Die Geschichte vom Pinguin auf der Eisscholle

Ein Pinguin, etwas so alt wie du, sitzt vor einem Schneehaufen und dreht sich um sich selbst. Seine Welt ist weiss, schneeweiss, teilweise mit gelben Spuren oder schwarzen Sprenkeln. Der Schnee ist mal weich, mal hart wie Eis. Das Eis wirkt nur weiss, aber in Wirklichkeit ist es durchsichtig mit eingeschlossenen Luftblasen und blauem Schimmer, wenn die Sonne hineinscheint. Das ist die Welt, welche der Pinguin kennt und welche für ihn vertraut und natürlich ist. Der Pinguin ist gerne hier. Er hat genug zu essen, Freunde und Familie und es herrscht ein angenehmes Klima. Für ihn kann das Leben so bleiben wie es ist.

In seiner Zufriedenheit bemerkt, der Pinguin nicht, dass sein Zuhause immer kleiner wird. Die riesige Eisscholle schmilz. Eines Tages spürt der Pinguin eine Erschütterung. Seine Welt scheint für ein paar Sekunden zu beben. „Das kann nicht sein!“, denkt sich der Pinguin. „Meine Welt ist stabil und fällt nicht so leicht aus den Fugen.“ „Rumms“, schon wieder. Langsam wird es dem Pinguin ungemütlich, er beginnt sich Sorgen zu machen, was das wohl sein könnte und beschliesst eine Runde zu watscheln. Weit weit weg von seinem Schlafhügel, sieht er zum ersten Mal, dass er sich nicht am Südpol, auf festem Boden befindet, sondern auf einer unglaublich grossen Eisscholle, die im Meer treibt und an deren Grenzen riesige Eisberge abbrechen. Sein ganzes Weltbild fällt mit einem Schlag zusammen. Die vermeintliche Stabilität ist nichts als Illusion.

Sein ganzes Weltbild fällt zusammen. Die vermeintliche Stabilität ist nichts als Illusion. Nach dem ersten Schock über die unvollständige Vorstellung von seinem Zuhause, denkt er darüber nach, inwieweit seine Welt eine Relative sei.

Nach dem ersten Schock über die unvollständige Vorstellung von seinem Zuhause, denkt er darüber nach, inwieweit seine Welt eine Relative sei. Er erinnert sich, dass er früher viele Fragen hatte: Ob es noch mehr Schattierungen von weiss gebe, als man hier sehen könne? Ob es auch Orte gebe, die vielleicht «nicht-weiss» seien? Auf seine Fragen bekam der Pinguin nur ein mitleidiges Lächeln, ein Achselzucken oder ein genervtes Stöhnen als Antwort. So hörte er auf zu fragen.

Der Pinguin, welcher sein Leben lang nie etwas anderes als weiss gesehen hat, glaubt nicht wirklich, dass es ausser weiss etwas gibt. Aber was wäre, wenn doch? Auch wenn der Pinguin keine Vorstellung von «nicht-weiss» hat, heisst das nicht, dass es «nicht-weiss» nicht gibt. Der Pinguin erwacht aus seiner Bequemlichkeit und macht sich auf eine Reise ins Ungewisse, um sich überraschen zu lassen. Sein Plan ist zuerst eine bisschen Eisschollen-Hopping zu machen und sich dann vorsichtig immer weiter von seinen vertrauten Gefilden weg zu bewegen und auf der anderen Seite des Horizonts in eine vollkommen andere Welt – eine «nicht-weisse» Welt – einzutauchen.

Auch wenn der Pinguin keine Vorstellung von «nicht-weiss» hat, heisst das nicht, dass es «nicht-weiss» nicht gibt.

Die Idee zur Geschichte entstammt einem Bild von Prof. Dr. E. Forster, HS2018 Uni Fribourg und der Diskussion: Was «menschlich» ist? Was als normal empfunden wird? Was es bedeutet in eine andere Kultur einzutauchen? Ob wir bereit sind anderen Werten und Normen die gleiche Akzeptanz zukommen zu lassen, wie Unseren (auch wenn wir sie absolut nicht nachvollziehen können)?

Ich dachte mir, dass die Geschichte gut zu Weihnachten passt, da sie den solidarischen Gedanken der Gleichwürdigkeit aller Menschen und ihrer Ideen illustriert und gleichzeitig auch ermuntert eine Reise in eine neue unbekannte (Gedanken-) Welt anzutreten.

Erziehung können wir uns schenken

Nachdem ich gefühlte zig-1000 Mal in den letzten paar Jahren dieselben Erziehungs-Situationen erlebt habe, bin ich etwas desillusioniert, was Erziehung angeht. Bringt es überhaupt was, wenn wir unsere Kinder erziehen? Können wir uns den Stress sparen?

Solange ein Kind gegenüber meinen Interventionen und Erklärungsversuchen keine Einsicht zeigt, gibt es keine Verhaltensveränderung, ausser über Zwang & Gewalt, aber dies ist definitiv nicht anzustreben.

Was ist Erziehung?

Unter Erziehung versteht man die pädagogische Einflußnahme auf die Entwicklung und das Verhalten Heranwachsender. Dabei beinhaltet der Begriff sowohl den Prozeß als auch das Resultat dieser Einflußnahme.“ Der Erziehungswissenschaftler Wolfgang Brezinka definiert Erziehung als „Handlungen […], durch die Menschen versuchen, das Gefüge der psychischen Dispositionen anderer Menschen in irgendeiner Hinsicht dauerhaft zu verbessern oder seine als wertvoll beurteilten Bestandteile zu erhalten oder die Entstehung von Dispositionen, die als schlecht bewertet werden, zu verhüten“ (Wikipedia).

Mit Erziehung bezwecken Erwachsene ein Kind, seine Psyche, gezielt zu beeinflussen oder gar zu verbessern. Dies impliziert, dass ein Kind ein unfertiges Wesen ist, das durch Erwachsene optimiert werden muss. Diese Optimierung ist abhängig von den Werten und Normen der Eltern und der jeweiligen Gesellschaft. Ein Kind soll so geformt werden, dass es passt.

Erziehung ist kein Handwerk

Dabei wird aus meiner Sicht vernachlässigt, dass das Kind kein Tonklumpen ist, der sich nach den  Wünschen und Vorstellungen des Töpfers modellieren lässt. Der Ton (Kind) hat ein Eigenleben – Er formt sich selber und wiedersetzt sich dem Töpfer.

Ich habe in den letzten acht Jahren keine Gebrauchsanweisung für Erziehung und das Formen von Kindern gefunden. Was beim einen Kind Einsicht fördert, bewirkt beim Anderen nicht die kleinste Reaktion. Nach meiner Ansicht gibt es keine allgemein gültige Anleitung, wie ein Kind erzogen werden kann, auch wenn uns Ratgeber eines Anderen belehren wollen.

Der Widerstand der Kinder ist ihr Segen

Das ist zwar anstrengend und herausfordernd für Erwachsene, aber für die Kinder ist es ein Segen. Dadurch, dass sich Kinder unseren Wünschen widersetzen und Dinge tun, die sie gerne tun möchten, sind sie sich selber nah. Diese Achtsamkeit gegenüber sich selber, vermissen ganz viele Erwachsene und müssen sie mühsam wiederentdecken (Vielleicht, weil sie uns aberzogen worden ist?). Darum überlege ich mir, ob ich Erziehung im oben definierten Sinne weiterhin anwenden will. Will ich dies meinen Kindern antun, dass sie mir und der Gesellschaft  entsprechen müssen und sich selber unterdrücken sollen?

Dazu habe ich folgende Literatur bestellt:

  • Alice Millers, Das wahre Drama des begabten Kindes & Am Anfang war Erziehung
  • Ekkehard von Braunmühl, Antipädagogik: Studien zur Abschaffung der Erziehung

Meine Theorie ist noch in keiner Art und Weise ausgereift. Meine Gedanken kreisen darum, dass es Regeln braucht, die das Zusammenlegen ermöglichen (Hannah Arendt) zudem braucht es eine neue Art der Beziehungsgestaltung (Paulo Freire), Wertschätzung der Gefühle (Alice Millers) undeine grosse Portion Verhandlungskompetenz (Robert Selman). Wenn ich weiter überlegt habe, werde ich einen weiteren Text schreiben.

Falls dich das Thema auch interessiert und du dir auch schon mal überlegt hast mit dem Erziehen aufzuhören, dann freue ich mich über deinen Kommentar.

Ich wünsche dir eine gesegnete Adventszeit und vielleicht schenkst du dir zu Weihnachten die Erziehung (oder allenfalls mal eine Erziehungspause)!

Ich, wir, jetzt. Eine Geschichte der Macht.

„Wie führst du eigentlich das Team?“ Dies fragte mich ein Schulkommissions-Mitglied als wir zusammen einen Fragebogen zur Schulführung für unsere Strategie-Arbeit bearbeiteten. Ich war von der Frage etwas überrumpelt, weil ich nicht einfach so genau sagen konnte, wie ich das mache. Dass ich „es“ mache, weiss ich, aber wie genau…

Ich sagte, dass ich dies nicht so genau beschreiben könne. Er fragte weiter: „Gibst du Anweisungen oder sagst du bis wann etwas erledigt sein soll?“ Ich gebe wenige genaue Anweisungen und Aufträge, die bis zu einem gewissen Termin erledigt werden sollen, also z.B. die Rechnungen bis Ende Monat abgeben oder so was, aber solche Sachen hat er nicht gemeint. Wir sprachen über das Führen einer Schule, den gemeinsamen Weg. Ich wusste genau, was er meint, konnte „es“ aber nicht so genau in Worte fassen.

Die Frage der Macht

Ein paar Tage später las ich einen Text zu: How to get power (Wie erlange ich Macht)? Dabei geht es zusammengefasst, um die Macht durch Storytelling (Geschichten erzählen). Der Autor, Eric Liu, schreibt, dass viele Menschen sich mit dem Begriff der Macht schwer tun. Im Alltag hat Macht einen negativen Touch und scheint nicht erstrebenswert zu sein, darum macht sich die Mehrheit keine Gedanken über Macht und wie sie funktioniert (Darauf gehe ich nicht weiter ein).

Eric Liu definiert Macht als die Fähigkeit, dass Andere das tun, was du möchtest, dass sie tun.

Diese Form der Machtausübung ist alltäglich, denn Menschen beeinflussen sich gegenseitig und erwarten offen oder verdeckt ein gewisses Verhalten vom Gegenüber. Insofern kann jede Beziehung zwischen Menschen als Machtgefüge betrachtet werden.

Eric Liu bezeichnet die Story (Geschichte) als beschleunigenden Helfer, um den aktuellen Stand der Gegenwart zu verändern. Er sagt, dass mit Geschichten Menschen organisiert werden können. Die Menschen können sich dann selber in der Geschichte organisieren. Damit wird ein WIR-Gefühl produziert, welches sich mit dem ICH in einer Wechselwirkung  gegenseitig beeinflusst. Eric Liu beschreibt dazu drei Geschichtsstränge.

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Drei verschachtelte Geschichten

„Um Menschen zu organisieren braucht es drei verschachtelte Erzählungen: die Geschichte vom ICH, vom WIR und vom JETZT.“

Die Geschichte vom ICH erzählt davon, wer ich bin, was ich denke und warum ich denke, was ich denke. Die ICH-Geschichte beinhaltet einen grossen Teil der Geschichte vom WIR. Nämlich, wie ich mir das WIR vorstelle (Vision in der Zukunft), was das WIR ausmacht und wie wir das WIR hier leben (Wertschätzung der Vergangenheit). Das ICH und das WIR stiften Identität und Zugehörigkeit und bilden die Grundlage für gemeinsamen Handeln in der Gegenwart. Die Geschichte vom JETZT spiegelt sich in den aktuellen Tätigkeiten wieder, die das WIR umsetzt. Zur besseren Vorstellung der WIR-Geschichte das bekannte Zitat von Antoine de Saint-Exupéry:

„Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann rufe nicht die Menschen zusammen, um Holz zu sammeln, Aufgaben zu verteilen und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem großen, weiten Meer.“

Ein Schule führen mit Geschichten

Ich habe eingangs geschrieben, dass mich ein Schulkommissions-Mitglied fragte, wie ich führe. Führen bedeutet, Menschen, die für einen bestimmten gemeinsamen Zweck am selben Ort zusammenkommen, zu organisieren, damit sie tun, was sie tun sollen. Insofern ist meine Aufgabe durch die Macht als Vorgesetzte zu gewährleisten, dass die Lehrpersonen tun, was sie (aus meiner Sicht) tun sollen. Dies mache ich oft durch Storytelling, indem ich erzähle, wie ich mir Schule und Unterricht usw. vorstelle und damit eine WIR-Geschichte aufbaue. Darin sind die Lehrpersonen dann frei, wie sie das WIR durch ihr ICH beeinflussen (siehe Grafik oben).

Educational Governance – die Steuerung von Schulsystemen

Da ich mich aktuell vertieft mit der Steuerung von Schulsystemen befasse, bin ich dabei auf einen Abschnitt gestossen, der die Verantwortungsübernahme in demokratischen Systemen beschreibt und gut zur Führung durch Geschichten passt: „Menschen, die sich selbst und andere wahr- und für wahr nehmen, erkennen ihr eigenes Thema als Entwicklungsaufgabe. … Denn nur, wenn mehrere Menschen mit ihrem jeweiligen Thema ein gemeinsames Thema finden können, gelangen sie über authentische Kommunikation zu gemeinsamem zielgerichtetem Handeln, welches Synergien … ermöglicht“ (Knauer, 2011, S.142).

Wenn die Lehrpersonen sich wahrgenommen und zugehörig fühlen, indem sie ihre Themen ins WIR einbringen können, dann resultiert für sie selber der grösste Gewinn. Das eigene Thema kann in unserem Zusammenhang mit der Geschichte vom ICH und das gemeinsame Thema mit der Geschichte vom WIR gleichgesetzt werden, welche im gemeinsamen zielgerichteten Handeln in der Geschichte vom JETZT mündet. Dieses JETZT setzt zudem Synergien frei, was nicht nur mir als Schulleiterin, sondern auch den einzelnen Lehrpersonen und schlussendlich den Kindern zu Gute kommt.

Insofern hat das Führen durch Geschichten, und die Nutzung der Rollen-Macht als Schulleiterin, um eine WIR-Geschichte zu ermöglichen, einen hoffentlich positiven Einfluss auf die Entwicklungsmöglichkeiten der Kinder.

  • Seit ich den Text gelesen habe, finde ich überall Hinweise zu solchen ICH-WIR-JETZT Geschichten, v.a. in Politik und Werbung.
  • Hast du auch so eine Geschichte? Ich freue mich darüber in den Kommentaren zu lesen.

Literatur: Knauer, Sabine (2011). Wo ist hier ein System – und, wenn ja, warum? In A. Knoke & A. Durdel (Hrsg.), Steuerung im Bildungswesen. Zur Zusammenarbeit von Ministerien, Schulaufsicht und Schulleitungen (1. Auflage S.133-147). Wiesbaden: VS Verlag.

Das schwierige Kind

Heute sprachen wir über ein sogenannt „schwieriges Kind“, das den Unterricht stört, indem es sich unruhig verhält, nicht still und alleine sein kann, reinschwatzt, andere Kinder beim Arbeiten stört, Aufträge nicht korrekt ausführt, sehr langsam arbeitet und meist nur, wenn jemand daneben sitzt. Solche Kinder gibt es wohl in jeder Klasse.

Wenn ich jeweils so Auflistungen zu lesen bekomme, stelle ich mir ein Kind vor, das neugierig auf die Welt schaut und seine kleinen Entdeckungen mitteilen will, sich gerne bewegt und unbeschwert von Regeln durch die Welt mäandert. Dann überlege ich, dass das Kind sicherlich auch Vieles gut macht, was man als Ressource beiziehen könnte… gleichzeitig verstehe ich sehr gut, dass dieses Verhalten ein enormes Herausforderungs-Potential für Erwachsene, seien es nun Eltern oder Lehrpersonen, hat, da es unberechenbar ist und einer geheimen inneren Struktur folgt.2018_10_23_Schule_unterrichten_mäandern

In einer Gruppe ist es nicht immerzu möglich, dass jedes Kind seiner geheimen Struktur folgen kann. Um ein gutes Miteinander zu ermöglichen, braucht es Abmachungen und Regeln, was zwangsläufig das Mäandern kanalisiert und Überschwappungen produziert.

Freire – Pädagogik der Unterdrückten

Letzte Woche haben wir an der Uni den Denker Paulo Freire, Pädagogik der Unterdrückten studiert. Ich habe keinen Zugang zu diesem Gedanken-Konstrukt gefunden, das besagt, dass es Unterdrücker und Unterdrückte gibt. Dass dieser Zustand für beide Seiten unmenschlich sei und sich die Unterdrückten gegen die Unterdrücker auflehnen sollen und nur sie durch ihren Widerstand das Menschliche zurückerobern können. Gleichzeitig sind die Personen mit Macht (also die Unterdrücker oder eben auch Lehrpersonen, Eltern) für den Prozess verantwortlich. Die Personen mit Macht sollen mit allen Mitteln verhindern, dass sie in eine Unterdrücker-Rolle geraten. Inhaltlich sollen sich Erwachsene und Kinder auf Augenhöhe begegnen und in einem wechselseitigen Dialog Erkenntnis erschaffen.

Das würde für unsere Situation mit dem „schwierigen Kind“ heissen, dass nicht in erster Linie beim Kind hingeschaut werden muss, sondern bei der erwachsenen Person, denn diese ist für den Prozess verantwortlich. Hier in der Folge aufgezeigt am Beispiel der Schule. Dieselbe Denkweise kann auch für Eltern und andere asymmetrische Beziehungen angewendet werden.

Die Lehrperson bestimmt den ersten Schritt

Wenn man Freire ernst nimmt, dann muss der erste Schritt sein, dass die Lehrperson bei sich und dem Kind genau hinschaut, was sie mit ihrem Verhalten beim Kind auslöst. Versteht das Kind den Auftrag nicht, weil sie ihn nur mündlich erteilt und das Kind Mühe hat nur über das Gehör Informationen aufzunehmen. Müsste sie dem Kind die Möglichkeit geben den Auftrag visuell erfassen zu können?  Arbeitet ein Kind langsam, weil es sehr genau arbeitet oder weil es Mühe hat sich am Arbeitsplatz zu organisieren? Bräuchte es von der Lehrperson Strukturierungs-Hilfen? Hat sich die Lehrperson von einer Fachperson beraten lassen, was die zig Gründe für das beschrieben Verhalten sein könnten und angefangen verschiedene Strategien zu erproben? …. Jedes Kind ist einzigartig und der Auftrag der Lehrperson ist es, so gut wie möglich, den Zugang zu den Kindern zu finden, sich in ihrer Rolle als Lehrperson den Bedürfnissen des Kindes anzunähern.

Wenn die Lehrperson hofft, dass sich ein Kind ändert, ist sie abhängig vom Kind. Bei sich selber hinzuschauen ermöglicht unmittelbar in die Aktivität überzugehen und der Ohnmacht keinen Raum zu geben.

R. Selman beschreibt in seiner Pyramide der Interpersonalen Verhandlungsstrategien (Folie 33) die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme in zwei Orientierungsmodi: Selbstveränderung und Veränderung des Anderen. In einer Situation, wo die Lehrperson ein Kind als schwierig wahrnimmt, kann sie sich entscheiden in welchem Modus sie die Situation  anschauen will, ob sie die Perspektivenübernahme mit der Brille:

  • Ich finde heraus, was das Kind braucht und gebe ihm das (Selbstveränderung) oder
  • Ich zeigen dem Kind, was ich will und es muss das lernen (Veränderung des Anderen) anschauen will.

Wie oben beschrieben ist die Lehrperson in der Position der Macht und daher wird von ihr verlangt, dass sie entscheidet, wie die Situation gelöst werden kann. Wenn die Lehrperson hofft, dass sich ein Kind ändert, ist sie abhängig vom Kind. Bei sich selber hinzuschauen, ermöglicht unmittelbar in die Aktivität überzugehen und der Ohnmacht keinen Raum zu geben. Dies scheint im ersten Moment schwerer zu sein, aber führt längerfristig zu einer Erweiterung des Handlungsrepertoires der Lehrperson, was schlussendlich ihr selbst und auch anderen Kindern zu Gute kommt.

Und für mich hat das „schwierige Kind“ einen ersten Zugang zu Freire ermöglicht.

Im nächsten Beitrag schaue ich auf die „schwierige Lehrperson“.

Talentdialog

Viel wichtiger als ritualisierte Mitarbeitergespräche ist ein kontinuierlicher Dialog auf Augenhöhe in einer konstruktiven Atmosphäre.

Aus dem Blogbeitrag von Förster & Kreuz und Führen mit Optionen habe ich für dieses Schuljahr den Talentdialog bei uns eingeführt. Das ist an sich keine grosse Sache, wenn die Haltung dahinter stimmt, sprich ein echtes und ehrliches Interesse am Dialog besteht.

Ich habe jedes Jahr versucht den Mitarbeiter-Gesprächen (MAG) einen neuen Touch zu verpassen und habe mich damit schwer getan, dass die Gespräch so förmlich verlaufen, wo ich doch sonst ganz viele witzige, spontane und auch tiefe und ehrliche Gespräche mit den Lehrpersonen führe, die nicht als offizielle MAGs gelten. Daher kam mir die Idee mit dem Talentdialog wie gerufen.

Ich habe also Anfang Schuljahr allen Lehrpersonen gesagt, dass ich gerne irgendwann in diesem Schuljahr einen Talentdialog mit ihnen machen möchte. Wir haben aktuell das Jahres-Thema: Was ist dir lieber? Und aus diesem Grund habe ich mir überlegt, dass Sie als Mitarbeitende auswählen dürfen, wann und wo sie das Gespräch machen möchten, also z.B. während einem Spaziergang, in einem Restaurant, zu Hause, in der Schule, am Telefon …. Ich bin offen für ihre Vorschläge. Wir besprechen nur die fünf Fragen aus dem Blogbeitrag von Förster & Kreuz :

1. Zurückblickend auf die vergangene Periode: Was war mein individueller Beitrag und was habe ich möglicherweise darüber hinaus beigetragen?

2. Was war schwierig? Womit habe ich mich schwergetan?

3. Wie präsent war ich und was hat das bewirkt (für mich selbst und für die Leute, mit denen ich zusammenarbeite)?

4. Gibt es etwas, das ich aus diesem Zeitraum für mich mitnehme und auf das ich stärker in Zukunft fokussieren möchte?

5. Was sind unsere Prioritäten für die nächste Periode?

Zudem möchte ich wissen, wie es der Lehrperson geht (privat & in der Schule) und sie wählt aus einem Kompetenzfächer eine Karte als Priorität aus.

Ich habe nun erste Erfahrungen damit gesammelt, war schon mehrmals Spazieren (was sich sehr bewährt, nicht nur weil ich das Gebiet um die Schule viel besser kenne), in einem gemütlichen Kaffee und auch im Büro. Ich habe das Gefühl, dass die Lehrpersonen die Wahl-Möglichkeit schätzen und sich teilweise sogar auf das Gespräch freuen, was mich wiederum am meisten freut. Für mich ist es spannend einem offiziellen Gespräch (das ich vom Kanton her machen muss) einen lockeren Rahmen geben zu können und wirklich in den Dialog eintreten zu können. Dabei entdecke ich immer wieder neue Talente und lasse mich von neuen Ideen inspirieren!

Fragen zum Nachdenken:

  • Wäre dies auch was für dich?
  • Was wäre für dich der Unterschied?

Positives Kopfkino

Ich sass in einem Café und habe gearbeitet. Das tue ich manchmal, weil es dort feinen Café gibt und ich mich auswärts besser auf eine Sache konzentrieren kann, als zu Hause, wo mich öfters was ablenkt. Arbeiten im „third place“ (Ray Oldenburg) sozusagen. Als ich so da sass, las und schrieb, lenke sich meine Aufmerksamkeit auf eine Diskussion an einem der anderen Tisch.

Die Leute diskutierten über ein Kind, das anscheinend an einem Nachmittag alleine Zuhause war, alleine die Hausaufgaben machte und sich dann bei einem Nachbarn Hilfe holte, weil es bei einer Aufgabe nicht weiter wusste. Die Personen am Nachbartisch hielten sich darüber auf, dass beide Eltern viel arbeiten würden und deshalb das Kind alleine lassen sei, das gehe ja gar nicht, das würden sie nie tun.

Ich sass so da und stimmt innerlich mit ihnen überein, als sich plötzlich eine andere Stimme in meinem Kopf bemerkbar machte, die mich frage: „Und wenn die Eltern es doch gut machen?“ Ich sann darüber nach und da kam mir die Technik des Umdeutens aus dem lösungsorientierten Ansatz in den Sinn. Ich versuchte in einem positiven Kopfkino die Situation umzudeuten.

Die Eltern des Kindes kennen ihr Kind sehr gut und trauen ihm zu eine gewisse Zeit alleine zu sein. Das Kind kann das und hat nichts dagegen (vielleicht schätzt es sogar die Zeit ohne Eltern). Das Kind ist ausserordentlich zuverlässig und selbstorganisiert, sonst hätte es nicht ohne Hinweis seiner Eltern selber die Hausaufgaben begonnen. Das Kind hat anscheinend gute Ressourcen ein Problem zu erkennen und sich entsprechende Strategien sich Hilfe zu holen.

Wenn die Situation so betrachtet wird, dann hatte das Kind eine unglaubliche Lernmöglichkeit in dieser Alleine-Zeit. Es hat Selbstwirksamkeit erfahren und konnte am Abend seinen Eltern von den Erlebnissen erzählen, die es selber gemeistert hat. Die Eltern können stolz sein auf ihr Kind.

Ich finde, dass wir unseren Kinder etwas zutrauen dürfen. Wir müssen sie nicht vor der Welt beschützen, sondern sie in die Welt hinaus begleiten. Ohne die Eltern zu kennen und zu wissen, ob meine Umdeutung einen wahren Kern haben könnte, würde ich sagen, dass wir doch bevor wir eine Situation negativ beurteilen, auch vom Positiven ausgehen könnten.

Die Rolle von Dilemma & Freiheit

Jeder Mensch nimmt in seinem Leben verschiedene Rollen ein. Das Wort Rollen kommt dabei aus dem Theater, aber meint hier keine künstliche Rolle, die ich spiele, sondern verschiedene soziale Ausprägungen meines Selbst, in denen ich mich bewege, mich entsprechend verhalte und von eigenen, fremden und unausgesprochenen Erwartungen beeinflusst werde oder eben auch Andere beeinflusse. Dahinter steckt das Modell der Sozialisation.

Was ist Sozialisation?

 «Sozialisation ist ein eher unbewusster Vorgang. Er vollzieht sich im Wesentlichen über die Erwartungen anderer und die negativen wie positiven Sanktionen, mit denen das Individuum im Anschluss an sein Verhalten konfrontiert wird (…) Sozialisation ist also im Kern die Anpassung des Menschen an und durch seine soziale Umwelt» (Reheis, 2016, S. 80f).

 

In meinen Rollen passe ich mich mehr oder weniger den Erwartungen der Gesellschaft an. Die verschiedenen Rollen zeigen sich, wenn ich an einem gewissen Ort bin, spezifische Arbeiten erledige oder einfach mental mich in diesem Denkkreis befinde. Dies führt in unserer Familie teilweise zu Konflikten, wenn ich den Rollenwechsel nicht schnell genug vollziehen kann. Unten seht ihr als Beispiel meine Rollenblume.

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Wenn ich beispielsweise nach Hause komme und die Kinder mich in der Rolle als Mutter ansprechen, aber mein Kopf ist noch an der Uni ist. Ich hirne weiter einem Sachverhalt nach und fühle mich durch die Kinder «belästigt» da ich in meiner Rolle als Mutter noch nicht auf «Empfang» geschaltet habe, mich jedoch am Ort «Zuhause» aufhalte, wo diese Rolle am ausgeprägtesten ist. Meist reagiere ich dann nicht sonderlich einfühlsam auf die Erwartungen der Kinder, da sie mich gegen meinen Willen in eine andere Rolle zerren.

Die Ausnahme

Im Buch von Reheis (2016, S. 81) wird ein spannender Sachverhalt erklärt und zwar, dass sich Sozialisation weitestgehend unseren eigenen Vorstellungen und Aktivitäten entzieht, also wie oben beschrieben meist unbewusst passiert. Es gibt jedoch eine Ausnahme-Situation, wo die Person frei entscheiden kann.

«Sie wird nur dann möglich, wenn das Individuum mit Rollenerwartungen konfrontiert ist, die sich gegenseitig ausschließen, und wenn zusätzlich die Sanktionen, die im Falle des Nichterfüllens der Erwartungen drohen, gleich stark sind. Genau in dieser insgesamt seltenen Situation kann sich das Individuum frei entscheiden (Reheis, 2016, S.81).

Ich musste den Abschnitt mehrmals lesen und dann aufzeichnen, um zu verstehen, was gemeint ist. Die gegenüberstehenden Rollenerwartungen stellen für mich eine Dilemma-Situation dar. Es gibt somit keinen guten Ausweg ohne Konsequenzen. Wenn nun die Konsequenzen (hier Sanktionen) gleich gross sind, bin ich zwar in einer sch…. Situation, aber gleichzeitig maximal frei, denn ich verliere sowieso, also kann ich mich frei entscheiden.

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Für mich ist das paradox: Erst im Dilemma (maximale Gefangenschaft der Umstände) bin ich in Freiheit (maximale Freiheit in der Entscheidung). Wenn wir uns in diesem Dilemma-Freiheit-Paradox befinden nennt G. H. Mead dies «role-making», wir gestalten uns unsere Rolle selbst. Wir entscheiden, was in dieser Situation zu tun ist und wie wir unsere Rolle interpretieren. Demgegenüber steht das üblichere «role-taking», wo eine erwartete Rolle übernommen wird, was nicht gewertet werden soll. Die Anpassung an die Rollenerwartungen vereinfacht die Kommunikation und macht die Begegnung von Menschen im Alltag berechenbar. Bewirkt also eine gewisse Stabilität der Gemeinschaft mit dem Nachteil, dass diese fixen Denkmuster Vorurteile bergen und Möglichkeiten einengen können.

Für jeden Einzelnen stellt sich fortlaufend die Frage nach der Balance zwischen Individuum und Kollektiv:

  • Wie gesellschaftskonform will ich sein? Den Rollen-Erwartungen entsprechen, dafür meine Vorstellungen zurückstellen
  • Wie fest ICH will ich sein? Den Rollenerwartungen nicht entsprechen, dafür meinen Vorstellungen folgen

Hast du Zeit?

Vor einiger Zeit hörte ich einen denkwürdigen Vortrag vom Zeitforscher Karlheinz Geissler. Der Inhalt des Vortrags fasst das folgende Zitat aus ZEIT online treffend zusammen:

Der moderne Mensch ist ein gehetztes Wesen. Er isst im Gehen, checkt Mails, wenn er im Bus sitzt, telefoniert auf dem Fahrrad, arbeitet mit Deadlines. Kaum ein Vorsatz für das neue Jahr wird in Umfragen häufiger genannt als:“Mehr Zeit haben für Familie und Freunde“. Wie aber kann es sein, dass wir uns immer mehr Zeit wünschen, obwohl wir eigentlich immer mehr davon haben?

Herr Geissler sprach davon, dass wir als Menschen auf ein Leben im Rhythmus eingestellt wären, aber leider hat uns die Uhr den Takt gebracht. Dazu habe ich für die Schule einen Foliensatz als Denk-Anstoss erstellt. Wie könnte eine Schule im Rhythmus aussehen?

Lebst du im Rhythmus oder im Takt

In einem Interview im GEO Wissen-Ausgabe Nr. 62 „Zeit für die Seele“ sagt Herr Hartmut Rosa, dass die Beschleunigung der Zeit im 18. Jahrhundert mit dem Aufkommen des Kapitalismus angefangen habe. Die Gesellschaft verdiente in immer weniger Zeit immer mehr Geld, der Wohlstand stieg.

Überall ging es zunehmend darum, das Vorgängige zu überbieten.

Mit jeder neuen Technologie sparten die Menschen mehr Zeit und erweiterten ihren Horizont, was zu neuen Aufgaben und Möglichkeiten führte. Wir seien süchtig nach Optionen und denken, dass diese uns das Glück brächten. Dabei war lange der Fortschritt mit einer besseren Zukunft verknüpft. Heute strampeln sich viele ab, um mindestens den Status Quo zu behalten. Sie haben Angst abzusteigen.

Wir investieren alles, was wir haben, nicht etwa, damit unsere Kinder eine bessere Zukunft haben – sondern damit ihre Zukunft nicht noch schlechter aussieht als die Gegenwart.

Diese Aussage stimmt mich sehr traurig. Es ist vielleicht so, dass das Vorgängige bald einmal nicht mehr überboten werden kann, dann hören wir auf mit dieser Spirale nach „höher, weiter, schneller“ und gönnen uns mehr Musse.

Es muss weder für uns noch für unsere Kinder immer das Optimum sein, denn „gut ist gut genug“. Vielleicht sind wir dann materiell ärmer, aber seelisch reicher und v.a. wieder näher am Rhythmus, statt uns vom Takt antreiben zu lassen.

Ich wünsche mir schon jetzt Zeit zu haben. Was mir viel Zeit schenkt ist, dass ich eher unbeschwert durch die Welt gehe und nicht viel Zeit mit grübeln verbringe. Zudem versuche ich mich nicht von Möglichkeiten verführen zu lassen, was mir meist nur mässig gelingt. Ich bemühe mich Prioritäten zu setzen, also mich bewusst für gewisse Dinge zu entscheiden und diese gut zu machen, dabei schmerzt es mich schon, was ich alles nicht machen kann. Die Welt ist halt einfach so spannend.

Wie nimmst du dir Zeit?

Hinweis: Hier findest du eine Geschichte zum Zeit-Management lesen.