Frauen in MINT! Männer in BBB?

Es ist erstaunlich wie viel Post (papierig und elektronisch) ich als Schulleiterin bekomme, die betont, wie wichtig, dass es ist, dass Mädchen sich mit MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) beschäftigen und dass zu wenige Frauen in diesem Bereich arbeiten. Dies finde ich grundsätzlich unterstützendwert. Mädchen haben genau so gute Möglichkeiten in MINT hohe Leistungen zu erbringen, wenn ihnen entsprechend ein Zugang zu den Themen aufgezeigt wird und sie spüren, dass ihnen dies zugetraut wird. Wir machen im Unterricht entsprechende Erfahrungen.

Was mir aber aufgefallen ist, dass oftmals mit dem Fachkräfte-Mangel argumentiert wird, dass Frauen in MINT geschult werden sollen. Würde dies weniger „gepusht“, wenn es genügend (männliche) Fachkräfte gäbe?

Gleichzeitig gibt es auch einen Fachkräfte-Mangel in BBB (Begleitung, Betreuung, Bildung). Im Kanton Bern spitzt sich der Lehrpersonen-Mangel diesen Sommer nochmals zu. Die Schulen haben die grösste Mühe die Stellen mit ausgebildeten Personen zu besetzen. Auf der Primarstufe einen Lehrer (also einen Mann) zu finden, ist recht utopisch. Auch in anderen BBB Berufen  gilt dasselbe, z.B. für die Begleitung von Alten, Behinderten und Kranken oder die Betreuung von kleinen Kindern.

Leider habe ich noch nie eine Mail bekommen, dass die Buben in den sozialen und betreuenden Themen speziell geschult werden sollen, da es in der Gesellschaft einen Fachkräfte-Mangel und eine massive Untervertretung von Männern in sozialen Berufen gebe.

Es kann nicht sein, dass Mädchen und Buben in der Schule einseitig unterrichtet werden. Es braucht MINT und BBB, oder wie Döbeli-Honegger dies schreibt (2016, S.46), dass die digitalen Kompetenzen (Medien-, Informatik und Anwendungskompetenzen) und die Allgemeinen Kompetenzen wichtig werden. Bei den Allgemeinden Kompetenzen soll der Fokus auf die nichtautomatisierbaren Kompetenzen gelegt werden: Team- & Sozialkompetenz, Kreativität und Kommunikationskompetenz.

Buben und Mädchen sollen eine Breite an Möglichkeiten erleben und erproben können, um herauszufinden, was ihnen liegt. Denn niemand weiss, was in 10-15 Jahren für Kompetenzen gefragt sein werden.

Quelle: Döbeli Honegger, B. (2016). Mehr als 0 und 1. Schule in einer digitalisierten Welt. Bern: Hep Verlag.

Was ist ein Lernprozess?

Heute habe ich darüber nachgedacht, was ein Lernprozess eigentlich ist. Ich habe mal im Lehrplan21 nach dem Begriff „Lernprozess“ gesucht. Wenn ich alle Treffer angeschaut habe, dann ergeben sich zwei Aussagen:

  • Individueller oder eigener Lernprozesses und
  • der Lernprozess in Zusammenhang mit der formativen Beurteilung.

 

Impliziert wird in den zwei Aussagen oben, dass ein Lernprozess wohl meist individuell vonstatten geht. Dies erscheint mir schlüssig, denn eine Person kann ja nicht für eine andere Person lernen, das passiert in unseren eigenen Gehirnen. Leider wird im Lehrplan21 der Begriff „Lernprozess“ nirgends definiert (Oder ich habs auf jeden Fall nicht gefunden), dies ist umso erstaunlicher, als eben gerade der Lernprozess als ziemlich wichtig erscheint. Darum beschloss ich zuerst über das Lernen und den Prozess als einzelne Begriffe nachzudenken.

Ein Prozess hat für mich mit einer Bewegung von A nach B zu tun.

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Der Weg von A nach B kann direkt, gezielt und geführt verlaufen oder auch eher indirekt, vorantastend, ausgangs- und ergebnisoffen.

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Um das gedankliche Exerzieren auf die Spitze zu treiben (einfach weil es Spass macht). Habe ich mir überlegt, ob es auch einen rückwärtsgewandten Prozess gibt. Zuerst fand ich das abwegig, aber als ich in unserer präzisen Sprache nach passenden Begriffen suchte, fand ich folgende Sprach-Paare:

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Und ja, es gibt für mich einen Prozess in beide Richtungen, wobei damit nicht die Zeit gemeint sein kann. Zeit befindet sich stets in Bewegung und zwar nur in eine Richtung von der Geburt zum Tod. Was ist es dann, wohin sich der Rückschritt zu bewegt? Vom Können zum Nicht-mehr-Können?

Erinnern oder Vergessen

Da ich mich nun in den Semesterferien der Uni in die Neurowissenschaften einlese, kam mir das limbische System unseres Gehirns in den Sinn. Diese Region liegt mitten im Gehirn und steuert unsere Gefühlswelt, aber nicht nur das, der Hippocampus ist eine wichtige Schaltstelle für eintreffende Sinnesreize, Gefühle und Erlebnisse, die kurzzeitig abgespeichert und dann sortiert werden. Der Hippocampus „entscheidet darüber, welche Informationen gelernt und welche vergessen werden sollen“ (Beck, Anastasiadou, Meyer zu Reckendorf, 2016, S.44). Indem der Hippocampus dem Grosshirn immer wieder Informationen anbietet, bildet sich Erinnerung. „Um dabei den laufenden Betrieb des Grosshirns nicht zu stören, findet der Vorgang nachts statt, darum ist genug Schlaf wichtig fürs Lernen“ (ebd., 2016, S.45).

Vergessen ist also nicht nur ein Rückschritt, sondern eine wichtige Funktion des Gehirns bei der Selektion von Sinneseindrücken. Und zu was soll das Verlernen gut sein? Vielleicht um Platz für Neues zu schaffen, wobei die Speicherkapazität des Gehirns unendlich sein soll?

Lernen heisst Leben

Ich komme zurück zum Lernprozess. Oder zuerst noch zum Lernen. Für mich gibt es einen weiten Lernbegriff, der besagt, dass zu leben auch zu lernen heisst. Wir können gar nicht nicht lernen, wenn wir leben. Leben heisst sich in der Welt bewegen, die uns beeinfluss und welche wir beeinflussen, in ständiger Veränderung. Es gibt für mich aber auch noch einen engen Lernbegriff, der sich auf formale Lern-Situationen bezieht, wie sie in der Schule stattfinden. In diesen Lern-Situationen wird oft eine A-Zone angenommen und eine B-Zone (wenn nicht gar Punkte) angestrebt. Was zwischen A und B passieren soll, ist eine geführte Veränderung mit externer Absicht, was natürlich auch lernen ist, einfach in engeren Bahnen.

Somit führe ich den Prozess und das Lernen zusammen und definiere für mich:

Ein Lernprozess ist eine gewollte Bewegung von einem Ausgangszustand (A) zu einem Orientierungspunkt (B), wobei das Individuum ab dem ersten Schritt eine Veränderung erfährt.

Lernprozess und Beurteilung

Nachdem für mich nun definiert ist, was ein Lernprozess ist, wende ich mich wieder dem Lehrplan21 zu. Die Aussage, dass der Lernprozess etwas mit der (formativen) Beurteilung zu hat, steht noch im Raum. Im Lehrplan 21 steht im Lern- und Unterrichtsverständnis unter der formativen Beurteilung: „Die Schülerinnen und Schüler erhalten im Unterricht ermutigende und aufbauende Rückmeldungen, die sie beim Kompetenzerwerb und in ihrem Lernprozess unterstützen. … Auf diese Weise wird den Schülerinnen und Schülern ihr individuelles und kooperatives Lernverhalten transparent gemacht. Sie erhalten Informationen über ihr erworbenes Wissen und Können, ihre Lernfortschritte und über noch bestehende Lücken oder anzugehende Schwierigkeiten.“

Hier wird der Kontext des Lernprozesses im Lehrplan21 dargelegt. Der Lernprozess ist individuell und wird v.a. durch förderorientierte Rückmeldungen begleitet und beobachtet. Es gibt jedoch auch einen Bereich der summativen Beurteilung, die neben den Lernzielkontrollen und Produkten auch Lernprozesse beinhaltet. Diese summativen Lernprozesse fokussieren auf gewisse Aspekte aus den überfachlichen Kompetenzen und zwar: Lernprozesse einschätzen und reflektieren, Gelerntes Darstellen, Förderhinweise nutzen, Strategien verwenden, Selbstständig arbeiten.

Zur Übersicht über die Beurteilungsformen des Lehrplan21 habe ich mir eine Zeichnung gemacht.

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In den AHB des Lehrplans21 steht: „Im Rahmen einer formativen Beurteilung fördert und integriert die Lehrperson auch Selbst- und Peerbeurteilungen [Schüler_innen beurteilen Schüler_innen]. Die wichtigsten Ergebnisse der formativen Beurteilung erlauben über einen längeren Zeitraum hinweg den Einblick in den Lernprozess und liefern wichtige Grundlagen für Standortgespräche und prognostische Beurteilungen.“

Der Lernprozess, mit einem eher engen Lernbegriff, ist die Idee von Schule. Kinder sollen gezielt fachliche und überfachliche Kompetenzen lernen und sich so hin zu einem vom Lehrplan vorgegebenen Orientierungspunkt (B) verändern. Die ganze Beurteilung ist kein Selbstzweck, sondern ein Hilfsmittel, um dies zu erreichen.

Natürlich kann darüber gestritten werden, ob B ein guter Orientierungspunkt ist oder sogar noch radikaler, ob überhaupt ein B für alle Kinder vorgegeben werden soll.

Verwendete Quellen:

  • www.be.lehrplan.ch
  • Beck, H; Anastasiadou, S.; Meyer zu Reckendorf, Ch.(2016). Faszinierendes Gehirn. Eine bebilderte Reise in die Welt der Nervenzellen. Berlin und Heidelberg: Springer Spektrum.

Ich, wir, jetzt. Eine Geschichte der Macht.

„Wie führst du eigentlich das Team?“ Dies fragte mich ein Schulkommissions-Mitglied als wir zusammen einen Fragebogen zur Schulführung für unsere Strategie-Arbeit bearbeiteten. Ich war von der Frage etwas überrumpelt, weil ich nicht einfach so genau sagen konnte, wie ich das mache. Dass ich „es“ mache, weiss ich, aber wie genau…

Ich sagte, dass ich dies nicht so genau beschreiben könne. Er fragte weiter: „Gibst du Anweisungen oder sagst du bis wann etwas erledigt sein soll?“ Ich gebe wenige genaue Anweisungen und Aufträge, die bis zu einem gewissen Termin erledigt werden sollen, also z.B. die Rechnungen bis Ende Monat abgeben oder so was, aber solche Sachen hat er nicht gemeint. Wir sprachen über das Führen einer Schule, den gemeinsamen Weg. Ich wusste genau, was er meint, konnte „es“ aber nicht so genau in Worte fassen.

Die Frage der Macht

Ein paar Tage später las ich einen Text zu: How to get power (Wie erlange ich Macht)? Dabei geht es zusammengefasst, um die Macht durch Storytelling (Geschichten erzählen). Der Autor, Eric Liu, schreibt, dass viele Menschen sich mit dem Begriff der Macht schwer tun. Im Alltag hat Macht einen negativen Touch und scheint nicht erstrebenswert zu sein, darum macht sich die Mehrheit keine Gedanken über Macht und wie sie funktioniert (Darauf gehe ich nicht weiter ein).

Eric Liu definiert Macht als die Fähigkeit, dass Andere das tun, was du möchtest, dass sie tun.

Diese Form der Machtausübung ist alltäglich, denn Menschen beeinflussen sich gegenseitig und erwarten offen oder verdeckt ein gewisses Verhalten vom Gegenüber. Insofern kann jede Beziehung zwischen Menschen als Machtgefüge betrachtet werden.

Eric Liu bezeichnet die Story (Geschichte) als beschleunigenden Helfer, um den aktuellen Stand der Gegenwart zu verändern. Er sagt, dass mit Geschichten Menschen organisiert werden können. Die Menschen können sich dann selber in der Geschichte organisieren. Damit wird ein WIR-Gefühl produziert, welches sich mit dem ICH in einer Wechselwirkung  gegenseitig beeinflusst. Eric Liu beschreibt dazu drei Geschichtsstränge.

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Drei verschachtelte Geschichten

„Um Menschen zu organisieren braucht es drei verschachtelte Erzählungen: die Geschichte vom ICH, vom WIR und vom JETZT.“

Die Geschichte vom ICH erzählt davon, wer ich bin, was ich denke und warum ich denke, was ich denke. Die ICH-Geschichte beinhaltet einen grossen Teil der Geschichte vom WIR. Nämlich, wie ich mir das WIR vorstelle (Vision in der Zukunft), was das WIR ausmacht und wie wir das WIR hier leben (Wertschätzung der Vergangenheit). Das ICH und das WIR stiften Identität und Zugehörigkeit und bilden die Grundlage für gemeinsamen Handeln in der Gegenwart. Die Geschichte vom JETZT spiegelt sich in den aktuellen Tätigkeiten wieder, die das WIR umsetzt. Zur besseren Vorstellung der WIR-Geschichte das bekannte Zitat von Antoine de Saint-Exupéry:

„Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann rufe nicht die Menschen zusammen, um Holz zu sammeln, Aufgaben zu verteilen und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem großen, weiten Meer.“

Ein Schule führen mit Geschichten

Ich habe eingangs geschrieben, dass mich ein Schulkommissions-Mitglied fragte, wie ich führe. Führen bedeutet, Menschen, die für einen bestimmten gemeinsamen Zweck am selben Ort zusammenkommen, zu organisieren, damit sie tun, was sie tun sollen. Insofern ist meine Aufgabe durch die Macht als Vorgesetzte zu gewährleisten, dass die Lehrpersonen tun, was sie (aus meiner Sicht) tun sollen. Dies mache ich oft durch Storytelling, indem ich erzähle, wie ich mir Schule und Unterricht usw. vorstelle und damit eine WIR-Geschichte aufbaue. Darin sind die Lehrpersonen dann frei, wie sie das WIR durch ihr ICH beeinflussen (siehe Grafik oben).

Educational Governance – die Steuerung von Schulsystemen

Da ich mich aktuell vertieft mit der Steuerung von Schulsystemen befasse, bin ich dabei auf einen Abschnitt gestossen, der die Verantwortungsübernahme in demokratischen Systemen beschreibt und gut zur Führung durch Geschichten passt: „Menschen, die sich selbst und andere wahr- und für wahr nehmen, erkennen ihr eigenes Thema als Entwicklungsaufgabe. … Denn nur, wenn mehrere Menschen mit ihrem jeweiligen Thema ein gemeinsames Thema finden können, gelangen sie über authentische Kommunikation zu gemeinsamem zielgerichtetem Handeln, welches Synergien … ermöglicht“ (Knauer, 2011, S.142).

Wenn die Lehrpersonen sich wahrgenommen und zugehörig fühlen, indem sie ihre Themen ins WIR einbringen können, dann resultiert für sie selber der grösste Gewinn. Das eigene Thema kann in unserem Zusammenhang mit der Geschichte vom ICH und das gemeinsame Thema mit der Geschichte vom WIR gleichgesetzt werden, welche im gemeinsamen zielgerichteten Handeln in der Geschichte vom JETZT mündet. Dieses JETZT setzt zudem Synergien frei, was nicht nur mir als Schulleiterin, sondern auch den einzelnen Lehrpersonen und schlussendlich den Kindern zu Gute kommt.

Insofern hat das Führen durch Geschichten, und die Nutzung der Rollen-Macht als Schulleiterin, um eine WIR-Geschichte zu ermöglichen, einen hoffentlich positiven Einfluss auf die Entwicklungsmöglichkeiten der Kinder.

  • Seit ich den Text gelesen habe, finde ich überall Hinweise zu solchen ICH-WIR-JETZT Geschichten, v.a. in Politik und Werbung.
  • Hast du auch so eine Geschichte? Ich freue mich darüber in den Kommentaren zu lesen.

Literatur: Knauer, Sabine (2011). Wo ist hier ein System – und, wenn ja, warum? In A. Knoke & A. Durdel (Hrsg.), Steuerung im Bildungswesen. Zur Zusammenarbeit von Ministerien, Schulaufsicht und Schulleitungen (1. Auflage S.133-147). Wiesbaden: VS Verlag.

Das schwierige Kind

Heute sprachen wir über ein sogenannt „schwieriges Kind“, das den Unterricht stört, indem es sich unruhig verhält, nicht still und alleine sein kann, reinschwatzt, andere Kinder beim Arbeiten stört, Aufträge nicht korrekt ausführt, sehr langsam arbeitet und meist nur, wenn jemand daneben sitzt. Solche Kinder gibt es wohl in jeder Klasse.

Wenn ich jeweils so Auflistungen zu lesen bekomme, stelle ich mir ein Kind vor, das neugierig auf die Welt schaut und seine kleinen Entdeckungen mitteilen will, sich gerne bewegt und unbeschwert von Regeln durch die Welt mäandert. Dann überlege ich, dass das Kind sicherlich auch Vieles gut macht, was man als Ressource beiziehen könnte… gleichzeitig verstehe ich sehr gut, dass dieses Verhalten ein enormes Herausforderungs-Potential für Erwachsene, seien es nun Eltern oder Lehrpersonen, hat, da es unberechenbar ist und einer geheimen inneren Struktur folgt.2018_10_23_Schule_unterrichten_mäandern

In einer Gruppe ist es nicht immerzu möglich, dass jedes Kind seiner geheimen Struktur folgen kann. Um ein gutes Miteinander zu ermöglichen, braucht es Abmachungen und Regeln, was zwangsläufig das Mäandern kanalisiert und Überschwappungen produziert.

Freire – Pädagogik der Unterdrückten

Letzte Woche haben wir an der Uni den Denker Paulo Freire, Pädagogik der Unterdrückten studiert. Ich habe keinen Zugang zu diesem Gedanken-Konstrukt gefunden, das besagt, dass es Unterdrücker und Unterdrückte gibt. Dass dieser Zustand für beide Seiten unmenschlich sei und sich die Unterdrückten gegen die Unterdrücker auflehnen sollen und nur sie durch ihren Widerstand das Menschliche zurückerobern können. Gleichzeitig sind die Personen mit Macht (also die Unterdrücker oder eben auch Lehrpersonen, Eltern) für den Prozess verantwortlich. Die Personen mit Macht sollen mit allen Mitteln verhindern, dass sie in eine Unterdrücker-Rolle geraten. Inhaltlich sollen sich Erwachsene und Kinder auf Augenhöhe begegnen und in einem wechselseitigen Dialog Erkenntnis erschaffen.

Das würde für unsere Situation mit dem „schwierigen Kind“ heissen, dass nicht in erster Linie beim Kind hingeschaut werden muss, sondern bei der erwachsenen Person, denn diese ist für den Prozess verantwortlich. Hier in der Folge aufgezeigt am Beispiel der Schule. Dieselbe Denkweise kann auch für Eltern und andere asymmetrische Beziehungen angewendet werden.

Die Lehrperson bestimmt den ersten Schritt

Wenn man Freire ernst nimmt, dann muss der erste Schritt sein, dass die Lehrperson bei sich und dem Kind genau hinschaut, was sie mit ihrem Verhalten beim Kind auslöst. Versteht das Kind den Auftrag nicht, weil sie ihn nur mündlich erteilt und das Kind Mühe hat nur über das Gehör Informationen aufzunehmen. Müsste sie dem Kind die Möglichkeit geben den Auftrag visuell erfassen zu können?  Arbeitet ein Kind langsam, weil es sehr genau arbeitet oder weil es Mühe hat sich am Arbeitsplatz zu organisieren? Bräuchte es von der Lehrperson Strukturierungs-Hilfen? Hat sich die Lehrperson von einer Fachperson beraten lassen, was die zig Gründe für das beschrieben Verhalten sein könnten und angefangen verschiedene Strategien zu erproben? …. Jedes Kind ist einzigartig und der Auftrag der Lehrperson ist es, so gut wie möglich, den Zugang zu den Kindern zu finden, sich in ihrer Rolle als Lehrperson den Bedürfnissen des Kindes anzunähern.

Wenn die Lehrperson hofft, dass sich ein Kind ändert, ist sie abhängig vom Kind. Bei sich selber hinzuschauen ermöglicht unmittelbar in die Aktivität überzugehen und der Ohnmacht keinen Raum zu geben.

R. Selman beschreibt in seiner Pyramide der Interpersonalen Verhandlungsstrategien (Folie 33) die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme in zwei Orientierungsmodi: Selbstveränderung und Veränderung des Anderen. In einer Situation, wo die Lehrperson ein Kind als schwierig wahrnimmt, kann sie sich entscheiden in welchem Modus sie die Situation  anschauen will, ob sie die Perspektivenübernahme mit der Brille:

  • Ich finde heraus, was das Kind braucht und gebe ihm das (Selbstveränderung) oder
  • Ich zeigen dem Kind, was ich will und es muss das lernen (Veränderung des Anderen) anschauen will.

Wie oben beschrieben ist die Lehrperson in der Position der Macht und daher wird von ihr verlangt, dass sie entscheidet, wie die Situation gelöst werden kann. Wenn die Lehrperson hofft, dass sich ein Kind ändert, ist sie abhängig vom Kind. Bei sich selber hinzuschauen, ermöglicht unmittelbar in die Aktivität überzugehen und der Ohnmacht keinen Raum zu geben. Dies scheint im ersten Moment schwerer zu sein, aber führt längerfristig zu einer Erweiterung des Handlungsrepertoires der Lehrperson, was schlussendlich ihr selbst und auch anderen Kindern zu Gute kommt.

Und für mich hat das „schwierige Kind“ einen ersten Zugang zu Freire ermöglicht.

Im nächsten Beitrag schaue ich auf die „schwierige Lehrperson“.

Talentdialog

Viel wichtiger als ritualisierte Mitarbeitergespräche ist ein kontinuierlicher Dialog auf Augenhöhe in einer konstruktiven Atmosphäre.

Aus dem Blogbeitrag von Förster & Kreuz und Führen mit Optionen habe ich für dieses Schuljahr den Talentdialog bei uns eingeführt. Das ist an sich keine grosse Sache, wenn die Haltung dahinter stimmt, sprich ein echtes und ehrliches Interesse am Dialog besteht.

Ich habe jedes Jahr versucht den Mitarbeiter-Gesprächen (MAG) einen neuen Touch zu verpassen und habe mich damit schwer getan, dass die Gespräch so förmlich verlaufen, wo ich doch sonst ganz viele witzige, spontane und auch tiefe und ehrliche Gespräche mit den Lehrpersonen führe, die nicht als offizielle MAGs gelten. Daher kam mir die Idee mit dem Talentdialog wie gerufen.

Ich habe also Anfang Schuljahr allen Lehrpersonen gesagt, dass ich gerne irgendwann in diesem Schuljahr einen Talentdialog mit ihnen machen möchte. Wir haben aktuell das Jahres-Thema: Was ist dir lieber? Und aus diesem Grund habe ich mir überlegt, dass Sie als Mitarbeitende auswählen dürfen, wann und wo sie das Gespräch machen möchten, also z.B. während einem Spaziergang, in einem Restaurant, zu Hause, in der Schule, am Telefon …. Ich bin offen für ihre Vorschläge. Wir besprechen nur die fünf Fragen aus dem Blogbeitrag von Förster & Kreuz :

1. Zurückblickend auf die vergangene Periode: Was war mein individueller Beitrag und was habe ich möglicherweise darüber hinaus beigetragen?

2. Was war schwierig? Womit habe ich mich schwergetan?

3. Wie präsent war ich und was hat das bewirkt (für mich selbst und für die Leute, mit denen ich zusammenarbeite)?

4. Gibt es etwas, das ich aus diesem Zeitraum für mich mitnehme und auf das ich stärker in Zukunft fokussieren möchte?

5. Was sind unsere Prioritäten für die nächste Periode?

Zudem möchte ich wissen, wie es der Lehrperson geht (privat & in der Schule) und sie wählt aus einem Kompetenzfächer eine Karte als Priorität aus.

Ich habe nun erste Erfahrungen damit gesammelt, war schon mehrmals Spazieren (was sich sehr bewährt, nicht nur weil ich das Gebiet um die Schule viel besser kenne), in einem gemütlichen Kaffee und auch im Büro. Ich habe das Gefühl, dass die Lehrpersonen die Wahl-Möglichkeit schätzen und sich teilweise sogar auf das Gespräch freuen, was mich wiederum am meisten freut. Für mich ist es spannend einem offiziellen Gespräch (das ich vom Kanton her machen muss) einen lockeren Rahmen geben zu können und wirklich in den Dialog eintreten zu können. Dabei entdecke ich immer wieder neue Talente und lasse mich von neuen Ideen inspirieren!

Fragen zum Nachdenken:

  • Wäre dies auch was für dich?
  • Was wäre für dich der Unterschied?

Können alle Lehrperson sein?

In der Folge des Lehrpersonenmangels stelle ich mir als Schulleiterin öfters diese Frage. Meine Haltung dazu erörtere ich anhand der Kapital-Theorie von Bourdieu.

Formales Lernen von Selbstverständlichkeiten

Das Lernen in der Volksschule findet in einem formalisierten Rahmen statt. Eine erwachsene Person ist für Kinder eine Begleit- und Beziehungsperson im Lernprozess. Dabei unterscheidet sich das formale Lernen vom nonformalen und informalen freien Lernen insofern, dass dahinter gewisse vom Kanton vorgegebene Ziele stecken (Lehrplan) an denen sich die Lehrperson orientiert und Verantwortung für die Umsetzung übernimmt.

Die Ausbildung zur Lehrperson beinhaltet nicht nur das bewusste Lernen von Fach-Inhalten, Pädagogik und Psychologie, sondern auch all die kleinen Selbstverständlichkeiten, die sich u.a. in einer eigenen Sprache und gewissen Gepflogenheiten und Haltungen äussert. Schlussendlich bildet sich dadurch das professionelle Selbstverständnis aus, welches bewirkt, dass sich eine Person als Lehrperson fühlt.

Dieser Effekt ist bei Menschen, die keine solche Prägungszeit hinter sich haben meist nicht vorhanden. Sie selber fühlen sich oft, auch nach Jahren, noch nicht als vollständig akzeptierte Lehrpersonen, auch wenn sie total gut unterrichten. Dies versuche ich mit der Kapital-Theorie von Bourdieu zu beschreiben.

Kapital-Theorie von Bourdieu

Bourdieu beschreibt, dass ein Mensch ökonomisches, soziales und kulturelles Kapital hat. Spannend ist in unserem Zusammenhang das kulturelle Kapital, welches sich in den folgenden drei Formen zeigt.

  1. Das inkorporierte Kulturkapital beschreibt die persönliche Bildungsarbeit, die kognitive Kompetenz, die persönliche Zeitinvestition, sprich all das, was ich kann und weiss.
  2. Das objektivierte Kulturkapital beschreibt die autonome materielle Form des Kapitals in Form von Büchern, Lehrmitteln, Lehrmaterial, Computern…
  3. Das institutionalisierte Kulturkapital zeigt sich in Zertifikaten, akademischen Titeln. Das institutionalisierte Kulturkapital  legitimiert und objektiviert das inkorporierte Kulturkapital.

D.h., wenn eine Person die Ausbildung zur Lehrperson absolviert sammelt sie inkorporiertes und objektiviertes  Kulturkapital. Wenn die StudentInnen dann ihr Studium abschliessen und zertifiziert werden, legitimiert das Zertifikat ihr persönliches Wissen und Können und unterstütz sie dabei sich als Professionelle in ihrem Gebiet zu empfinden.

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Das Zertifikat gibt ihnen die Möglichkeit ihr Wissen und Können in Geld umzuwandeln, indem sie eine Anstellung als Lehrpersonen annehmen können. Ob sie dabei einen guten Job machen, dazu gibt das Zertifikat keine Auskunft.

Kein Zertifikat als Lehrperson

Wenn nun eine Person nicht den formalen Bildungsweg beschritten und abgeschlossen hat, sprich kein solches Zertifikat vorweisen kann, muss ich als Schulleiterin mich in irgendeiner Form vergewissern können, dass die sich bewerbende Person das gewünschte inkorporierte Kulturkapital mitbringt.

Das ist ein Problem, denn meist können die Personen mir ihren Abschluss mitteilen (z.B. KV-Angestellte, Köchin, Sozialpädagoge, Gymnasiast usw.), was mir aber recht wenig  Auskunft darüber gibt, ob sie den Alltag mit den Kindern meistern können. Viele der Bewerbenden haben Erfahrung im Umgang mit Kindern, sprich haben selber Kinder, geben Nachhilfe, leiten Pfadi oder machen Kinderarbeit in der Kirche usw. Davon haben die Meisten jedoch keinen Nachweis oder können auch keine Referenz abgeben.

Ich bin überzeugt, dass ganz viele Personen mega begabt sind im Umgang mit Kindern. Wenn sie mir jedoch kein institutionalisiertes Kapital in Form von einem entsprechenden Zertifikat vorlegen können, dann verlangt dies von mir, dass ich den Bewerbenden den Mangel des institutionalisierten Kapitals vorschiesse, indem ich auf die Selbsteinschätzung der Person und mein Bauchgefühl vertraue.

Vorschuss-Kapital in Form von Vertrauen

Dieses Vorschuss-Vertrauen zu geben, braucht Mut. Ich traue einer Person auch ohne Kapital-Versicherung etwas zu und übernehme die Verantwortung für den Erfolg, denn erst, wenn sie dann mit den Kindern arbeitet, kann ich überprüfen, ob die Person wirklich unterrichten kann oder ob das Chaos im Klassenzimmer ausbricht.

In der aktuelle prekären Lage bin ich gezwungen dieses Experiment zu wagen und wurde bis anhin nie enttäuscht. Die nicht klassisch ausgebildeten Lehrpersonen haben einen guten Job gemacht.

Jedoch hat bis jetzt jede der Personen entweder wieder mit dem Unterrichten aufgehört oder die Ausbildung an der PH angefangen. Der Grund war, dass sich das professionelle Selbstverständnis nicht einstellte, sie sich trotz Akzeptanz im Team und bei den Eltern selber nie als vollständige Lehrpersonen gefühlt haben.

Ich bin überzeugt, dass auch Personen ohne formelle Lehrpersonen-Ausbildung, v.a. im Fachlehrpersonen-Bereich,  gut unterrichten können. Ich finde es eine Bereicherung, wenn Personen, die anders sozialisiert wurden ihren Blick aufs Lernen in die Schule tragen. Mein Beitrag ist es, ihnen eine Chancen zu geben.

Weitere Fragen zum Nachdenken:

  • Wie reagieren andere Branchen, wenn sich ein Mangel an Fachpersonal zeigt?
  • Könnte die Schule hier von anderen Branchen lernen?

Wurzeln und Flügel

Gleich ist nicht gleich gleich. Gleichheit ist in unserer pluralen Welt nicht gerecht. Dazu gibt es in der Schule ein sehr bekanntes Bild. Auf diesem Bild bekommen verschiedene Tiere die Aufgabe auf einem Baum zu klettern. Es ist offensichtlich, dass ein Fisch oder auch eine Giraffe diese Aufgabe nicht erfolgreich bewältigen kann, darum ist eine gleiche Aufgabe für alle nicht gerecht. Was ist aber gerecht, wenn es nicht die Gleichbehandlung ist?

Das oben skizzierte Bild illustriert den Tenor der heutigen Zeit, was die Ansprüche an Bildung allgemein und im Speziellen an die Schule darstellt. Jedes Kind soll individuell seinen Möglichkeiten entsprechend gefördert werden, das empfinden wir als gerecht, ob es leistbar ist, das überlegen wir vielleicht schon etwas weniger.

Dies war nicht immer so. Die Wirklichkeit (wie es ist) und die Möglichkeit (wie es sein könnte) von Schule entsprechen jeweils den Werten und Normen der Gesellschaft der jeweiligen Zeit.

Was heisst das nun für die Schweiz? Auf Wikipedia findest du die ganze Geschichte des Schweizerischen Schulsystems. Hier nur ein kurzer Abriss: Lange Zeit bestand Schule aus auswendig lernen, später wurde der Frontalunterricht eingeführt und danach gab es leider einen Rückschritt. Statt Pestalozzi wurde nun nach den Lancasterschulen, welche v.a. auf Drill setzten, unterrichtet. Dagegen wehrten sich die Reformpädagogen. Diese setzten auf handlungsorientierten Unterricht und Selbsttätigkeit. In diese Richtung zogen auch Maria Montessori, Paulo Freire oder Rudolf Steiner. Viele der damals neuen Ideen haben Einzug in die Volksschule gefunden.

Aktuell stehen mit der Einführung des Lehrplans 21 Lernlandschaften, Projektlernen, Spielen und ausserschlisches Lernen hoch im Kurs. Auch experimentieren verschiedene Lehrpersonen mit dem Raum als Lernort und der Organisation des offenen Lernens mit Logbuch oder Kompetenzrastern.

Dies relativ neuen Ansätze wollen den veränderten Ansprüchen an Bildung durch die Gesellschaft gerecht werden. Es sollen kritisches Denken geschult werden, reflektieren der eigenen Motivation und des Lernstandes, auch Umgang mit Computer und das Arbeiten in Gruppen, sprich allgemein ausgedrückt: Die Fähigkeit alleine oder mit anderen zusammen ein komplexes Problem zu lösen.

Zurück zum Baum mit den Tieren. Unter einer der Karikaturen, welche ich angeschaut habe, steht: Unser Bildungssystem. Ich habe keine Ahnung, wer das geschrieben hat, in welchem Kanton oder Land der- oder diejenige wohnt, aber es hat mich getroffen. Ist das wirklich so? Befinden wir uns wie in diesem Video beschrieben in einer Bildungskrise? Vielleicht ist es nicht nur eine Bildungskrise, sondern eine Gesellschaftskrise, weil ja eben die Schule ein Teil der Gesellschaft ist?

Vielleicht machst mal wieder einen Besuch in einer Schule und schaust, wie es wirklich ist. Nur weil der Unterricht immer noch in den oft sehr alten Schulgebäuden stattfindet, heisst es noch lange nicht, dass es immer noch so ist, wie früher. Und wenn du findest, dass sich etwas ändern muss, um Kinder noch individueller, freier und lustvoller begleiten zu können, dann nehmen wir jede Hilfe gerne an.

Die Schule kann die Gesellschaft nicht einfach selber verändern. Wir können nicht selber mehr Regellehrpersonen und Speziallehrpersonen ausbilden. Wir können auch nicht selber kleinere Klassen finanzieren oder gar eine ganz neues Art der Lernens einführen von der wir heute noch keine Ahnung haben, denn Schule ist ein Teil der Öffentlichkeit.

Dazu braucht es dich. Du hast die Möglichkeit Geschichte zu schreiben, indem zu dich für ein Amt bei deiner Gemeinde meldest, indem du wählen gehst, indem du der Schule zu einem guten Ruf verhilfst, indem …

Danke, wenn du uns unterstützt, damit die Schule ein Ort sein kann, wo sich Kinder entfalten, ihre Stärken und Schwächen entdecken, Gemeinschaft erleben und Möglichkeiten erträumen können, denn zwei Dinge sollen Kinder aus der Schulzeit mitnehmen: Wurzeln und Flügel. (Sprichwort von Goethe, etwas abgeändert)

Die Rolle von Dilemma & Freiheit

Jeder Mensch nimmt in seinem Leben verschiedene Rollen ein. Das Wort Rollen kommt dabei aus dem Theater, aber meint hier keine künstliche Rolle, die ich spiele, sondern verschiedene soziale Ausprägungen meines Selbst, in denen ich mich bewege, mich entsprechend verhalte und von eigenen, fremden und unausgesprochenen Erwartungen beeinflusst werde oder eben auch Andere beeinflusse. Dahinter steckt das Modell der Sozialisation.

Was ist Sozialisation?

 «Sozialisation ist ein eher unbewusster Vorgang. Er vollzieht sich im Wesentlichen über die Erwartungen anderer und die negativen wie positiven Sanktionen, mit denen das Individuum im Anschluss an sein Verhalten konfrontiert wird (…) Sozialisation ist also im Kern die Anpassung des Menschen an und durch seine soziale Umwelt» (Reheis, 2016, S. 80f).

 

In meinen Rollen passe ich mich mehr oder weniger den Erwartungen der Gesellschaft an. Die verschiedenen Rollen zeigen sich, wenn ich an einem gewissen Ort bin, spezifische Arbeiten erledige oder einfach mental mich in diesem Denkkreis befinde. Dies führt in unserer Familie teilweise zu Konflikten, wenn ich den Rollenwechsel nicht schnell genug vollziehen kann. Unten seht ihr als Beispiel meine Rollenblume.

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Wenn ich beispielsweise nach Hause komme und die Kinder mich in der Rolle als Mutter ansprechen, aber mein Kopf ist noch an der Uni ist. Ich hirne weiter einem Sachverhalt nach und fühle mich durch die Kinder «belästigt» da ich in meiner Rolle als Mutter noch nicht auf «Empfang» geschaltet habe, mich jedoch am Ort «Zuhause» aufhalte, wo diese Rolle am ausgeprägtesten ist. Meist reagiere ich dann nicht sonderlich einfühlsam auf die Erwartungen der Kinder, da sie mich gegen meinen Willen in eine andere Rolle zerren.

Die Ausnahme

Im Buch von Reheis (2016, S. 81) wird ein spannender Sachverhalt erklärt und zwar, dass sich Sozialisation weitestgehend unseren eigenen Vorstellungen und Aktivitäten entzieht, also wie oben beschrieben meist unbewusst passiert. Es gibt jedoch eine Ausnahme-Situation, wo die Person frei entscheiden kann.

«Sie wird nur dann möglich, wenn das Individuum mit Rollenerwartungen konfrontiert ist, die sich gegenseitig ausschließen, und wenn zusätzlich die Sanktionen, die im Falle des Nichterfüllens der Erwartungen drohen, gleich stark sind. Genau in dieser insgesamt seltenen Situation kann sich das Individuum frei entscheiden (Reheis, 2016, S.81).

Ich musste den Abschnitt mehrmals lesen und dann aufzeichnen, um zu verstehen, was gemeint ist. Die gegenüberstehenden Rollenerwartungen stellen für mich eine Dilemma-Situation dar. Es gibt somit keinen guten Ausweg ohne Konsequenzen. Wenn nun die Konsequenzen (hier Sanktionen) gleich gross sind, bin ich zwar in einer sch…. Situation, aber gleichzeitig maximal frei, denn ich verliere sowieso, also kann ich mich frei entscheiden.

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Für mich ist das paradox: Erst im Dilemma (maximale Gefangenschaft der Umstände) bin ich in Freiheit (maximale Freiheit in der Entscheidung). Wenn wir uns in diesem Dilemma-Freiheit-Paradox befinden nennt G. H. Mead dies «role-making», wir gestalten uns unsere Rolle selbst. Wir entscheiden, was in dieser Situation zu tun ist und wie wir unsere Rolle interpretieren. Demgegenüber steht das üblichere «role-taking», wo eine erwartete Rolle übernommen wird, was nicht gewertet werden soll. Die Anpassung an die Rollenerwartungen vereinfacht die Kommunikation und macht die Begegnung von Menschen im Alltag berechenbar. Bewirkt also eine gewisse Stabilität der Gemeinschaft mit dem Nachteil, dass diese fixen Denkmuster Vorurteile bergen und Möglichkeiten einengen können.

Für jeden Einzelnen stellt sich fortlaufend die Frage nach der Balance zwischen Individuum und Kollektiv:

  • Wie gesellschaftskonform will ich sein? Den Rollen-Erwartungen entsprechen, dafür meine Vorstellungen zurückstellen
  • Wie fest ICH will ich sein? Den Rollenerwartungen nicht entsprechen, dafür meinen Vorstellungen folgen