das Funktionieren ist auch Thema in meiner Masterarbeit zum Berufseinstieg von Schulleitungen, welche ich aktuell schreibe. Eine Schulleiterin sagte mir im Rückblick auf ihre ersten drei Monate im Amt:

„Ich habe einfach irgendwie funktioniert und bin glaub einfach geschwommen und habe versucht meinen Kopf über Wasser zu halten und hatte von Nichts eine Ahnung. [ja] Einfach irgendwie gemacht und getan und geschaut, dass das irgendwie funktioniert“ (Fall1_3, Z. 630ff).

Genauso fühlte es sich auch in der letzten Woche an. Ich habe versucht für die Schule, die Lehrpersonen und die Familie da zu sein, probiert positiv zu denken. Es hat ja auch gute Seiten, diese Krise. Wir stehen zusammen. Wir entdecken Neues, gerade online und helfen einander.

Aber doch musste ich mir heute Morgen eingestehen. Ich bin emotional überlastet. Meine Seele kommt mit all den Veränderungen und neuen Anforderungen nicht mit.

Ich brauche halt einfach etwas Zeit.

 

 

Ich habe diesen Beitrag gefunden. Die Acht Warnzeichen halfen mir zu erkennen, dass es nun eine Pause braucht.

Ist Shoppen ein Hobby?

„Das Funktionieren der modernen Wirtschaft, die auf Arbeit und Arbeitende abgestellt ist, verlangt  dass alle weltlichen Dinge in einem immer beschleunigteren Tempo erscheinen und verschwinden“ (Arendt, 1972, S.14).

Wir verbrachten unsere Ferien in Berlin. Da wir in Bälde zu einer Hochzeit eingeladen sind, haben wir den Kindern eines Morgens gesagt, dass wir einkaufen gehen. Wir wollten uns alle neue Kleider kaufen.

In der grossen Stadt gibt es zig Shopping-Tempel. Unser erster Laden war ein Schuh-Laden. Die Kinder probierten dies und das an und wollten sich schon für ein Paar entscheiden. Wir hielten sie davon ab, denn es gab ja noch so viele andere Läden, dass es schade wäre, das erstbeste Paar zu kaufen. Vielleicht kommt ja noch `was Passenderes oder ehrlich gesagt `was Besseres. Unser zweiter Laden war ein Kleider-Geschäft. Ich suchte mit dem Jüngeren ein paar Hosen und ein T-Shirt raus. Er probierte diese an und befand beides für gut. Beim Hineingehen in das Geschäft hatte ich gesehen, dass es noch zwei weitere Kinderkleider-Läden nebenan hatte und sagte: „Komm, lass uns noch in den anderen Läden schauen, was es so gibt.“ Wir machten uns auf den Weg und als wir im anderen Laden standen, fragte mein Sohn:

„Mama, warum muss ich noch mehr Kleider anschauen? Ich habe alles, was ich brauche gekauft und den Rest habe ich noch Zuhause.“

Ich war baff. Er hatte mir gerade eine Lektion erteilt. Ich dachte immer, nicht zu denen zu gehören, die Shoppen als Hobby betreiben, sondern dass ich nur dann einkaufe, wenn ich etwas wirklich brauche. Nun habe ich mich dabei ertappt, dass ich enttäuscht war, dass unser Shopping-Tag schon nach zwei Läden beendet war.

Als ich am  nächsten Tag in meiner aktuellen Lektüre „Vita activa oder Vom tätigen Leben“ von Hannah Arendt (1972) weiter las, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Die Autorin beschreibt (S.16-17), dass Arbeit, Herstellen und Handeln nicht dasselbe sind und das erklärte mir die Tatsache, wie Shoppen ein Hobby werden konnte.

Arbeit ist für das Überleben da. Wir erarbeiten, was wir verbrauchen, z.B. Nahrungsmittel, also notwendige Verbrauchs- oder auch Konsumgüter.

Herstellen bedeutet ein Werk zu vollenden, welches von längerem Bestand ist und über die Selbsterhaltung hinausgeht, z.B. einen Tisch oder einen Teppich, also ein nützliches Gebrauchsgut.

Handeln indes beschreibt, was zwischen den Menschen ist. Das Sprechen und auch das Denken, welche die Gründung und Erhaltung von politischen Gemeinwesen ermöglichen.

Wenn nun in der modernen Gesellschaft alles erscheint und verschwindet, wie im Zitat zu Beginn, dann bedeutet dies, dass alle Gebrauchsgüter Verbrauchsgüter geworden sind. In der Folge möchte ich an Hand des Textes von Hannah Arendt eine mögliche Erklärung  geben, wie es dazu kommen konnte.

Die Arbeitskapazität ist eigentlich durch die Konsumkapazität limitiert. D.h. es können nicht mehr Verbrauchsgüter erarbeitet werden als die Menschen zur Erhaltung des Lebens verbrauchen.

Grenzenlos kann nur die Anhäufung von Gebrauchsgütern in Sinne von immer mehr Besitz sein, was dazu führt, dass eine im Überfluss lebende Gesellschaft so mit Gebrauchsgütern anfängt umzugehen, als seien sie Verbrauchsgüter. „Das Gebrauchen überhaupt in ein Verbrauchen umzuwandeln, so dass ein Stuhl oder ein Tisch schnell verbraucht wird … Diese Art und Weise, mit den Dingen der Welt umzugehen, ergibt sich ganz natürlich aus der Weise, in der sie produziert werden“ (S.147).

Der Produktionsprozess von Gebrauchsgüter wurde durch die Arbeitsteilung kleinschrittiger. Die Herstellung wird in einzelne Schritte, welche von verschiedenen Personen ausgeführt werden, aufgeteilt. Dies geht einerseits mit einer Spezialisierung und einer Vereinfachung einher. Der einzelne Arbeitsschritt wird spezialisiert, aber auch teilweise so vereinfacht, dass jede Person diesen ausführen kann. Durch die Arbeitsteilung wurde der Herstellungsprozess eines Gebrauchsgutes kleinschrittiger, wiederholender und beschleunigter, was eher dem Charakter eines Arbeitsprozesses entspricht (S.148). Durch den Einsatz von Maschinen, die gewisse wiederholende Produktionsschritte schneller ausführen als Menschen wird Überfluss erwirtschaftet.

„Der Überfluss, den die Massenfabrikation in die Welt wirft, macht die erzeugten Dinge automatische zu Konsumgütern“ (S.149).

Dass nun Gebrauchsgüter, wie eben Kleider oder Möbel zu Konsumgütern (Verbrauchsgütern) werden konnten, ist noch auf einen weiteren Umstand zurückzuführen und zwar die freie Zeit, die es zu füllen gilt. Viele Menschen der westlichen Welt sind teilweise von der Arbeit (Beschaffen des zum Leben Notwendigen) befreit und haben relativ viel Freizeit. Das hat schon Marx vorausgesagt und er prophezeite weiter, dass der Mensch in seiner freien Zeit sich nicht um das Handeln, also das Gemeinwesen kümmern werde „sondern seine Zeit im wesentlichen mit den privaten und weltunbezogenen Liebhabereien vertun werde, die wir Hobby nennen“ (S.138).

Die Grenzen zwischen Shoppen als Hobby, resp. Zeitvertreib und Kaufsucht sind fliessend. Dazu noch ein SRF-Rundschau-Bericht vom Januar 2019 „Kaufsucht: Kaum ein Thema in der Gesellschaft“. Das grösste Problem ist, dass (Zitat aus dem Beitrag) „Shoppen gesellschaftlich anerkannt ist und wirtschaftlich erwünscht“.

Ist es wirklich „einfach so“?

Ein Thema beschäftigt mich seit mehreren Woche und zwar aus einer persönlichen Betroffenheit.

Eine Freundin hat mir erzählt, dass sie längere Zeit 80% extern gearbeitet hat. Ihr Mann hat Zuhause (Kinder & Haushalt)  gearbeitet. Nach einiger Zeit wollte er auch wieder tieferprozentig extern arbeiten. Um sich so schnell als möglich am neuen Arbeitsplatz einarbeiten zu können, arbeitete er kurzzeitig auch 80%, um dann zu reduzieren. In dieser Zeit stellte das Ehepaar fest, dass der Mann erheblich mehr verdient, obwohl er weniger Erfahrung hat und beide 80% angestellt waren. Die beiden haben genau dieselbe Ausbildung und denselben Job bei der gleichen Firma. Die Frau fragte bei ihrem Vorgesetzten nach, warum das so sei. Die Antwort war: „Es ist in dieser Firma einfach so.“

De Vorfall ist schon zwei, drei Jahre her, aber der Schmerz, dass ihre Erwerbsarbeit, einfach weil sie eine Frau ist, weniger gut bezahlt wird und somit auch weniger wertgeschätzt wird, war immer noch deutlich spürbar, auch das Unverständnis. Leider hat sie sich nicht weiter gewehrt.

Heute arbeitet der Mann 100% extern und sie Teilzeit, obwohl sie eigentlich lieber mehr extern arbeiten möchte. Aber, wenn der gleiche Aufwand mehr Geld einbringt, ist dies verständlicherweise eine strukturell erzwungene, ökonomische Entscheidung.

Dies war das erste Mal für mich, dass mir eine Frau diese Ungerechtigkeit so offen und ehrlich geschildert hat. Aus den Medien habe ich schon davon gelesen, aber das war bis dato weit weg. Und persönlich habe ich bis jetzt damit keine Erfahrung, welche mir bewusst wäre, denn in der Volksschule werden Frauen und Männer gleich gut bezahlt. Ich bin dankbar dafür.

Aktuell lese ich gerade von L. Althusser „Ideologie und ideologische Staatsapparate“. Der Titel tönt fürchterlich, aber es hat ein paar spannende Aspekte zur Funktion des Lohns für eine errichtete Arbeit drin. Einerseits kann sich der Mensch durch den Lohn alle lebenserhaltenden Güter kaufen und sein biologisches Überleben sichern. Andererseits reproduziert der Lohn die bestehenden Verhältnisse. Das wichtigste an seinen Ausführungen finde ich, dass Lohn historisch schon immer verhandelbar war. Lohn ist keine fixe Grösse. Die Höhe und Art des Lohns wird von Menschen festgesetzt und ist somit veränderbar (Althusser, 2010, S.40/41) und eben nicht „einfach so“.

Ich bin klar dafür, dass Lohnungleichheit abgeschafft werden muss. Es ist einfach nicht verständlich und v.a. nicht würdig. Seht euch dazu auch dieses Video an, der Gesichtsausdruck der Kinder spricht Bände „Gender Pay Gap erklärt: Kinder kämpfen um Süßigkeiten“

Warten auf die Zeit

Wenn ich jeweils an der Bahnstation auf den Zug warte, fällt mir jedes Mal die grosse Uhr auf. Diese Uhr dominiert das Warten auf dem Perron. Der Zeiger schleppt sich von Strich zu Strich. Die Personen schauen ins Nichts oder ins Natel. Alle warten. Auf den Zug. Der Zug ist die Verbindung vom Sein zum Wollen. Denn warum würde ich sonst am Bahnhof auf einen Zug warten, wenn ich nicht an einen anderen Ort hin wollte. Somit ist der Bahnhof ein Bild für Wünsche, Sehnsüchte, Bedürfnisse, die noch in der Zukunft liegen. Mani Matter beschrieb in seinem Lied von den Bahnhöfen „u si tüe warte“. Worauf, wozu? Es scheint mir manchmal, dass sich die Welt doch sehr verändert hat seit Matter‘ s Lied, die Möglichkeiten sind exponentiell gewachsen, aber der Mensch wartet immer noch. Das Warten, trennt die Gegenwart von der Zukunft, gleichzeitig verbindet das Warten auch. Mich mit mir, mit meinem Innersten. Wenn ich das aushalten kann, ist das Warten eine Selbstzeit. Ich mit mir. Leider versuche ich viel zu oft dieses Warten mit Ablenkung zu stopfen, um nicht im Leeren zu sein. In der Nicht- Zeit auf Standby.

Diese Woche versuche ich das Warten nicht im Sinne von getrennt sein von der Erfüllung meiner Absicht, sondern als für mich wertvolle Leerzeit zu betrachten.

Was löst das Warten bei dir aus?

Paddelst du noch oder tauchst du schon?

Ein Riff ist von der Wasseroberfläche aus nur schemenhaft zu erkennen. Es liegt im Wasser verborgen. Dasselbe gilt für den Eisberg. Von einem Eisberg ist nur die Spitze sichtbar, der grösste Teil des Eisberges ist von der Wasseroberfläche aus unsichtbar. Das Eisbergmodell basiert nach Wikipedia auf dem Pareto-Prinzip von 20/80 und gilt allgemein als Modell für die Sichtbarkeit von Dingen, der Persönlichkeit oder der Kommunikation.

In der Kommunikation ist grob gesagt die Sachebene im sichtbaren Bereich und die Beziehungsebene im unsichtbaren Bereich. Kombiniert mit dem Satz vom kleinen Prinzen: „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentlich ist für das Auge unsichtbar,“ würde es bedeuten, dass nur die Beziehungsebene wesentlich ist, aber die Sachebene nicht.

 

Eisbergmodell

 

Das Eisbergmodell und das Zitat reduzieren die menschliche Wahrnehmung auf den visuellen Bereich. Es geht ums Da-Sein oder Verborgen-Sein. Das Unsichtbare ist ge-wichtiger, wesentlicher, als das Sichtbare.

Wenn ich nun aber mit einer Tauchausrüstung ins Wasser steige, dann ist auch der vermeidlich unsichtbare Teil des Eisbergs plötzlich in meinem Sichtfeld. Wird er damit weniger wesentlich, weil er versachlicht wird?

Ist die Einteilung in sichtbar und unsichtbar eine Relative? Hängt es wesentlich von meinem Standpunkt ab, wie ich die Dinge sehe oder eben nicht? Bin ich bereit einen Aufwand zu betreiben, um mein Bild zu erweitern? Darf oder soll ich sogar Dinge aus dem Unsichtbaren ins Sichtbare holen?

Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentlich ist für das Auge unsichtbar

Die Trennung zwischen sichtbar und unsichtbar ist eine Künstliche, denn in allem steckt beides. Es gibt keine Wasseroberfläche, die die Beziehungsebene von der Sachebene trennt. In der der Begegnung von Menschen, steckt Beziehung und Sache, vermischt und auf sich einwirkend und beziehend.

Darum kann der kleine Prinz mit dem Herzen sehen. Die Sache wird durch die Beziehung betrachtet. Darum empfehle ich tauchen, statt paddeln.