Corona als Zerreissprobe

So langsam dauert die Pandemie an und Covid-19 bleibt das dominierende Thema (wenn nicht gerade ännet dem Teich Präsidentschaftswahlen sind). Darum habe ich letzthin auf dem Velo ein paar persönliche Gedanken dazu zusammengetragen.

Corona ist für mich eine emotionale Zerreissprobe. Es gibt Tage, welche mega schön sind, es ist tolles Wetter, die Sonne scheint und die Welt scheint in Ordnung zu sein. Jedes Mal, wenn sich neue (meist strengere) Massnahmen ankünden, merke ich, wie ich abtauche und denke: „Nein, nicht schon wieder!“ Die Massnahem bewirken ein Gefühl des Ausgeliefertseins, eine gewisse Ohnmacht und auch Unsicherheit, weil wieder alles anders ist. Ich versuche dann dankbar zu sein für alles, was (noch möglich) ist damit ich mich wieder hochhangeln kann. Die Dankbarkeit lässt mich Möglichkeiten sehen, um handlungsfähig zu bleiben.  

Bis jetzt merkte ich nach jedem Taucher: „Ah doch es geht, wir finden einen Weg, als Familie und in der Schule.“ Und gleichzeitig stelle ich auch fest, dass das Ab- und Auftauchen Energie braucht und mich ermüdet. Verschiedene Bekannte haben mir Ähnliches geschildert, dass sie eher dünnhäutiger und gereizter sind und die ganze Situation satthaben. Viele sind gestresst vom Homeoffice, von Existenzsorgen und auch von den Kindern, die weniger Programm haben, weil die Trainings ausfallen. Die Nerven liegen ab und zu blank.

Im Heft schulpraxis 2/20 sagt Margrit Lauper: „Wenn Menschen Schwieriges erleben, Stress haben, neigen sie dazu, das Schöne, den Seelenbalsam zu streichen“ (S.13), dabei sei es wichtig gerade den Seelenbalsam zu leben. Sie sagt weiter, dass sie in solch überfordernden Situationen versucht das Steuer wieder selbst in die Hand zu nehmen: „Ich halte mich an Regeln, suche aber Lücken.“ Genau das ist es, was ich mit handlungsfähig bleiben, meine: sich nicht der Ohnmacht zu ergeben und nach dem zu suchen, was noch möglich ist.

Hier versuchen wir als Schule mit der SchatzZeit (siehe www.besserfuehlen.ch/news) und neu auch mit dem Experiment Draussenschule (siehe www.silviva.ch/draussen-unterrichten/) anzusetzen und uns, wie auch den Kindern, Seelenbalsam zu schenken.

Eine neue Studie zur psychischen Gesundheit von Kindern zeigt auf, dass „Zweidrittel der Kinder und Jugendlichen angeben, dass sie hoch belastet sind durch die COVID-19 Pandemie.“ Es gibt viele Unterlagen und Material für Lehrpersonen und Eltern dazu: Take-care ZAHW, Mindmatters, Schulfach Glück, Berner Gesundheit.

Wir suchen im Schulalltag immer wieder die Balance zwischen den Aufträgen die „Schule so normal wie möglich stattfinden zu lassen“ und den „aktuell geltenden Corona-Regeln“. Dazu haben wir uns schon im Lockdown folgende Grundsätze vorgenommen:

  1. Ich übernehme Verantwortung für mein Handeln (auch gegenüber andern). 
  2. Ich nehme mein Gegenüber ernst, auch wenn ich seinen/ ihren Standpunkt nicht verstehe und vertrete. (Ich bin nicht die Norm) 
  3. Wenn mich eine Handlung des Gegenübers irritiert frage ich nach den Gründen. (Ich verurteile nicht voreilig)

Ich bin überzeugt, dass uns diese Grundsätze helfen das Gemeinsame vor das Trennende zu stellen. Es ist ein bewusster Entscheid, dass uns Corona nicht zerreissen soll. In diese, welche die Massnahmen völlig „bescheuert“ und übertrieben finden und solche, die sich sorgen, dass viel zu wenig strenge Massnahmen ergriffen werden und andere, welche zwar nicht einverstanden sind mit den Massnahmen, aber sich reinschicken.

Jede Person geht unterschiedlich mit den Regeln und der Situation um. Gerade durch die Dünnhäutigkeit und Gereiztheit geht einem von der eigenen Meinung abweichendes Verhalten eher „auf den Keks“ und der Geduldsfaden reisst früher als sonst. Wenn wir gegenseitig Verständnis haben füreinander, grosszügig sind und anerkennen, dass jede Person auf ihre Art versucht zurechtzukommen, dann finden wir auch weiterhin den gemeinsamen Weg.

Warten auf die Schule

Nun beginnt das grosse Warten auf die Schule. Die Kinder wissen, dass sie in einer Woche wieder zur Schule gehen dürfen. Jeder Tag des Wartens trennt sie nun davon. Der Fernunterricht, das Spielen und Draussen sein, sind zwar okay, aber nach acht Wochen auch etwas monoton. Die Tage ähnlich, ob Wochentag oder Wochenende unterscheidet sich nur durch die Freiwilligkeit der Aktivitäten. Einer unsere Jungs sagte: „Es ist einfach langweilig, also nicht, dass ich zu wenig zu tun habe. Aber es ist nicht das, was ich am liebsten machen würde: Mit meinen Freunden zusammen sein.“

Im Warten bin ich in einem Zustand des Kommenden. Die Toleranz das Nicht-zu-Ändernde positiv zu sehen ist nicht mehr so gross wie zu Beginn der Schulschliessung als alles aufregend war. Routine hat sich eingestellt. Emotionen gehen hoch, weil der Zustand schon länger andauert und das Ziel noch nicht da ist. Antriebslosigkeit zeigt sich, weil der Ersatz nicht das Ziel ist.

Es ist nicht das, was ich am liebsten machen würde: Mit meinen Freunden zusammen sein.

Die Schule findet wieder statt. Erst in einer Woche. Vorfreude und Abwarten können ein Gefühlschaos in den Kindern verursachen.
Wir Eltern können sie dabei unterstützen und Verständnis zeigen. Dabei müssen wir auch unsere eigene Ängste und limitierten Kräfte ernst nehmen.

Ich wünsche dir (und mir!) Geduld mit den Kindern und mit dir selbst für die nächste Woche. Und ich freue mich auch, dass die Schulen wieder öffnen! Gemeinsam gehen wir die Herausforderung an.

Zu diesem Post hat mich ein Gespräch heute Morgen mit meinem Sohn inspiriert und der Nachtclub vom Mi, 29.04.2020, als ein Mädchen um ca. 22.30 Uhr Ralph Wicki anrief, um zu erzählen, dass sie sich so sehr auf die Schule und ihre Freundinnen freut. Hier der Ausschnitt:

Emotional überlastet

Heute Morgen habe ich grundlos angefangen zu weinen. Ich fühlte mich einfach so müde und kraftlos. Meine Beine sind wie Pudding, mein Kopf schmerzt und es ist mir schwindelig. Nein ich habe das Virus (noch) nicht.

Irgendwie war es komisch so auf dem Sofa zu sitzen und die Tränen kullerten mir über die Wangen. Zuerst wollte ich mir nichts anmerken lassen. Die Tränen zurückhalten. Dann dachte ich: „Warum willst du nicht zeigen, dass es einfach zu viel ist?“ Und ich liess den Tränen freien Lauf. Es geht mir jetzt nicht besser, aber ich habe gemerkt, dass ich nun wirklich eine Pause brauche, das Wochenende brauche, um zu schlafen und mich von all den digitalen Geräten und damit von all den Informationen zu distanzieren.

Wie kann ich all die neuen und teilweise sich widersprechenden Informationen verarbeiten?

Eigentlich unlogisch, weil die digitalen Geräte ja zur Zeit der einzige Zugang zu sozialer Interaktion sind. Und es sind ja v.a. die anderen Menschen, die fehlen. Und natürlich für mich als sehr strukturierter Person, die Struktur und Verlässlichkeiten des Alltags. Der regelmässige Wochen-Rhythmus ist dahin.

Wie organisieren wir uns als Familie, wenn alle Zuhause sind?

In meinem Innern ist gerade ganz viel Unsicherheit. Bis heute habe ich funktioniert. Das Funktionieren ist auch Thema in meiner Masterarbeit zum Berufseinstieg von Schulleitungen, welche ich aktuell schreibe. Eine Schulleiterin sagte mir im Rückblick auf ihre ersten drei Monate im Amt:

„Ich habe einfach irgendwie funktioniert und bin glaub einfach geschwommen und habe versucht meinen Kopf über Wasser zu halten und hatte von Nichts eine Ahnung. [ja] Einfach irgendwie gemacht und getan und geschaut, dass das irgendwie funktioniert“ (Fall1_3, Z. 630ff).

Genauso fühlte es sich auch in der letzten Woche an. Ich habe versucht für die Schule, die Lehrpersonen und die Familie da zu sein, probiert positiv zu denken. Es hat ja auch gute Seiten, diese Krise. Wir stehen zusammen. Wir entdecken Neues, gerade online und helfen einander.

Aber doch musste ich mir heute Morgen eingestehen. Ich bin emotional überlastet. Meine Seele kommt mit all den Veränderungen und neuen Anforderungen nicht mit.

Ich brauche halt einfach etwas Zeit.

 

 

Ich habe diesen Beitrag gefunden. Die Acht Warnzeichen halfen mir zu erkennen, dass es nun eine Pause braucht.

Vom Wert des Ärgers

„Du Mami, kann wütend werden auch gut sein?“
„Warum fragst du?“
„Ich wollte vorhin einen Bambusstab absägen, aber es ging nicht gut, dann wurde ich wütend und habe fester gesägt und dann hat’s geklappt.“
„Ja, das kann sein, denn der Ärger setzt als Reaktion auf das Gefühl Energie im Körper frei und darum hat man mehr Kraft, was durchaus positiv genutzt werden kann.“ Einige Minuten später.

„Dann muss ich schauen, dass ich vor dem nächsten Rennen wütig bin, dann renne ich noch viel schneller.“

Für alle, die (wie ich) nicht immer die Ruhe selbst sind und auch mal explodieren, pädagogisch ganz unprofessionell. Macht euch kein schlechtes Gewissen und lest das Buch von Verena Kast „Vom Sinn des Ärgers. Anreiz zu Selbstbehauptung und Selbstentfaltung“. Mir hat`s enorm geholfen mit der aufsteigenden Emotion umzugehen und sie zu akzeptieren als Gefühl, welches wertvoll ist & viel zu oft der Harmonie zu liebe unterdrückt wird.