Separieren oder integrieren. Wie lebst du?

Eben noch mit den Kindern auf dem Pumptrack und nun noch schnell die neusten Ergebnisse der Umfrage bei den Schulkommissions- Präsidien checken.

Bei mir sind die Übergänge von Beruf, Familie, Hobby und Studium fließend und integriert, dies hat sicherlich damit zu tun, dass sich alle Bereiche um Lernen, Schule, Leiten und Kinder drehen. Andere separieren ihre Lebensbereiche strickt. Beide Lebensweisen haben Chancen und Risiken.

Was für ein Typ bist du? Integrator*in oder Separator*in.

Mehr zum Thema findest du z.B. unter:
https://thebalancedleader.wordpress.com/2016/06/30/integrator-or-separator-whats-your-style/
https://mylearningsolutions.org/2016/04/08/are-you-an-integrator-or-a-separator/

Warten auf die Zeit

Wenn ich jeweils an der Bahnstation auf den Zug warte, fällt mir jedes Mal die grosse Uhr auf. Diese Uhr dominiert das Warten auf dem Perron. Der Zeiger schleppt sich von Strich zu Strich. Die Personen schauen ins Nichts oder ins Natel. Alle warten. Auf den Zug. Der Zug ist die Verbindung vom Sein zum Wollen. Denn warum würde ich sonst am Bahnhof auf einen Zug warten, wenn ich nicht an einen anderen Ort hin wollte. Somit ist der Bahnhof ein Bild für Wünsche, Sehnsüchte, Bedürfnisse, die noch in der Zukunft liegen. Mani Matter beschrieb in seinem Lied von den Bahnhöfen „u si tüe warte“. Worauf, wozu? Es scheint mir manchmal, dass sich die Welt doch sehr verändert hat seit Matter‘ s Lied, die Möglichkeiten sind exponentiell gewachsen, aber der Mensch wartet immer noch. Das Warten, trennt die Gegenwart von der Zukunft, gleichzeitig verbindet das Warten auch. Mich mit mir, mit meinem Innersten. Wenn ich das aushalten kann, ist das Warten eine Selbstzeit. Ich mit mir. Leider versuche ich viel zu oft dieses Warten mit Ablenkung zu stopfen, um nicht im Leeren zu sein. In der Nicht- Zeit auf Standby.

Diese Woche versuche ich das Warten nicht im Sinne von getrennt sein von der Erfüllung meiner Absicht, sondern als für mich wertvolle Leerzeit zu betrachten.

Was löst das Warten bei dir aus?

Kreativität braucht Feedback

Ich habe schon mehrere Texte und Filmchen zu Design Thinking genossen und oft gedacht, dass dies doch eigentlich ein ganz natürliches Vorgehen beschreibt, wie Neues in die Welt kommt. Erwachsene versuchen damit (Kunden-) Probleme zu lösen, Kinder nutzen dies im freien Spiel.

Ich bin der Überzeugung dass wir Design Thinking im Blut haben! Und zwar von Geburt an. (Zitat aus Publishing-Blog)

Folgende Situation scheint mir dies zu bestätigen. Letzthin zeigte mir unser Sohn ein Lego- Gebilde. Ich fragte ihn, wie er das gebaut habe. Seine Antwort war. „Ich mache es wie du, wenn du einen Text schreibst. Du hast gesagt, dass du einfach mit einem Text beginnst und sich dann die Gedanken von selber ordnen. Also: Ich wollte etwas bauen. Ich hab dann einfach angefangen, dann ist die Landschaft nach und nach entstanden.

Gell, wenn man nicht anfängt, entsteht auch nichts.

Er sagte weiter, dass er sein Gebilde seinem Bruder zeige und der ihm sage es sei toll. Manchmal sage er auch, was er anders machen könnte & liefere weitere Ideen zum weiterbauen. Kreativität & Feedback- Schlaufen sind wohl wirklich in uns drin.

Vielleicht setzt du sie heute bewusst ein. Oder du fängt einfach mal an, das umzusetzen, was du immer schon tun wolltest.

Das gewisse Etwas – Exzellenz

Es duftet aus der Küche. In gezügelter Vorfreude schaue ich nach, ob meine Ahnung stimmt. Und da steht sie auf der Ablage. Eine frische Züpfe. Ich nehme ein Holzbrett hervor und schneide mir ein Stück ab. Schon beim ersten Bissen merke ich, dass dies eine besonders gute Züpfe ist. Sie ist schmackhaft und luftig, aber nicht trocken.

Ich denke, dass sie nicht von unserem Beck sein kann, auch nicht aus einem der Grossverteiler. Schnell komme ich auf die Idee, dass mein Mann heute bei seinen Eltern gewesen ist und dort hat es eben einen Beck, der macht meiner Meinung nach extrem gute Züpfe.

Dass ich dies jedoch so genau spüren würde, hat mich doch überrascht. Um meine Vermutung zu bestätigen, schaute ich auf die Papiertüte und genau so war es.

Warum ist es möglich, dass jemand mit den genau gleichen Zutaten (Mehl, Milch, Butter…) eine so viel bessere Züpfe, als andere, machen kann. Alles sind Bäcker, also ausgebildete Profis, alle versuchen natürlich so gute Backwaren wie möglich herzustellen, da sie ja ihre Kunden begeistern möchten, dennoch ist ein Unterschied schmeckbar.

Liegt es an der Qualität der Zutaten?

Es gibt einfach Menschen, die haben das gewisse Etwas. Sind in einer gewissen Aufgabe sehr talentiert. Dies ist wohl nur schwer erlernbar, weil es keine Methode und schon gar nicht messbar ist. Ein besonderes Gespür für eine Arbeit oder den Umgang mit Menschen.

Was ist deine Exzellenz? Strebst du danach?

Paddelst du noch oder tauchst du schon?

Ein Riff ist von der Wasseroberfläche aus nur schemenhaft zu erkennen. Es liegt im Wasser verborgen. Dasselbe gilt für den Eisberg. Von einem Eisberg ist nur die Spitze sichtbar, der grösste Teil des Eisberges ist von der Wasseroberfläche aus unsichtbar. Das Eisbergmodell basiert nach Wikipedia auf dem Pareto-Prinzip von 20/80 und gilt allgemein als Modell für die Sichtbarkeit von Dingen, der Persönlichkeit oder der Kommunikation.

In der Kommunikation ist grob gesagt die Sachebene im sichtbaren Bereich und die Beziehungsebene im unsichtbaren Bereich. Kombiniert mit dem Satz vom kleinen Prinzen: „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentlich ist für das Auge unsichtbar,“ würde es bedeuten, dass nur die Beziehungsebene wesentlich ist, aber die Sachebene nicht.

 

Eisbergmodell

 

Das Eisbergmodell und das Zitat reduzieren die menschliche Wahrnehmung auf den visuellen Bereich. Es geht ums Da-Sein oder Verborgen-Sein. Das Unsichtbare ist ge-wichtiger, wesentlicher, als das Sichtbare.

Wenn ich nun aber mit einer Tauchausrüstung ins Wasser steige, dann ist auch der vermeidlich unsichtbare Teil des Eisbergs plötzlich in meinem Sichtfeld. Wird er damit weniger wesentlich, weil er versachlicht wird?

Ist die Einteilung in sichtbar und unsichtbar eine Relative? Hängt es wesentlich von meinem Standpunkt ab, wie ich die Dinge sehe oder eben nicht? Bin ich bereit einen Aufwand zu betreiben, um mein Bild zu erweitern? Darf oder soll ich sogar Dinge aus dem Unsichtbaren ins Sichtbare holen?

Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentlich ist für das Auge unsichtbar

Die Trennung zwischen sichtbar und unsichtbar ist eine Künstliche, denn in allem steckt beides. Es gibt keine Wasseroberfläche, die die Beziehungsebene von der Sachebene trennt. In der der Begegnung von Menschen, steckt Beziehung und Sache, vermischt und auf sich einwirkend und beziehend.

Darum kann der kleine Prinz mit dem Herzen sehen. Die Sache wird durch die Beziehung betrachtet. Darum empfehle ich tauchen, statt paddeln.

Wenn Nebensächliches zur Hauptsache wird

Es ist schon eine Weile her, da habe ich aus Eichelhütchen einen Kranz gemacht. Florale Kränze sind für mich wie Bilder aus der Natur. Ich habe also, ausgestattet mit einem Strohkranz, Eicheln und Heissleim, am Tisch gewerkelt, als einer der Buben fragte, ob er helfen könne. Ich machte ihm Platz und sagte ihm, dass er mir aus dem Sack mit dem Sammelsurium aus dem Wald die Eichelhütchen heraussuchen soll. Dies klappte prima und ich kam zügiger voran als vorher.

Nach einer Weile begann er jedoch aus den Eichelhütchen Kolonnen auf dem Tisch zu legen. Ich durfte immer nur das oberste Hütchen nehmen. Er musste dann alle nachschieben und ich hatte zu warten. Zu Beginn machte ich bei seinem Spiel mit, aber ich war nun extrem viel langsamer als vorher. Ich wies ihn darauf hin, dass er mir doch helfe, aber er entwickelte sein eigenes Spiel weiter und nun durfte ich keine Eichelhütchen mehr aus seiner Kolonne nehmen.

Ich merkte, dass er ein eigenes Ziel entwickelt hatte, nämlich eine möglichst lange Eichelhütchenkolonne zu machen. Dieses Ziel entsprach aber nicht dem ursprünglichen, und von mir aus gesehen, übergeordneten Ziel.

Ich dachte daran, dass wir teilweise auch bei der Arbeit oder in der Erziehung das übergeordnete Ziel aus den Augen verlieren. Darum habe ich die Situation nochmals neutraler beschrieben und gezeichnet.

Jemand braucht Hilfe bei der Erfüllung eines Zielt. Jemand hilft und übernimmt eine Aufgabe. Die Aufgabe wird eine Zeit lang gewissenhaft erledigt und hilft somit das Ziel schneller und besser zu erreichen

das_übergeordnete_ziel

Mit der Zeit wird dem Helfenden seine Aufgabe sehr wichtig und er/sie beginnt die Aufgabe zu optimieren und entwickelt daraus eigene Kriterien zur Beurteilung der Qualität. Er/Sie definiert sein/ihr persönliches Ziel.

das_übergeordnete_ziel_2

Das persönliche Ziel nimmt viel Raum ein und wird wichtiger als der ursprüngliche Auftrag. Der Helfende schaffte es nicht mehr die Aufgabe fristgerecht abzuliefern. Der Helfende ist somit kein Helfer mehr, sondern wird mit den besten Absichten zum Ziel-Verhinderer.

Mit diesem Beispiel will ich in keiner Art und Weise sagen, dass jeder Auftrag genauso ausgeführt werden soll, wie er erteilt wird. Natürlich soll jeder/jede mitdenken, aber dabei darf das übergeordnete Ziel nicht verloren gehen. Sonst wird Nebensächliches zur Hauptsache.

Dazu stellte ich mir selber die Fragen:

  • Welchen übergeordneten Zielen bin ich verpflichtet?
  • Wo behindern meine persönlichen Ziele die Übergeordneten?
  • Wie kann die Ziel-Diskrepanz minimiert werden?

Was ist ein Lernprozess?

Heute habe ich darüber nachgedacht, was ein Lernprozess eigentlich ist. Ich habe mal im Lehrplan21 nach dem Begriff „Lernprozess“ gesucht. Wenn ich alle Treffer angeschaut habe, dann ergeben sich zwei Aussagen:

  • Individueller oder eigener Lernprozesses und
  • der Lernprozess in Zusammenhang mit der formativen Beurteilung.

 

Impliziert wird in den zwei Aussagen oben, dass ein Lernprozess wohl meist individuell vonstatten geht. Dies erscheint mir schlüssig, denn eine Person kann ja nicht für eine andere Person lernen, das passiert in unseren eigenen Gehirnen. Leider wird im Lehrplan21 der Begriff „Lernprozess“ nirgends definiert (Oder ich habs auf jeden Fall nicht gefunden), dies ist umso erstaunlicher, als eben gerade der Lernprozess als ziemlich wichtig erscheint. Darum beschloss ich zuerst über das Lernen und den Prozess als einzelne Begriffe nachzudenken.

Ein Prozess hat für mich mit einer Bewegung von A nach B zu tun.

prozess_1

 

Der Weg von A nach B kann direkt, gezielt und geführt verlaufen oder auch eher indirekt, vorantastend, ausgangs- und ergebnisoffen.

prozess_2

Um das gedankliche Exerzieren auf die Spitze zu treiben (einfach weil es Spass macht). Habe ich mir überlegt, ob es auch einen rückwärtsgewandten Prozess gibt. Zuerst fand ich das abwegig, aber als ich in unserer präzisen Sprache nach passenden Begriffen suchte, fand ich folgende Sprach-Paare:

prozess_3

Und ja, es gibt für mich einen Prozess in beide Richtungen, wobei damit nicht die Zeit gemeint sein kann. Zeit befindet sich stets in Bewegung und zwar nur in eine Richtung von der Geburt zum Tod. Was ist es dann, wohin sich der Rückschritt zu bewegt? Vom Können zum Nicht-mehr-Können?

Erinnern oder Vergessen

Da ich mich nun in den Semesterferien der Uni in die Neurowissenschaften einlese, kam mir das limbische System unseres Gehirns in den Sinn. Diese Region liegt mitten im Gehirn und steuert unsere Gefühlswelt, aber nicht nur das, der Hippocampus ist eine wichtige Schaltstelle für eintreffende Sinnesreize, Gefühle und Erlebnisse, die kurzzeitig abgespeichert und dann sortiert werden. Der Hippocampus „entscheidet darüber, welche Informationen gelernt und welche vergessen werden sollen“ (Beck, Anastasiadou, Meyer zu Reckendorf, 2016, S.44). Indem der Hippocampus dem Grosshirn immer wieder Informationen anbietet, bildet sich Erinnerung. „Um dabei den laufenden Betrieb des Grosshirns nicht zu stören, findet der Vorgang nachts statt, darum ist genug Schlaf wichtig fürs Lernen“ (ebd., 2016, S.45).

Vergessen ist also nicht nur ein Rückschritt, sondern eine wichtige Funktion des Gehirns bei der Selektion von Sinneseindrücken. Und zu was soll das Verlernen gut sein? Vielleicht um Platz für Neues zu schaffen, wobei die Speicherkapazität des Gehirns unendlich sein soll?

Lernen heisst Leben

Ich komme zurück zum Lernprozess. Oder zuerst noch zum Lernen. Für mich gibt es einen weiten Lernbegriff, der besagt, dass zu leben auch zu lernen heisst. Wir können gar nicht nicht lernen, wenn wir leben. Leben heisst sich in der Welt bewegen, die uns beeinfluss und welche wir beeinflussen, in ständiger Veränderung. Es gibt für mich aber auch noch einen engen Lernbegriff, der sich auf formale Lern-Situationen bezieht, wie sie in der Schule stattfinden. In diesen Lern-Situationen wird oft eine A-Zone angenommen und eine B-Zone (wenn nicht gar Punkte) angestrebt. Was zwischen A und B passieren soll, ist eine geführte Veränderung mit externer Absicht, was natürlich auch lernen ist, einfach in engeren Bahnen.

Somit führe ich den Prozess und das Lernen zusammen und definiere für mich:

Ein Lernprozess ist eine gewollte Bewegung von einem Ausgangszustand (A) zu einem Orientierungspunkt (B), wobei das Individuum ab dem ersten Schritt eine Veränderung erfährt.

Lernprozess und Beurteilung

Nachdem für mich nun definiert ist, was ein Lernprozess ist, wende ich mich wieder dem Lehrplan21 zu. Die Aussage, dass der Lernprozess etwas mit der (formativen) Beurteilung zu hat, steht noch im Raum. Im Lehrplan 21 steht im Lern- und Unterrichtsverständnis unter der formativen Beurteilung: „Die Schülerinnen und Schüler erhalten im Unterricht ermutigende und aufbauende Rückmeldungen, die sie beim Kompetenzerwerb und in ihrem Lernprozess unterstützen. … Auf diese Weise wird den Schülerinnen und Schülern ihr individuelles und kooperatives Lernverhalten transparent gemacht. Sie erhalten Informationen über ihr erworbenes Wissen und Können, ihre Lernfortschritte und über noch bestehende Lücken oder anzugehende Schwierigkeiten.“

Hier wird der Kontext des Lernprozesses im Lehrplan21 dargelegt. Der Lernprozess ist individuell und wird v.a. durch förderorientierte Rückmeldungen begleitet und beobachtet. Es gibt jedoch auch einen Bereich der summativen Beurteilung, die neben den Lernzielkontrollen und Produkten auch Lernprozesse beinhaltet. Diese summativen Lernprozesse fokussieren auf gewisse Aspekte aus den überfachlichen Kompetenzen und zwar: Lernprozesse einschätzen und reflektieren, Gelerntes Darstellen, Förderhinweise nutzen, Strategien verwenden, Selbstständig arbeiten.

Zur Übersicht über die Beurteilungsformen des Lehrplan21 habe ich mir eine Zeichnung gemacht.

beurteilung_lp21

In den AHB des Lehrplans21 steht: „Im Rahmen einer formativen Beurteilung fördert und integriert die Lehrperson auch Selbst- und Peerbeurteilungen [Schüler_innen beurteilen Schüler_innen]. Die wichtigsten Ergebnisse der formativen Beurteilung erlauben über einen längeren Zeitraum hinweg den Einblick in den Lernprozess und liefern wichtige Grundlagen für Standortgespräche und prognostische Beurteilungen.“

Der Lernprozess, mit einem eher engen Lernbegriff, ist die Idee von Schule. Kinder sollen gezielt fachliche und überfachliche Kompetenzen lernen und sich so hin zu einem vom Lehrplan vorgegebenen Orientierungspunkt (B) verändern. Die ganze Beurteilung ist kein Selbstzweck, sondern ein Hilfsmittel, um dies zu erreichen.

Natürlich kann darüber gestritten werden, ob B ein guter Orientierungspunkt ist oder sogar noch radikaler, ob überhaupt ein B für alle Kinder vorgegeben werden soll.

Verwendete Quellen:

  • www.be.lehrplan.ch
  • Beck, H; Anastasiadou, S.; Meyer zu Reckendorf, Ch.(2016). Faszinierendes Gehirn. Eine bebilderte Reise in die Welt der Nervenzellen. Berlin und Heidelberg: Springer Spektrum.

Neues lernen braucht Energie

Ich frage unsere Kinder jeweils am Mittag, wie die Schule so war. Der Jüngere erzählt, dass er an diesem Morgen „viel arbeiten“ musste. Ich frage nach, ob das nun gut sei oder wie er das erlebt habe. Das sei sehr gut und „es fägt mega“. Ich war eher erstaunt über seine Aussage und wir plauderten weiter. Nach ein paar Minuten sagt er: „Weisst du, ich mag entweder ganz schwierige Aufgaben, wo ich arbeiten muss oder bubigägi einfache Aufgaben, aber das Mittelschwere mag ich gar nicht.“ Sein Bruder pflichtete ihm bei.

Ihre Empfindung deckt sich so gar nicht mit den Lehrbüchern und der Ansicht, dass Lern-Aufgaben eben nicht zu schwer oder zu einfach sein sollten, sondern eben eher so mittelschwer. Da ich ja viel lese, bin ich auf einen spannenden Umstand gestossen, der mir die Empfindung der Buben erklärt und zwar mit der Funktion des Gehirns beim Denken.

Zwei Denk-Prozesse

Im Gehirn gibt es für die Geschwindigkeit und die Beschaffenheit des Denkens das System 1 und das System 2.

Das System 1 ist schnell und automatisiert. Alles, was wir tun und uns nichts dabei denken, wird im System 1 abgewickelt. Also alltägliche, routinemässige Wahrnehmungs- und Denkleistungen, aber auch emotionale Wahrnehmung, wie Gesichter erkennen, etwas schön finden, sprechen, Auto fahren usw. Das System 1 erleichtert uns den Alltag ungemein. Es wird angenommen, dass System 1 keine oder wenig Energie verbraucht.

Das System 2 ist langsam, bewusst und willentlich kontrolliert. Dieses Denksystem fokussiert auf eine Aufgabe, kontrolliert die Denkleistung und bedeutet Anstrengung. Dies ist der Fall, wenn wir etwas Neues lernen. Das Ziel davon ist das Neue soweit zu lernen, dass es ins System 1 übergeht.

Zwei_Denkprozesse

Energetisieren

Es wird vermutet, dass das System 2 viel Energie braucht. Das Gehirn nimmt die Energie in Form von Glukose aus dem Blut auf. Dabei verwendet das Gehirn ca. 20-25% des Gesamt-Energie-Bedarfs eines Tages. Die Energetisierung bezieht sich jedoch nicht nur auf die „Nahrungszufuhr“, sondern auch auf die Motivation. Da das Denken/Lernen im System 2 anstrengend ist und der Körper sehr effizient und ressourcenschonend funktioniert, braucht es ein gewisses Interesse an einem Thema oder die Sichtweise, dass das zu Lernende vielleicht jetzt gerade nicht so spannend ist, aber die Voraussetzung für weitere spannende Lern-Inhalte bildet, um den Aufwand auf sich zu nehmen. Bei Kindern ist dieser Belohnungsaufschub eher schwierig herzustellen, da sie sehr fest im Jetzt leben. Damit ein Mensch Energie für einen Lerngegenstand mobilisiere, muss er von Innen her (intrinsisch) motiviert sein zu lernen. Nach Kruse (2017) gründen viele Lern- und Denkprobleme in einem Mangel an Energetisierung.

Der Punkt ist, dass ein Kind, oder auch ein Erwachsener nicht von Aussen energetisiert werden kann. Er muss selber den Aufwand fürs Lernen betreiben wollen, weil das Thema für ihn bedeutsam ist. Wenn Lehrpersonen, Eltern, Dozenten oder Vorgesetzte dies versuchen für eine Person zu übernehmen, braucht das auf ihrer Seite sehr viel Energie und ist nicht befriedigend.

Zurück an den Küchentisch

Ich komme auf die Szene mit den Buben am Mittag zurück. Nach ihrer Aussage sollen Aufgaben entweder ganz leicht oder schwer sein, d.h. dass sie entweder im System 1 laufen möchten, also keinen Aufwand betreiben oder dann tief im System 2 in einem Thema, welches sie fasziniert. Wenn der Lerngegenstand für die Kinder bedeutsam und faszinierend ist oder sie sich in einem Wettkampf beweisen wollen, dann macht es ihnen Spass Energie fürs Lernen einzusetzen.

Schwierig sind für sie die Aufgaben, die für sie nicht bedeutsam sind und nicht einfach „aus dem Ärmel geschüttelt“ werden können. Darum kann ich nun gut verstehen, warum die Buben  mittelschwere Aufgaben doof finden.

Nachtrag zum Energetisieren und der Vielfalt in Gruppen

Nach diesem Modell kann man sich auch überlegen, dass nicht alle Personen bei den gleichen Aufgaben im System 1 oder 2 „laufen“. Für eine Person, die kognitiv eher Mühe hat oder eine Person, die kognitiv stark ist, „läuft“ die gleiche Aufgabe je im anderen System ab. Für die Schule heisst das, dass kognitiv stärkere Kinder weniger Energie für die Schule verwenden, als kognitiv schwächere SchülerInnen. Jedoch haben wohl die kognitiv schwächeren SchülerInnen die besseren Strategien, wie sie sich selber energetisieren können, als kognitiv stärkere SchülerInnen, die dies seltener anwenden müssen. Daher brauchen auch kognitiv stärkere SchülerInnen unbedingt Aufgaben, die sie ins System 2 bringen, damit sie lernen „den inneren Schweinehund“ zu überwinden und Energie zu mobilisieren.

Ich wünsche dir für das neue Jahr viel Energie und v.a. intrinsische Motivation Neues zu denken und deinen Horizont zu erweitern. Viel Spass dabei!

 

Den Sachverhalt habe ich dem Buch: Kruse, O (2017). Kritisches Denken und Argumentieren (Seiten 27, 28, 33, 34). Konstanz: Verlag Huter & Roth KG