Warten auf die Schule

Nun beginnt das grosse Warten auf die Schule. Die Kinder wissen, dass sie in einer Woche wieder zur Schule gehen dürfen. Jeder Tag des Wartens trennt sie nun davon. Der Fernunterricht, das Spielen und Draussen sein, sind zwar okay, aber nach acht Wochen auch etwas monoton. Die Tage ähnlich, ob Wochentag oder Wochenende unterscheidet sich nur durch die Freiwilligkeit der Aktivitäten. Einer unsere Jungs sagte: „Es ist einfach langweilig, also nicht, dass ich zu wenig zu tun habe. Aber es ist nicht das, was ich am liebsten machen würde: Mit meinen Freunden zusammen sein.“

Im Warten bin ich in einem Zustand des Kommenden. Die Toleranz das Nicht-zu-Ändernde positiv zu sehen ist nicht mehr so gross wie zu Beginn der Schulschliessung als alles aufregend war. Routine hat sich eingestellt. Emotionen gehen hoch, weil der Zustand schon länger andauert und das Ziel noch nicht da ist. Antriebslosigkeit zeigt sich, weil der Ersatz nicht das Ziel ist.

Es ist nicht das, was ich am liebsten machen würde: Mit meinen Freunden zusammen sein.

Die Schule findet wieder statt. Erst in einer Woche. Vorfreude und Abwarten können ein Gefühlschaos in den Kindern verursachen.
Wir Eltern können sie dabei unterstützen und Verständnis zeigen. Dabei müssen wir auch unsere eigene Ängste und limitierten Kräfte ernst nehmen.

Ich wünsche dir (und mir!) Geduld mit den Kindern und mit dir selbst für die nächste Woche. Und ich freue mich auch, dass die Schulen wieder öffnen! Gemeinsam gehen wir die Herausforderung an.

Zu diesem Post hat mich ein Gespräch heute Morgen mit meinem Sohn inspiriert und der Nachtclub vom Mi, 29.04.2020, als ein Mädchen um ca. 22.30 Uhr Ralph Wicki anrief, um zu erzählen, dass sie sich so sehr auf die Schule und ihre Freundinnen freut. Hier der Ausschnitt:

Freie Schulwahl – Plädoyer für die Volksschule als Lebensort

Im Newsletter des LCH (Verband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz) bin ich auf das Thema freie Schulwahl gestossen.

Dieses Thema wird in der Schweiz aktuell von der elternlobby mittels einer Pedition in diversen Kantonen lanciert. Ihre Behauptung, dass das heutige Schulsystem zwar allen Kindern gerecht werden möchte, aber an Grenzen stosse und „[z]uviele Kinder leiden und können ihr Potenzial nicht entfalten“ sei mal einfach so erwähnt. Schon auf den ersten Blick fällt auf der elternlobby-Website der Bericht der OECD ins Auge. Die OECD ist die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (in Europa). Die OECD ist in erster Linie an einer freien Wirtschaft interessiert und erst in zweiter Linie am Wohle und dem Lernen der Kinder. Auffällig ist dabei schon, warum die OECD so ein grosses Interesse an der Bildung hat.

Ich empfehle euch die Argumente der elternlobby zu lesen und dann auch die Gegenargumente des LCH, um euch ein eigenes Bild zu machen. Dazu möchte ich auch einen Ausschnitt aus dem NZZ Artikel: Wer heute die Schulen regiert,  anfügen, weil er schon eine gewisse Entwicklung aufzeigt, welche ich zumindest für überdenkenswert halte. Dieser Artikel bezieht sich auf das Buch von Richard Münch: Der bildungsindustrielle Komplex. Schule und Unterricht im Wettbewerbsstaat, welches ich aktuell lese. Daher hat mich die Thematik auch gerade so angesprochen.

Zitat aus dem NZZ-Artikel: „die OECD hat seit rund dreissig Jahren sehr wohl einen starken Einfluss auf die Schweizer Bildungspolitik, wie die Erziehungswissenschafterin Regula Bürgi in ihrer Forschung minuziös belegen konnte.

Der damals noch weitgehend unbekannte Andreas Schleicher, ursprünglich Physiker und Statistiker, wurde bereits in den 1990er Jahren regelmässig in Bern gesichtet, auf Besuch beim Bundesamt für Statistik, das Feuer und Flamme für die Idee war, den seinerzeit noch weitgehend autonom laufenden Schweizer Bildungsbetrieb genauer in Zahlen zu fassen. Ein prächtiges Betätigungsfeld! Doch die OECD hatte ein besonderes Problem mit ihrem treuen Mitglied Schweiz. Es fehlte ein Ansprechpartner auf Regierungsebene, denn in diesem föderalistischen Unikum gibt es keinen nationalen Bildungsminister mit Durchgriffsrecht; die Volksschule ist bekanntlich Sache der Kantone. In diesem Vakuum schlug die Stunde der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK), die sich fortan als Scharnier zur OECD etablierte – und damit auch ihre Stellung im Inland gegenüber dem Bund massiv stärkte. Die OECD wiederum baute ihre Vormacht in der internationalen Bildungspolitik aus, indem sie – in Eigenregie, nicht etwa auf Anweisung ihrer Mitgliedstaaten – in den 1990er Jahren Pisa erfand und sich dadurch ihrerseits unentbehrlich machte. (…)

Niemand war in der Schweiz empfänglicher für die Ideen der OECD als Ernst Buschor, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der HSG und selber ein glühender Verfechter von NPM [New Public Management]. Als er in die Zürcher Regierung gewählt wurde und 1995 die Bildungsdirektion übernahm, hatte Buschor sein ideales Feld für Reformen gefunden. Er wollte fortan nicht mehr nur auf den Input achten wie die traditionelle Bildungsverwaltung, die oft aus gelernten Pädagogen bestand, sondern stärker auf den Output. Buschor verlangte mehr Effizienz und pochte auf harte Zahlen dazu, was die Schulen am Ende des Jahres wirklich liefern. (…)

Zentrale Reformen im Geiste von New Public Management waren die Einführung von Schulleitungen, die Beurteilung einzelner Lehrpersonen oder die Evaluierung ganzer Schulen. All dies war in der Lehrerschaft anfangs höchst umstritten, zumal wenn eine Beurteilung lohnwirksam war. Denn so manches, was empirische Bildungsforscher als wichtige Instrumente zur Messung von Qualität sehen, kam bei den Lehrpersonen vor allem so an: noch mehr Berichte, Formulare ohne Ende, sinnlose Bürokratie.“

Die Mehrheit der rund 100 000 Lehrerinnen und Lehrer in der Schweiz hat sich inzwischen mit den Dauerreformen arrangiert, aber es gibt rote Linien. Zum Beispiel jene, dass sich Schulen nicht wie Firmen führen lassen. «Schulleiter sind keine CEO», sagt Jürgen Oelkers. Und die Volksschule ist nicht einfach ein Markt. Der «Turboreformer» Buschor bekam seine Grenzen zu spüren, als das Zürcher Stimmvolk im Jahr 2003 seine im Volksschulgesetz gebündelten Reformen an der Urne versenkte. Auch die Skepsis gegenüber mehr schulischem Wettbewerb ist weiterhin gross. So wurden die diversen kantonalen Initiativen zur freien Schulwahl, die genau dies wollten, in den letzten Jahren überall klar verworfen. Der Markt für Privatschulen bleibt eng, umso fester ist die öffentliche Schule verankert, auch wenn sie teuer ist.“ Zitat Ende.

Die eigentliche Idee von NPM war, die Schulen effizienter und günstiger zu machen. Das Gegenteil ist geschehen. Die Schulen wurden tendenziell, auch durch die zunehmenden Schülerinnen- und Schülerzahlen und die gestiegenen Ansprüche, teurer und die allgemeine Belastung durch die vielfältigen Anforderungen und Ansprüche nahm zu. Was wir heute haben ist ein anspruchsvolles Gebilde bestehend aus sicherheits-liebenden Schulleitungen, belasteten Lehrpersonen, in vielen Kantonen externer und interner Evaluation, Beraterinnen, Controller und Eltern, welche ihrem Kind alle Steine aus dem Weg räumen. Ob es da die beste Idee ist, zum Wohle der Kinder, durch die freie Schulwahl den Wettbewerb anzukurbeln und noch mehr Druck aufzubauen, wage ich zu bezweifeln.

Anstatt die freie Schulwahl zu pushen, könnte man sich auch fragen, wie sich die jetzige Volksschule verändern könnte, dass die Kinder weniger Druck von Eltern und Schule empfinden und die Lehrpersonen wieder mehr Energie haben. Denn schon heute gewähren die Volksschulgesetze und der Lehrplan21 gestaltbaren Spielraum für die Schulen, welcher zur Entlastung und Innovation genutzt werden darf.

Es wäre an der Zeit die Evaluiererei, Dokumentiererei und Testerei runterzufahren, wie es übrigens der Lehrplan21 im Kt. Bern zulässt und einfach zusammen zu lernen. Vieles, was eine Volksschule mit lernförderlichem Klima ausmacht, ist jedoch nicht messbar oder wie Walter Herzog dies bzgl. dem letzten Pisa Test ausdrückt: „Gemessen wird nicht, was pädagogisch wichtig ist, sondern pädagogisch wichtig wird, was sich mit den verfügbaren Instrumenten messen lässt!“

Die Volksschule ist so viel mehr, als Wettbewerb und Messungen. Sie ist ein Lebensort.

Mit einer akzeptierten und geschätzten Volksschule, welche von Eltern, Behörden und einer solidarischen Gesellschaft getragen wird, erleben Kinder eine Schulzeit, welche ihnen Zeit lässt, sie fordert, stärkt und ihnen Möglichkeiten für die Zukunft anbietet. Diese Sichtweise entlastet alle und schafft die nötige Leichtigkeit, Freude und Gelassenheit, welche schlussendlich das Lernen positiv beeinflusst!

In der Volksschule soll Vertrauen, Beziehung und Kooperation vorherrschen und nicht der Wettbewerb.

 

 

 

Mehr Chaos, bitte!

Unsere Welt ist komplex. unvorhersehbar. schnell. spannend. möglich.

Ich habe das Gefühl, dass es Menschen gibt, auch Eltern und Lehrpersonen, denen das Angst macht. Sie reagieren darauf mit Kontrolle. Planung. Anstrengung. Stress.

Die komplexe Welt wird als Belastung erlebt. Entscheidungen zu treffen zur Qual. Reaktionen darauf sind Rückzug. Zynismus. Überwältigung. Ohnmacht.

Oder überbordernder Aktionismus. Aggression gegen Andere (weil die an meiner Unsicherheit schuld sind). Massive Vereinfachung.

Vereinfachung reduziert Komplexität. Wird jedoch dem Umstand nicht mehr gerecht.

Was also tun?
Vertrauen haben in sich und seine Umwelt.
Zufall und Schicksal als Teil des Lebens sehen.
Stabile Beziehungen zu Menschen pflegen.

Und v.a. einfach neugierig sein, was das Chaos des nächsten Augenblicks für Möglichkeiten bereithält und versuchen zuversichtlich in die Zukunft zu schauen.

Es kommt gut!

Erziehung können wir uns schenken

Nachdem ich gefühlte zig-1000 Mal in den letzten paar Jahren dieselben Erziehungs-Situationen erlebt habe, bin ich etwas desillusioniert, was Erziehung angeht. Bringt es überhaupt was, wenn wir unsere Kinder erziehen? Können wir uns den Stress sparen?

Solange ein Kind gegenüber meinen Interventionen und Erklärungsversuchen keine Einsicht zeigt, gibt es keine Verhaltensveränderung, ausser über Zwang & Gewalt, aber dies ist definitiv nicht anzustreben.

Was ist Erziehung?

Unter Erziehung versteht man die pädagogische Einflußnahme auf die Entwicklung und das Verhalten Heranwachsender. Dabei beinhaltet der Begriff sowohl den Prozeß als auch das Resultat dieser Einflußnahme.“ Der Erziehungswissenschaftler Wolfgang Brezinka definiert Erziehung als „Handlungen […], durch die Menschen versuchen, das Gefüge der psychischen Dispositionen anderer Menschen in irgendeiner Hinsicht dauerhaft zu verbessern oder seine als wertvoll beurteilten Bestandteile zu erhalten oder die Entstehung von Dispositionen, die als schlecht bewertet werden, zu verhüten“ (Wikipedia).

Mit Erziehung bezwecken Erwachsene ein Kind, seine Psyche, gezielt zu beeinflussen oder gar zu verbessern. Dies impliziert, dass ein Kind ein unfertiges Wesen ist, das durch Erwachsene optimiert werden muss. Diese Optimierung ist abhängig von den Werten und Normen der Eltern und der jeweiligen Gesellschaft. Ein Kind soll so geformt werden, dass es passt.

Erziehung ist kein Handwerk

Dabei wird aus meiner Sicht vernachlässigt, dass das Kind kein Tonklumpen ist, der sich nach den  Wünschen und Vorstellungen des Töpfers modellieren lässt. Der Ton (Kind) hat ein Eigenleben – Er formt sich selber und wiedersetzt sich dem Töpfer.

Ich habe in den letzten acht Jahren keine Gebrauchsanweisung für Erziehung und das Formen von Kindern gefunden. Was beim einen Kind Einsicht fördert, bewirkt beim Anderen nicht die kleinste Reaktion. Nach meiner Ansicht gibt es keine allgemein gültige Anleitung, wie ein Kind erzogen werden kann, auch wenn uns Ratgeber eines Anderen belehren wollen.

Der Widerstand der Kinder ist ihr Segen

Das ist zwar anstrengend und herausfordernd für Erwachsene, aber für die Kinder ist es ein Segen. Dadurch, dass sich Kinder unseren Wünschen widersetzen und Dinge tun, die sie gerne tun möchten, sind sie sich selber nah. Diese Achtsamkeit gegenüber sich selber, vermissen ganz viele Erwachsene und müssen sie mühsam wiederentdecken (Vielleicht, weil sie uns aberzogen worden ist?). Darum überlege ich mir, ob ich Erziehung im oben definierten Sinne weiterhin anwenden will. Will ich dies meinen Kindern antun, dass sie mir und der Gesellschaft  entsprechen müssen und sich selber unterdrücken sollen?

Dazu habe ich folgende Literatur bestellt:

  • Alice Millers, Das wahre Drama des begabten Kindes & Am Anfang war Erziehung
  • Ekkehard von Braunmühl, Antipädagogik: Studien zur Abschaffung der Erziehung

Meine Theorie ist noch in keiner Art und Weise ausgereift. Meine Gedanken kreisen darum, dass es Regeln braucht, die das Zusammenlegen ermöglichen (Hannah Arendt) zudem braucht es eine neue Art der Beziehungsgestaltung (Paulo Freire), Wertschätzung der Gefühle (Alice Millers) undeine grosse Portion Verhandlungskompetenz (Robert Selman). Wenn ich weiter überlegt habe, werde ich einen weiteren Text schreiben.

Falls dich das Thema auch interessiert und du dir auch schon mal überlegt hast mit dem Erziehen aufzuhören, dann freue ich mich über deinen Kommentar.

Ich wünsche dir eine gesegnete Adventszeit und vielleicht schenkst du dir zu Weihnachten die Erziehung (oder allenfalls mal eine Erziehungspause)!

Lieber Samichlaus

Der 6. Dezember ist dein grosser Tag. Ein Tag, den die Kinder herbeisehnen und auch die Eltern in eine nostalgische Stimmung versetzt. Es ranken viele Legenden, um deine Herkunft. In den einen bist du ein reicher Waisenjunge, der seinen Gewändern Taschen annähen lässt, um den armen Kindern Mandarinen und Nüsse bringen zu können (Morgenthaler, 1971). In einer anderen Überlieferung geht dein Besuch bei den Kindern auf das Gleichnis der anvertrauten Talente aus der Bibel zurück, wo du die Kinder befragst, ob sie brav und fromm seien.

Noch heute beinhaltet dein Besuch eine Beurteilung des Verhaltens der Kinder. Hast du dir schon mal überlegt, was dies für die Kinder bedeutet? „Ein Kind, das die bewussten oder unbewussten Wünsche der Eltern erfüllt, ist ein „gutes“ Kind; wenn es sich aber weigert, dies immer zu tun und eigene Wünsche hat, die den elterlichen zuwiderlaufen, wird es als egoistisch und rücksichtslos bezeichnet“ (Miller, 2016, S.9). Böse, berechnende, faule und eifersüchtige Kinder bekommen von dir die Rute.

Weisst du, was mit Kindern (später den Erwachsenen) passiert, die nie ihre Gefühle, wie Eifersucht, Zorn, Verlassenheit, Ohnmacht und Angst zeigen und ausleben durften? Solche Kinder verlieren den Zugang zu ihren echten Gefühlen und damit ihr wahres Selbst. Sie verleugnen sich und ihre Emotion, um den Eltern und auch dir zu entsprechen. Die Kinder versuchen sich damit die Liebe der Eltern und auch deine Anerkennung zu verdienen.

Bist du wirklich der Meinung, dass nur anständige und verständnisvolle Kinder deine Zuneigung verdienen? Brauchen nicht auch Kinder, die eben nahe an ihren Gefühlen sind und diese auch zeigen genauso viel Liebe und Anerkennung?

Lieber Samichlaus, ich hoffe, dass du in diesem Jahr keine Ruten verteilt und bei allen Kindern viele ermutigende Worte aus deinem grossen Buch vorgelesen hast. Worte, die den Selbstwert und die Selbstannahme der Kinder stärkten. Nur wer sich selber wirklich liebt, kann auch andere lieben (ebd., S.10).

So wie sich deine Geschichte in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder gewandelt und zurückbesonnen hat, könnten wir deine Legende nach der Idee von Verena Morgenthaler zu Ende erzählen: „Nikolaus schritt durch die Strassen, warf seine Gaben unter die Menge und machte diesen Tag zu einem grossen Fest“ (Morgentahler, 1971).

Ich wünsche dir eine festliche und nachdenkliche Adventszeit!

 

Quellen:

  • Beitragsbild: Morgenthaler, V. (1971). Die Legende vom St. Nikolaus. Zürich: Orell Füssli Verlag. -> vergriffen
  • Miller, A. (2016). Das wahre Drama des begabten Kindes. und die Suche nach dem wahren Selbst (30. Auflage). Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.

Das schwierige Kind

Heute sprachen wir über ein sogenannt „schwieriges Kind“, das den Unterricht stört, indem es sich unruhig verhält, nicht still und alleine sein kann, reinschwatzt, andere Kinder beim Arbeiten stört, Aufträge nicht korrekt ausführt, sehr langsam arbeitet und meist nur, wenn jemand daneben sitzt. Solche Kinder gibt es wohl in jeder Klasse.

Wenn ich jeweils so Auflistungen zu lesen bekomme, stelle ich mir ein Kind vor, das neugierig auf die Welt schaut und seine kleinen Entdeckungen mitteilen will, sich gerne bewegt und unbeschwert von Regeln durch die Welt mäandert. Dann überlege ich, dass das Kind sicherlich auch Vieles gut macht, was man als Ressource beiziehen könnte… gleichzeitig verstehe ich sehr gut, dass dieses Verhalten ein enormes Herausforderungs-Potential für Erwachsene, seien es nun Eltern oder Lehrpersonen, hat, da es unberechenbar ist und einer geheimen inneren Struktur folgt.2018_10_23_Schule_unterrichten_mäandern

In einer Gruppe ist es nicht immerzu möglich, dass jedes Kind seiner geheimen Struktur folgen kann. Um ein gutes Miteinander zu ermöglichen, braucht es Abmachungen und Regeln, was zwangsläufig das Mäandern kanalisiert und Überschwappungen produziert.

Freire – Pädagogik der Unterdrückten

Letzte Woche haben wir an der Uni den Denker Paulo Freire, Pädagogik der Unterdrückten studiert. Ich habe keinen Zugang zu diesem Gedanken-Konstrukt gefunden, das besagt, dass es Unterdrücker und Unterdrückte gibt. Dass dieser Zustand für beide Seiten unmenschlich sei und sich die Unterdrückten gegen die Unterdrücker auflehnen sollen und nur sie durch ihren Widerstand das Menschliche zurückerobern können. Gleichzeitig sind die Personen mit Macht (also die Unterdrücker oder eben auch Lehrpersonen, Eltern) für den Prozess verantwortlich. Die Personen mit Macht sollen mit allen Mitteln verhindern, dass sie in eine Unterdrücker-Rolle geraten. Inhaltlich sollen sich Erwachsene und Kinder auf Augenhöhe begegnen und in einem wechselseitigen Dialog Erkenntnis erschaffen.

Das würde für unsere Situation mit dem „schwierigen Kind“ heissen, dass nicht in erster Linie beim Kind hingeschaut werden muss, sondern bei der erwachsenen Person, denn diese ist für den Prozess verantwortlich. Hier in der Folge aufgezeigt am Beispiel der Schule. Dieselbe Denkweise kann auch für Eltern und andere asymmetrische Beziehungen angewendet werden.

Die Lehrperson bestimmt den ersten Schritt

Wenn man Freire ernst nimmt, dann muss der erste Schritt sein, dass die Lehrperson bei sich und dem Kind genau hinschaut, was sie mit ihrem Verhalten beim Kind auslöst. Versteht das Kind den Auftrag nicht, weil sie ihn nur mündlich erteilt und das Kind Mühe hat nur über das Gehör Informationen aufzunehmen. Müsste sie dem Kind die Möglichkeit geben den Auftrag visuell erfassen zu können?  Arbeitet ein Kind langsam, weil es sehr genau arbeitet oder weil es Mühe hat sich am Arbeitsplatz zu organisieren? Bräuchte es von der Lehrperson Strukturierungs-Hilfen? Hat sich die Lehrperson von einer Fachperson beraten lassen, was die zig Gründe für das beschrieben Verhalten sein könnten und angefangen verschiedene Strategien zu erproben? …. Jedes Kind ist einzigartig und der Auftrag der Lehrperson ist es, so gut wie möglich, den Zugang zu den Kindern zu finden, sich in ihrer Rolle als Lehrperson den Bedürfnissen des Kindes anzunähern.

Wenn die Lehrperson hofft, dass sich ein Kind ändert, ist sie abhängig vom Kind. Bei sich selber hinzuschauen ermöglicht unmittelbar in die Aktivität überzugehen und der Ohnmacht keinen Raum zu geben.

R. Selman beschreibt in seiner Pyramide der Interpersonalen Verhandlungsstrategien (Folie 33) die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme in zwei Orientierungsmodi: Selbstveränderung und Veränderung des Anderen. In einer Situation, wo die Lehrperson ein Kind als schwierig wahrnimmt, kann sie sich entscheiden in welchem Modus sie die Situation  anschauen will, ob sie die Perspektivenübernahme mit der Brille:

  • Ich finde heraus, was das Kind braucht und gebe ihm das (Selbstveränderung) oder
  • Ich zeigen dem Kind, was ich will und es muss das lernen (Veränderung des Anderen) anschauen will.

Wie oben beschrieben ist die Lehrperson in der Position der Macht und daher wird von ihr verlangt, dass sie entscheidet, wie die Situation gelöst werden kann. Wenn die Lehrperson hofft, dass sich ein Kind ändert, ist sie abhängig vom Kind. Bei sich selber hinzuschauen, ermöglicht unmittelbar in die Aktivität überzugehen und der Ohnmacht keinen Raum zu geben. Dies scheint im ersten Moment schwerer zu sein, aber führt längerfristig zu einer Erweiterung des Handlungsrepertoires der Lehrperson, was schlussendlich ihr selbst und auch anderen Kindern zu Gute kommt.

Und für mich hat das „schwierige Kind“ einen ersten Zugang zu Freire ermöglicht.

Im nächsten Beitrag schaue ich auf die „schwierige Lehrperson“.

Positives Kopfkino

Ich sass in einem Café und habe gearbeitet. Das tue ich manchmal, weil es dort feinen Café gibt und ich mich auswärts besser auf eine Sache konzentrieren kann, als zu Hause, wo mich öfters was ablenkt. Arbeiten im „third place“ (Ray Oldenburg) sozusagen. Als ich so da sass, las und schrieb, lenke sich meine Aufmerksamkeit auf eine Diskussion an einem der anderen Tisch.

Die Leute diskutierten über ein Kind, das anscheinend an einem Nachmittag alleine Zuhause war, alleine die Hausaufgaben machte und sich dann bei einem Nachbarn Hilfe holte, weil es bei einer Aufgabe nicht weiter wusste. Die Personen am Nachbartisch hielten sich darüber auf, dass beide Eltern viel arbeiten würden und deshalb das Kind alleine lassen sei, das gehe ja gar nicht, das würden sie nie tun.

Ich sass so da und stimmt innerlich mit ihnen überein, als sich plötzlich eine andere Stimme in meinem Kopf bemerkbar machte, die mich frage: „Und wenn die Eltern es doch gut machen?“ Ich sann darüber nach und da kam mir die Technik des Umdeutens aus dem lösungsorientierten Ansatz in den Sinn. Ich versuchte in einem positiven Kopfkino die Situation umzudeuten.

Die Eltern des Kindes kennen ihr Kind sehr gut und trauen ihm zu eine gewisse Zeit alleine zu sein. Das Kind kann das und hat nichts dagegen (vielleicht schätzt es sogar die Zeit ohne Eltern). Das Kind ist ausserordentlich zuverlässig und selbstorganisiert, sonst hätte es nicht ohne Hinweis seiner Eltern selber die Hausaufgaben begonnen. Das Kind hat anscheinend gute Ressourcen ein Problem zu erkennen und sich entsprechende Strategien sich Hilfe zu holen.

Wenn die Situation so betrachtet wird, dann hatte das Kind eine unglaubliche Lernmöglichkeit in dieser Alleine-Zeit. Es hat Selbstwirksamkeit erfahren und konnte am Abend seinen Eltern von den Erlebnissen erzählen, die es selber gemeistert hat. Die Eltern können stolz sein auf ihr Kind.

Ich finde, dass wir unseren Kinder etwas zutrauen dürfen. Wir müssen sie nicht vor der Welt beschützen, sondern sie in die Welt hinaus begleiten. Ohne die Eltern zu kennen und zu wissen, ob meine Umdeutung einen wahren Kern haben könnte, würde ich sagen, dass wir doch bevor wir eine Situation negativ beurteilen, auch vom Positiven ausgehen könnten.

Lasst uns edel scheitern!

„Das ist unfair. Ihr seid viel strenger als andere Eltern.“
Wenn es darum geht Regeln auszuhandeln oder unseren Kindern Grenzen aufzuzeigen, versuchen wir ihnen jeweils zu erklären, dass dies unsere Regeln und Grenzen als Eltern sind. In anderen Familien können diese ganz anders aussehen.
Letzte Woche stand wieder mal so ein Gespräch an. Ich sagte, dass wir versuchen so gute Eltern zu sein, wie nur möglich. Wir seien uns jedoch bewusst, dass Kinder, wenn sie erwachsen werden, ganz Vieles, was die Eltern machten, ganz doof finden werden, vielleicht sogar einen Knacks deswegen haben. Wir hätten sie auf jeden Fall mega lieb, aber Eltern seien einfach auch nur Menschen, die ab und zu gute, aber eben auch schlechte Entscheidungen treffen.
Einer der Beiden meinte darauf, dann sei es ja gut, wenn sie nicht immer gehorchten, dann seien sie selber auch etwas schuld an ihrem zukünftigen Knacks.

Wenige Tage später flatterte die NZZ, die ich wegen der Serie „So gelingt Erziehung“ abonniert habe, ins Haus. Der Psychologe Ph. Ramming sprach im Interview u.a. darüber, ob es die optimale Erziehung gebe. Dabei sagte er auf die Frage: Können Eltern ihre Kinder überhaupt richtig erziehen?

Nein, die Frage ist eher: Passt eine Erziehung oder nicht? Nicht alle Eltern sind gleich gute Eltern für jede Altersstufe: Manche Mütter sind Babymütter, haben aber Stress in der Pubertät; manche Väter sind Fussballväter und können früher oder später mit ihren Kindern nichts anfangen. Jeder Elternteil hat sein eigenes Profil: Manchmal passt es besser, manchmal weniger gut. Erziehung ist Scheitern in Raten. Eltern sollten aber den Ehrgeiz haben, bei der Erziehung edel, vornehm und in höchster Eleganz zu scheitern.

„Erziehung ist Scheitern auf Raten“. Meine Worte. Dies ist nicht als Desillusionierung gedacht, sondern als Entkrampfungsangebot, also einfach Vertrauen ins Kind und sich selber zu haben.

Dabei sehe ich Parallelen zur Kommunikation.  Nach F. Schulz von Thun ist das Missverständnis die Regel. Dabei ist es doch erstaunlich wie oft wir uns doch irgendwie verstehen.

Dasselbe denke ich, ist bei der Erziehung auch de Fall. Obwohl das Scheitern die Norm ist, begeben sich die meisten Kinder als junge Erwachsene auf einen guten Weg. Das bedeutet Hoffnung und Mut für alle Eltern, darum lasst uns in höchster Eleganz und in gegenseitiger Unterstützung scheitern!