Wandeltiefe und #FlexSchule

Wandeltiefe meint, wie radikal ein Wandel, eine Veränderung sein darf und soll.

Bezogen auf Raumkonzepte wurde mir der Begriff von Katharina Lenggenhager schulraumentwicklung.ch vermittelt. Sie erklärte uns, dass beim Neudenken von Schulraum die bauliche Eingriffstiefe beachtet werden muss. Dies bedeutet, dass Veränderung nicht als schwarz oder weiss, sondern in einem Kontinuum zwischen: Möbel umstellen, Wand bemalen, und einen Lernort neu bauen besprochen werden können. Zudem macht es Sinn nicht in Sachen und Räumen zu denken, sondern in Tätigkeiten. Was soll in einem Lernraum getan werden können.

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Verben sortiert nach baulicher Eingriffstiefe (Quelle: Katahrina Lenggenhager)

Es liegt auf der Hand, dass schlafen durch die Organisation einer Matratze einfacher möglich ist als klettern, natürlich je nach Ort. Der Kontext, also der Ort, die Situation und die Veränderungsbeteitschaft resp. -druck begrenzen zusätzlich das, was aktuell möglich scheint.

Die verschiedenen Debatten und Initiativen rund um die Veränderung der Schule setzten an ganz unterschiedlichen Wandeltiefen an. Es gibt Initiativen, die grundsätzlich die Abschaffung der Institution Schule wünschen, um das Lernen radikal zu befreien und andere wünschen sich mehr partizipative Strukturen, indem Kinder Schule mitgestalten dürfen. Wieder andere fordern die Lektionen abzuschaffen und die Anfangs- & Schlusszeiten zu öffnen.

Als Schulleiterin einer Volksschule bin ich für die Schule als Institution, weil das System trotz seiner breit diskutierten Mängel doch auch eine Errungenschaft ist. Alle Kinder (Mädchen, Wenigerbegüterte etc.) dürfen (müssen) gratis zur Schule gehen und Grundfertigkeiten lernen, die sie befähigen am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Trotz allem kann ich auch den Wunsch nach Veränderung spüren. Es liegt was in der Luft. Ich bin dafür nicht nur im System, sondern auch am System zu arbeiten. Dazu habe ich einen Entwurf zur #FlexSchule geschrieben. Wen es interessiert, wie Präsenz-& Fernunterricht oder Präsenz-& Heimunterricht kombiniert werden könnten, findet die zwei Papiere unten.

„Die einzige Konstante im Leben ist die Veränderung“, sagte Heraklit. Jedoch haben wir oft Spielraum bei der Wandeltiefe.

 

2020_05_24_FlexSchule_Fern_CC_Web

2020_06_01_FlexSchule_Heim_CC_Web

Eine denkwürdige Reise

Das Format Denkreise ist kein Kurs. In den drei Tagen, welchen wir uns als Gruppe mit der Schule 2030 im Zeitalter des Digitalen Wandels auseinandergesetzt haben, würde ich dem Namen entsprechend als ergebnisoffene Reise bezeichnen. Dabei entwickelte sich eine unglaubliche Energie, die mich persönlich nachhaltig beflügelt hat.

Denkreise ist … Die Energie aus dem gemeinsamen Tun in den Alltag überschwappen lassen.

Mich faszinierte an dieser Denkreise vor allem, wie es dazu kam, dass wir in diesen Modus der Energie gelangten. Dazu meine ganz persönlichen Gedanken.

Heike Bruch und Bernd Vogel  (2005) schreiben in ihrem Buch „Organisationale Energie“, dass eben die Energie einer Firma, oder hier bei uns einer Gruppe, wesentlich dafür ist, wie sie performt. Energie ist jedoch so ein „flutschiger“ Begriff, der nur schwer fassbar und beschreibbar ist, weil er gefühlt werden muss. In ihrem Modell beschreiben sie, dass sich Gruppen entweder in der produktiven Energie, der angenehmen Trägheit, der resignativen Energie oder korrosiven Energie befinden können. Ich würde nun mal behaupten, dass sich Schulen oft in der angenehmen Trägheit befinden. Der Alltag läuft mehr oder weniger geschmeidig und die Rollen und Aufgaben sind klar (siehe Blogbeitrag, runterscrollen).

Um nun eine Gruppe in die produktive Energie zu bewegen und damit den Möglichkeitsraum zu öffnen, sagen Bruch und Vogel, dass ein sogenannter „Sense of Urgency“ hergestellt oder empfunden werden muss. Bevor überhaupt etwas passiert, muss gefühlt und werden, dass etwas passieren sollte. Dies kann einerseits durch eine Krise oder Zukunftschancen ausgelöst werden.

Denkreise ist … Gemeinsam Zukunftschancen entwickeln und erste Schritte planen.

Die Mobilisierung von Energie durch eine Krise haben wir während der Schulschliessung durch die Corona-Pandemie erlebt. Was in dieser kurzen Zeit an Neuem, vor allem auch im digitalen Bereich an den Schulen aufgebaut wurde, das ist unglaublich.

Bei der Denkreise haben wir als Gruppe nun erlebt, wie durch Zukunftschancen genau diese produktive Energie auch freigesetzt werden kann. Natürlich waren alle Personen, die sich für die Denkreise angemeldet haben auch Willens sich berühren und irritieren zu lassen und brachten eine grosse Offenheit mit. Die Offenheit schloss auch die Akzeptanz und Würdigung der einzelnen Teilnehmenden und deren Ideen ein. Diese Voraussetzung macht es natürlich etwas leichter zu starten. Für mich ist es dennoch erstaunlich, dass sich rund 25 Personen, welche sich mehrheitlich vorher nicht kannten, in so kurzer Zeit so viel Möglichkeiten erdenken konnten.

Denkreise ist … Die Würde des Menschen ins Zentrum zu stellen.

Rahel und Felix schafften es die vorhandenen Ressourcen der Gruppen zu aktivieren. Sie führten uns an inspirierende Orte und passten fortlaufend das Programm den Bedürfnissen der Gruppe an. Sie gaben meist den Rahmen und die Methoden vor, liessen aber den Teilnehmenden inhaltlich viel Mitwirkungsplatz. Dies war nur möglich, weil sie selbst keine fixe Vorstellung hatten, was bei der Denkreise herauskommen sollte. Sie hielten die Unsicherheit aus, zeigten eine hohe Chaoskompetenz und legten das Gelingen in die Verantwortung der Gruppe. Der Raum war echt offen und konnte von den einzelnen Personen gefüllt und gestaltet werden. Und das passierte!

Denkreise ist … Jeder bringt sich ein und jede nimmt was mit.

Genau diese Rolle der Ermöglichung und der Gestaltung von partizipativen Prozessen ist für mich die Aufgabe der Leitung. Ob dies nun in der Schule ist oder sonstwo. Leiterinnen und Leiter müssen nicht (besser) wissen, was zu tun ist. Sie müssen nicht selbst eine Vision haben für die Schule 2030 oder für ein neues Produkt. Ihre Vision ist mehr eine Haltung oder moderner ausgedrückt das Mindset des Ermöglichens, des Begleitens, des Unterstützens und des Stärkens und darauf Vertrauen, dass die Chancen in den Menschen schon da sind.

Dazu gehört auch dafür zu sorgen, dass die hochfliegenden Gedanken und Ideen Auswirkungen auf das Heute, die Gegenwart haben und ein erster Schritt in die gemeinsame Richtung vereinbart wird.

Ich hoffe, dass es noch ganz viele Denkreisen zu den verschiedensten Themen und Fragestellungen geben wird. Dass immer mehr Menschen entdecken, dass es unheimlich Spass macht und Energie freisetzt gemeinsam Zukunftschancen zu ersinnen und mit einer ungefähren Vorstellung dann einfach mal zu machen.

Denkreise ist … Den Kopf in den Wolken und die Füsse auf dem Boden.

 

Hinweis: Die Denkreise zur Schule 2030 wurde von Rahel Tschopp und Felix Hollenstein organisiert (Juli 2020).

Experimentelle Schulführung

Diese Art der Schulführung treibt mich seit einiger Zeit um. Ich schreibe gerade an meiner Masterarbeit zum Thema: „Berufseinstieg von Schulleitungen“. In den Interviews geht es u.a. darum, was denn Schulführung ist und wie diese von den Schulleitungs-Noviz_innen erlebt und gestaltet wird. Dabei wirken diese Interviews natürlich auch auf mich selbst und mein berufliches Selbstverständnis zurück.

Als ich nun heute den Blog-Beitrag von Philippe Wampfler zum Thema Design-Thinking gelesen habe, hat mich dies motiviert meine Gedanken in diesem Beitrag zu teilen.

Wir versuchen an unserer Schule immer wieder Neues in die bestehende Organisation zu integrieren.

Dabei ist mir wichtig, dass nicht einfach Neues eingeführt wird, weil das Alte nicht mehr gut ist, sondern weil es einfach spannend ist Neues zu entdecken.

Diese Neugierde versuch(t)e ich auch bei den Lehrpersonen zu wecken und heute sind wir so weit, dass es ein Teil unserer Schulkultur ist.

Ich habe den Beitrag bewusst nicht experimentelle Schulentwicklung genannt, sondern experimentelle Schulführung. Schulführung umfasst für mich u.a. geteilte Werte und Haltungen und wie diese in einer Schule gelebt werden. Die Schulkommission hat diese Haltung sogar in unserer Strategie 2019-2022 verankert: „Wir bleiben offen für Neues“.

Meist gehen wir nach einem ähnlichen Schema vor, wenn wir etwas Neues ausprobieren wollen.

  1. Jemand hat eine Idee, welche mit dem Team oder mit mir geteilt wird.
  2. Meine Rolle als Schulleiterin ist es, diese Idee zu triagieren, was bedeutet, dass zuerst mal abgeklärt werden muss, wer alles davon betroffen sein würde und wer sozusagen ins Boot geholt werden muss oder eben auch nicht.
  3. Wenn eine Lehrperson oder das Team die Idee umsetzen will, dann wird meist eine verantwortlich Person bestimmt, welche als Themen-Hüter_in agiert.
  4. Dann bestimmen wir eine Pilot-Zeit, welche so 3-12 Monate umfasst, um mit der Idee zu experimentieren.
  5. In den Konferenzen werden die persönlichen Erfahrungen geteilt und teilweise auch bewertet.
  6. Am Schluss der Pilot-Phase wird entschieden, ob und in welcher Form das Experiment weitergeführt wird oder nicht.

Der Vorteil des Experimentier-Ansatzes ist es, dass es Personen die Neues ausprobieren wollen nicht hindert und Personen, die eher Sicherheit brauchen nicht überfordert.

Der Experimentier-Zugang gibt eher kritischen Personen die Möglichkeit etwas Neues mal nur auszuprobieren oder auch nur zu beobachten. Es wird keine unnötige Energie in den Widerstand gesteckt. Teilweise setzt auch nicht das ganze Team das Neue um, sondern nur ein paar Lehrpersonen, die davon überzeugt sind. Die Anderen können einfach beobachten und informell daran teilhaben. Auch im passiven Dabei-sein findet eine Auseinandersetzung mit dem Neuen statt.

Das „Müssen“ wird minimiert und das „Dürfen“ gestärkt.

Der offene Ausgang führt zu einer wirklichen Auseinandersetzung mit der Sache.

Somit wird jedes Experiment  zum Gewinn. Entweder haben wir etwas Neues erprobt und für gut befunden, so dass es implementiert wird oder wir haben etwas erprobt und für nicht tauglich befunden und wissen genauer, was wir nicht wollen.

Ich bin sehr überzeugt von diesem Ansatz und freue mich, wenn es andere Schulleitungen gibt, die auch Erfahrungen damit haben, wenn wir in einen offenen Austausch kommen könnten, ganz im Sinne der experimentellen Schulführung.

Hinweis: Das Beitrags-Bild stammt aus unserem Pilot-Projekt „SchatzZeit“, wo wir versuchen präventiv auf den Grundlagen des „Schulfach Glücks“ die psychische Gesundheit der Schülerinnen und Schüler zu stärken.

Lernen in Baku – Leadership in Schulen

Im Juni 2019 verweilte ich vier Tage in Baku, Aserbaidschan. Schon mal vorneweg: Baku ist eine tolle Stadt und wirklich einen Besuch wert. Dabei noch mit so vielen spannenden Menschen unterwegs zu sein, die sich alle für das Thema „Leadership in Schulen“ interessieren, war einfach toll!

Eine Professorin der Universität Fribourg initiieret das Projekt CELL (Comparative Educational Leadership Lab) und ich durfte, zu meiner grossen Freude, teilhaben daran. Die ersten zwei Tage wohnten wir einer Bildungskonferenz bei, danach war Zeit, um über die Ziele und die konkrete Umsetzung des CELL zu sprechen.

Was ich in den vier Tagen in Baku für mich gelernt habe:

  • Obwohl Baku weit weg von der Schweiz ist, teilen wir viele der Herausforderungen in der Schule.
  • Eine gute Fehlerkultur ist in Baku, wie in der Schweiz essentiell.
  • Eine Schulleitung kann persönlich in ihrer Schule durch den wertschätzenden Umgang viel bewirken, v.a. im Etablieren einer positiven Schulkultur. Mit viel Zeit und Geduld kann eine Schulleitung eine VeränderungsermöglicherIn sein.
  • Dennoch ist eine Schulleitung in ein erweitertes System eingebunden, das gewisse Grenzen hat. Diese Grenzen können nicht alleine verschoben werden. D.h. die Schulleitung ist auf Partner und  weitere unterstützende Akteure, gerade auch in der Politik, angewiesen.

Die Bildungskonferenz fand an der ADA University statt. Die Gebäude waren hell, gross und sehr modern. Die ganze Anlage neu, was ich nicht erwartet hatte.

Es sprachen verschiedene Personen zu Bildungsthemen und schnell merkte ich, dass Vieles genau gleich war wie in der Schweiz z.B. das Thema Integration. Die Kinder, welche früher entweder gar nicht zur Schule gingen oder dann in Sonderschulen, sollen nun in der Regelschule unterrichtet werden. Das ist eine Herausforderung für die Erwachsenen in Aserbaidschan, in der Schweiz, wie auch in der Mongolei. Jemand aus unserem Team ist aus der Mongolei und macht dort Lehrpersonen-Trainings zur Integration von Kindern mit speziellen Bedürfnissen.

In Aserbaidschan müssen nun die Lehrpersonen hinsichtlich Integration weiter- und ausgebildet und die Eltern beruhigt werden. Die Eltern der „normalen“ Kinder haben Sorge, dass ihre Kinder wegen der integrierten Kinder zu wenig lernen. Alle Kinder sollen studieren und Karriere machen. Dabei gäbe es auch die Möglichkeit der Berufslehre, aber diese hat kein Prestige und wird nicht angestrebt. Daher wird nun von der Uni und der Regierung in diesen Bereich investiert.

Das Eindrücklichste jedoch war eine Rede einer Schulleiterin, welche sagte, dass sie auch Fehler mache und dies zugebe. Sie könne daraus lernen und es sei okay. Schon während ihrer Rede dachte ich, dass diese Worte erstaunlich sind. Ich hatte vom azerbaidschanischen Schulsystem eher das Gefühl gehabt, sehr hierarchisch und mechanisch zu sein, was am nächsten Tag von einer einheimischen Person aus unserer Gruppe bestätigt wurde. Die Person sagte auch, dass es ausserordentlich gewesen sei, dass die Schulleiterin über Fehler und Misslingen gesprochen habe, denn das existiere in Aserbaidschan nicht. Schulleitungen machen keine Fehler.

Am nächsten Tag diskutierte wir über mögliche Themen für das CELL. Es nahm auch eine Mitarbeiterin der Uni teil, die Educational Leadership studiert hat, jedoch jetzt nicht als Schulleiterin arbeiten möchte, da sie sich nicht vorstellen kann in einem solch engen und kontrollierten Rahmen zu arbeiten. Anscheinend ist die Position der Schulleitung sehr politisch und man muss systemtreu sein, also keine Kritik am Schulsystem und den politschen Verhältnissen äussern. Zudem beinhaltet der Alltag v.a. Administration und Berichterstattung an die Regierung. Sie sagte, dass sie in so einem System nicht arbeiten  kann und will.

Am Nachmittag besuchten wir eine Schule und die Schulleiterin erzählte, dass sie keine Lehrperson sei und den Posten nur erhalten habe, weil sie im Ausland studiert hat. Sie wollte nicht Schulleiterin werden, sondern man habe ihr den Job angeboten. Sie sagte, dass sie eigentlich nichts bestimmen kann, nicht den Curriculum, nicht das Geld, einfach nichts. Dennoch versuchte sie durch ihren Umgang und das Stellen von Fragen (was es anscheinend vorher nie gegeben hat) eine neue Kultur zu etablieren. Sie sieht sich selbst als „Change Agent“, als Veränderungsermöglicherin. Trotzdem verlässt sie diesen Sommer die Schule, um in den USA weiter zu studieren.

Auf dem Rundgang durch das moderne Schulhaus (eine sehr gut ausgestattete Schule), in welcher fast 2000 SchülerInnen von der 1.-11. Klasse unterrichtet werden, stellte sie fest, dass die Textbücher von der Regierung zur Verfügung gestellt werden. Sie können keine Lernmaterialien selbst wählen. Es wird zu 60% auf Russisch und zu 40% auf Azeri unterrichtet. Dabei wird viel Wert auf den Geschichts-Unterricht gelegt. Die Schule ist zudem im gestalterischen Bereich aktiv, es hatte eine Galerie mit Bildern und einen grossen Raum mit einer Bühne, wo die Klassen ihre Musik und Theaterstücke aufführen oder Konzerte für die Kinder organisiert werden.

Die Lehrpersonen und SchülerInnen werden überall von Kameras überwacht. Es hat über 170 Kameras im ganzen Schulhaus verteilt, auch im Arbeitsraum der Lehrpersonen. Jemand aus unserem Team sagte, dass an gewissen Privatschulen die Eltern Zugang zu den Kameras haben und sehen, was ihre Kinder tun in der Schule. Die Eltern rufen dann die Schulleitung an und wollen, dass die Lehrpersonen gerügt werden, wenn sie ihre Kinder nicht genügend aufrufen. Dies konnte ich fast nicht glauben.

Die Kinder sind den ganzen Tag in der Schule und können nicht rausgehen, weil anscheinend die Eltern das nicht wollen. Es wäre auch nicht wirklich attraktiv, denn der Innenhof ist ein von vier Wänden umgebener gepflasterter Platz ohne eine Pflanze oder ein Spielgerät. In sechs Primarklassen haben sie nun ein Projekt, dass immer ein Kind am Pult steht und das andere sitzt und dann wird nach 45 Minuten gewechselt. Damit die Kinder nicht körperliche Probleme wegen dem Sitzen bekommen. Die Klassenzimmer sind mit den Pultreihen und weissen Wänden eher  kühl eingerichtet, fast keine Bilder und Lernmaterialien sind sichtbar. Dafür hängt in jedem Raum über dem Whiteboard und dem Beamer das Bild des Präsidenten.

Am letzten Tag hatten wir eine Sitzung in einer Galerie (inspirierender Ort!), um die Eindrücke und Ideen der letzten drei Tage zu besprechen und das nächste Treffen im Herbst 2019 zu planen. Dabei ging es darum, ob es eine neue Art von Führung (Leadership) an Schulen brauche. Was Leadership in der Schule bedeutet und wie sich dies unter den verschiedenen Kontexten und Richtungen (Länder, Volksschule, Hochschule, NGO, Wirtschaft, Erziehungswissenschaft, Comparative Forschung usw.) auswirke. Die Idee ist sozusagen zum Kern von Leadership vorzudringen um dann daraus eine mögliche Theorie zu formulieren. Dass es ein verändertes Verständnis von Führung braucht, scheint einleuchtend. Was dies aber genau für eine wissenschaftliche Theorie von Educational Leadership sein könnte, ist offen.

Warten auf die Zeit

Wenn ich jeweils an der Bahnstation auf den Zug warte, fällt mir jedes Mal die grosse Uhr auf. Diese Uhr dominiert das Warten auf dem Perron. Der Zeiger schleppt sich von Strich zu Strich. Die Personen schauen ins Nichts oder ins Natel. Alle warten. Auf den Zug. Der Zug ist die Verbindung vom Sein zum Wollen. Denn warum würde ich sonst am Bahnhof auf einen Zug warten, wenn ich nicht an einen anderen Ort hin wollte. Somit ist der Bahnhof ein Bild für Wünsche, Sehnsüchte, Bedürfnisse, die noch in der Zukunft liegen. Mani Matter beschrieb in seinem Lied von den Bahnhöfen „u si tüe warte“. Worauf, wozu? Es scheint mir manchmal, dass sich die Welt doch sehr verändert hat seit Matter‘ s Lied, die Möglichkeiten sind exponentiell gewachsen, aber der Mensch wartet immer noch. Das Warten, trennt die Gegenwart von der Zukunft, gleichzeitig verbindet das Warten auch. Mich mit mir, mit meinem Innersten. Wenn ich das aushalten kann, ist das Warten eine Selbstzeit. Ich mit mir. Leider versuche ich viel zu oft dieses Warten mit Ablenkung zu stopfen, um nicht im Leeren zu sein. In der Nicht- Zeit auf Standby.

Diese Woche versuche ich das Warten nicht im Sinne von getrennt sein von der Erfüllung meiner Absicht, sondern als für mich wertvolle Leerzeit zu betrachten.

Was löst das Warten bei dir aus?

Kreativität braucht Feedback

Ich habe schon mehrere Texte und Filmchen zu Design Thinking genossen und oft gedacht, dass dies doch eigentlich ein ganz natürliches Vorgehen beschreibt, wie Neues in die Welt kommt. Erwachsene versuchen damit (Kunden-) Probleme zu lösen, Kinder nutzen dies im freien Spiel.

Ich bin der Überzeugung dass wir Design Thinking im Blut haben! Und zwar von Geburt an. (Zitat aus Publishing-Blog)

Folgende Situation scheint mir dies zu bestätigen. Letzthin zeigte mir unser Sohn ein Lego- Gebilde. Ich fragte ihn, wie er das gebaut habe. Seine Antwort war. „Ich mache es wie du, wenn du einen Text schreibst. Du hast gesagt, dass du einfach mit einem Text beginnst und sich dann die Gedanken von selber ordnen. Also: Ich wollte etwas bauen. Ich hab dann einfach angefangen, dann ist die Landschaft nach und nach entstanden.

Gell, wenn man nicht anfängt, entsteht auch nichts.

Er sagte weiter, dass er sein Gebilde seinem Bruder zeige und der ihm sage es sei toll. Manchmal sage er auch, was er anders machen könnte & liefere weitere Ideen zum weiterbauen. Kreativität & Feedback- Schlaufen sind wohl wirklich in uns drin.

Vielleicht setzt du sie heute bewusst ein. Oder du fängt einfach mal an, das umzusetzen, was du immer schon tun wolltest.

Neues lernen braucht Energie

Ich frage unsere Kinder jeweils am Mittag, wie die Schule so war. Der Jüngere erzählt, dass er an diesem Morgen „viel arbeiten“ musste. Ich frage nach, ob das nun gut sei oder wie er das erlebt habe. Das sei sehr gut und „es fägt mega“. Ich war eher erstaunt über seine Aussage und wir plauderten weiter. Nach ein paar Minuten sagt er: „Weisst du, ich mag entweder ganz schwierige Aufgaben, wo ich arbeiten muss oder bubigägi einfache Aufgaben, aber das Mittelschwere mag ich gar nicht.“ Sein Bruder pflichtete ihm bei.

Ihre Empfindung deckt sich so gar nicht mit den Lehrbüchern und der Ansicht, dass Lern-Aufgaben eben nicht zu schwer oder zu einfach sein sollten, sondern eben eher so mittelschwer. Da ich ja viel lese, bin ich auf einen spannenden Umstand gestossen, der mir die Empfindung der Buben erklärt und zwar mit der Funktion des Gehirns beim Denken.

Zwei Denk-Prozesse

Im Gehirn gibt es für die Geschwindigkeit und die Beschaffenheit des Denkens das System 1 und das System 2.

Das System 1 ist schnell und automatisiert. Alles, was wir tun und uns nichts dabei denken, wird im System 1 abgewickelt. Also alltägliche, routinemässige Wahrnehmungs- und Denkleistungen, aber auch emotionale Wahrnehmung, wie Gesichter erkennen, etwas schön finden, sprechen, Auto fahren usw. Das System 1 erleichtert uns den Alltag ungemein. Es wird angenommen, dass System 1 keine oder wenig Energie verbraucht.

Das System 2 ist langsam, bewusst und willentlich kontrolliert. Dieses Denksystem fokussiert auf eine Aufgabe, kontrolliert die Denkleistung und bedeutet Anstrengung. Dies ist der Fall, wenn wir etwas Neues lernen. Das Ziel davon ist das Neue soweit zu lernen, dass es ins System 1 übergeht.

Zwei_Denkprozesse

Energetisieren

Es wird vermutet, dass das System 2 viel Energie braucht. Das Gehirn nimmt die Energie in Form von Glukose aus dem Blut auf. Dabei verwendet das Gehirn ca. 20-25% des Gesamt-Energie-Bedarfs eines Tages. Die Energetisierung bezieht sich jedoch nicht nur auf die „Nahrungszufuhr“, sondern auch auf die Motivation. Da das Denken/Lernen im System 2 anstrengend ist und der Körper sehr effizient und ressourcenschonend funktioniert, braucht es ein gewisses Interesse an einem Thema oder die Sichtweise, dass das zu Lernende vielleicht jetzt gerade nicht so spannend ist, aber die Voraussetzung für weitere spannende Lern-Inhalte bildet, um den Aufwand auf sich zu nehmen. Bei Kindern ist dieser Belohnungsaufschub eher schwierig herzustellen, da sie sehr fest im Jetzt leben. Damit ein Mensch Energie für einen Lerngegenstand mobilisiere, muss er von Innen her (intrinsisch) motiviert sein zu lernen. Nach Kruse (2017) gründen viele Lern- und Denkprobleme in einem Mangel an Energetisierung.

Der Punkt ist, dass ein Kind, oder auch ein Erwachsener nicht von Aussen energetisiert werden kann. Er muss selber den Aufwand fürs Lernen betreiben wollen, weil das Thema für ihn bedeutsam ist. Wenn Lehrpersonen, Eltern, Dozenten oder Vorgesetzte dies versuchen für eine Person zu übernehmen, braucht das auf ihrer Seite sehr viel Energie und ist nicht befriedigend.

Zurück an den Küchentisch

Ich komme auf die Szene mit den Buben am Mittag zurück. Nach ihrer Aussage sollen Aufgaben entweder ganz leicht oder schwer sein, d.h. dass sie entweder im System 1 laufen möchten, also keinen Aufwand betreiben oder dann tief im System 2 in einem Thema, welches sie fasziniert. Wenn der Lerngegenstand für die Kinder bedeutsam und faszinierend ist oder sie sich in einem Wettkampf beweisen wollen, dann macht es ihnen Spass Energie fürs Lernen einzusetzen.

Schwierig sind für sie die Aufgaben, die für sie nicht bedeutsam sind und nicht einfach „aus dem Ärmel geschüttelt“ werden können. Darum kann ich nun gut verstehen, warum die Buben  mittelschwere Aufgaben doof finden.

Nachtrag zum Energetisieren und der Vielfalt in Gruppen

Nach diesem Modell kann man sich auch überlegen, dass nicht alle Personen bei den gleichen Aufgaben im System 1 oder 2 „laufen“. Für eine Person, die kognitiv eher Mühe hat oder eine Person, die kognitiv stark ist, „läuft“ die gleiche Aufgabe je im anderen System ab. Für die Schule heisst das, dass kognitiv stärkere Kinder weniger Energie für die Schule verwenden, als kognitiv schwächere SchülerInnen. Jedoch haben wohl die kognitiv schwächeren SchülerInnen die besseren Strategien, wie sie sich selber energetisieren können, als kognitiv stärkere SchülerInnen, die dies seltener anwenden müssen. Daher brauchen auch kognitiv stärkere SchülerInnen unbedingt Aufgaben, die sie ins System 2 bringen, damit sie lernen „den inneren Schweinehund“ zu überwinden und Energie zu mobilisieren.

Ich wünsche dir für das neue Jahr viel Energie und v.a. intrinsische Motivation Neues zu denken und deinen Horizont zu erweitern. Viel Spass dabei!

 

Den Sachverhalt habe ich dem Buch: Kruse, O (2017). Kritisches Denken und Argumentieren (Seiten 27, 28, 33, 34). Konstanz: Verlag Huter & Roth KG

Die Geschichte vom Pinguin auf der Eisscholle

Ein Pinguin, etwas so alt wie du, sitzt vor einem Schneehaufen und dreht sich um sich selbst. Seine Welt ist weiss, schneeweiss, teilweise mit gelben Spuren oder schwarzen Sprenkeln. Der Schnee ist mal weich, mal hart wie Eis. Das Eis wirkt nur weiss, aber in Wirklichkeit ist es durchsichtig mit eingeschlossenen Luftblasen und blauem Schimmer, wenn die Sonne hineinscheint. Das ist die Welt, welche der Pinguin kennt und welche für ihn vertraut und natürlich ist. Der Pinguin ist gerne hier. Er hat genug zu essen, Freunde und Familie und es herrscht ein angenehmes Klima. Für ihn kann das Leben so bleiben wie es ist.

In seiner Zufriedenheit bemerkt, der Pinguin nicht, dass sein Zuhause immer kleiner wird. Die riesige Eisscholle schmilz. Eines Tages spürt der Pinguin eine Erschütterung. Seine Welt scheint für ein paar Sekunden zu beben. „Das kann nicht sein!“, denkt sich der Pinguin. „Meine Welt ist stabil und fällt nicht so leicht aus den Fugen.“ „Rumms“, schon wieder. Langsam wird es dem Pinguin ungemütlich, er beginnt sich Sorgen zu machen, was das wohl sein könnte und beschliesst eine Runde zu watscheln. Weit weit weg von seinem Schlafhügel, sieht er zum ersten Mal, dass er sich nicht am Südpol, auf festem Boden befindet, sondern auf einer unglaublich grossen Eisscholle, die im Meer treibt und an deren Grenzen riesige Eisberge abbrechen. Sein ganzes Weltbild fällt mit einem Schlag zusammen. Die vermeintliche Stabilität ist nichts als Illusion.

Sein ganzes Weltbild fällt zusammen. Die vermeintliche Stabilität ist nichts als Illusion. Nach dem ersten Schock über die unvollständige Vorstellung von seinem Zuhause, denkt er darüber nach, inwieweit seine Welt eine Relative sei.

Nach dem ersten Schock über die unvollständige Vorstellung von seinem Zuhause, denkt er darüber nach, inwieweit seine Welt eine Relative sei. Er erinnert sich, dass er früher viele Fragen hatte: Ob es noch mehr Schattierungen von weiss gebe, als man hier sehen könne? Ob es auch Orte gebe, die vielleicht «nicht-weiss» seien? Auf seine Fragen bekam der Pinguin nur ein mitleidiges Lächeln, ein Achselzucken oder ein genervtes Stöhnen als Antwort. So hörte er auf zu fragen.

Der Pinguin, welcher sein Leben lang nie etwas anderes als weiss gesehen hat, glaubt nicht wirklich, dass es ausser weiss etwas gibt. Aber was wäre, wenn doch? Auch wenn der Pinguin keine Vorstellung von «nicht-weiss» hat, heisst das nicht, dass es «nicht-weiss» nicht gibt. Der Pinguin erwacht aus seiner Bequemlichkeit und macht sich auf eine Reise ins Ungewisse, um sich überraschen zu lassen. Sein Plan ist zuerst eine bisschen Eisschollen-Hopping zu machen und sich dann vorsichtig immer weiter von seinen vertrauten Gefilden weg zu bewegen und auf der anderen Seite des Horizonts in eine vollkommen andere Welt – eine «nicht-weisse» Welt – einzutauchen.

Auch wenn der Pinguin keine Vorstellung von «nicht-weiss» hat, heisst das nicht, dass es «nicht-weiss» nicht gibt.

Die Idee zur Geschichte entstammt einem Bild von Prof. Dr. E. Forster, HS2018 Uni Fribourg und der Diskussion: Was «menschlich» ist? Was als normal empfunden wird? Was es bedeutet in eine andere Kultur einzutauchen? Ob wir bereit sind anderen Werten und Normen die gleiche Akzeptanz zukommen zu lassen, wie Unseren (auch wenn wir sie absolut nicht nachvollziehen können)?

Ich dachte mir, dass die Geschichte gut zu Weihnachten passt, da sie den solidarischen Gedanken der Gleichwürdigkeit aller Menschen und ihrer Ideen illustriert und gleichzeitig auch ermuntert eine Reise in eine neue unbekannte (Gedanken-) Welt anzutreten.