Wandeltiefe und #FlexSchule

Wandeltiefe meint, wie radikal ein Wandel, eine Veränderung sein darf und soll.

Bezogen auf Raumkonzepte wurde mir der Begriff von Katharina Lenggenhager schulraumentwicklung.ch vermittelt. Sie erklärte uns, dass beim Neudenken von Schulraum die bauliche Eingriffstiefe beachtet werden muss. Dies bedeutet, dass Veränderung nicht als schwarz oder weiss, sondern in einem Kontinuum zwischen: Möbel umstellen, Wand bemalen, und einen Lernort neu bauen besprochen werden können. Zudem macht es Sinn nicht in Sachen und Räumen zu denken, sondern in Tätigkeiten. Was soll in einem Lernraum getan werden können.

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Verben sortiert nach baulicher Eingriffstiefe (Quelle: Katahrina Lenggenhager)

Es liegt auf der Hand, dass schlafen durch die Organisation einer Matratze einfacher möglich ist als klettern, natürlich je nach Ort. Der Kontext, also der Ort, die Situation und die Veränderungsbeteitschaft resp. -druck begrenzen zusätzlich das, was aktuell möglich scheint.

Die verschiedenen Debatten und Initiativen rund um die Veränderung der Schule setzten an ganz unterschiedlichen Wandeltiefen an. Es gibt Initiativen, die grundsätzlich die Abschaffung der Institution Schule wünschen, um das Lernen radikal zu befreien und andere wünschen sich mehr partizipative Strukturen, indem Kinder Schule mitgestalten dürfen. Wieder andere fordern die Lektionen abzuschaffen und die Anfangs- & Schlusszeiten zu öffnen.

Als Schulleiterin einer Volksschule bin ich für die Schule als Institution, weil das System trotz seiner breit diskutierten Mängel doch auch eine Errungenschaft ist. Alle Kinder (Mädchen, Wenigerbegüterte etc.) dürfen (müssen) gratis zur Schule gehen und Grundfertigkeiten lernen, die sie befähigen am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Trotz allem kann ich auch den Wunsch nach Veränderung spüren. Es liegt was in der Luft. Ich bin dafür nicht nur im System, sondern auch am System zu arbeiten. Dazu habe ich einen Entwurf zur #FlexSchule geschrieben. Wen es interessiert, wie Präsenz-& Fernunterricht oder Präsenz-& Heimunterricht kombiniert werden könnten, findet die zwei Papiere unten.

„Die einzige Konstante im Leben ist die Veränderung“, sagte Heraklit. Jedoch haben wir oft Spielraum bei der Wandeltiefe.

 

2020_05_24_FlexSchule_Fern_CC_Web

2020_06_01_FlexSchule_Heim_CC_Web

Warten auf die Schule

Nun beginnt das grosse Warten auf die Schule. Die Kinder wissen, dass sie in einer Woche wieder zur Schule gehen dürfen. Jeder Tag des Wartens trennt sie nun davon. Der Fernunterricht, das Spielen und Draussen sein, sind zwar okay, aber nach acht Wochen auch etwas monoton. Die Tage ähnlich, ob Wochentag oder Wochenende unterscheidet sich nur durch die Freiwilligkeit der Aktivitäten. Einer unsere Jungs sagte: „Es ist einfach langweilig, also nicht, dass ich zu wenig zu tun habe. Aber es ist nicht das, was ich am liebsten machen würde: Mit meinen Freunden zusammen sein.“

Im Warten bin ich in einem Zustand des Kommenden. Die Toleranz das Nicht-zu-Ändernde positiv zu sehen ist nicht mehr so gross wie zu Beginn der Schulschliessung als alles aufregend war. Routine hat sich eingestellt. Emotionen gehen hoch, weil der Zustand schon länger andauert und das Ziel noch nicht da ist. Antriebslosigkeit zeigt sich, weil der Ersatz nicht das Ziel ist.

Es ist nicht das, was ich am liebsten machen würde: Mit meinen Freunden zusammen sein.

Die Schule findet wieder statt. Erst in einer Woche. Vorfreude und Abwarten können ein Gefühlschaos in den Kindern verursachen.
Wir Eltern können sie dabei unterstützen und Verständnis zeigen. Dabei müssen wir auch unsere eigene Ängste und limitierten Kräfte ernst nehmen.

Ich wünsche dir (und mir!) Geduld mit den Kindern und mit dir selbst für die nächste Woche. Und ich freue mich auch, dass die Schulen wieder öffnen! Gemeinsam gehen wir die Herausforderung an.

Zu diesem Post hat mich ein Gespräch heute Morgen mit meinem Sohn inspiriert und der Nachtclub vom Mi, 29.04.2020, als ein Mädchen um ca. 22.30 Uhr Ralph Wicki anrief, um zu erzählen, dass sie sich so sehr auf die Schule und ihre Freundinnen freut. Hier der Ausschnitt:

Emotional überlastet

Heute Morgen habe ich grundlos angefangen zu weinen. Ich fühlte mich einfach so müde und kraftlos. Meine Beine sind wie Pudding, mein Kopf schmerzt und es ist mir schwindelig. Nein ich habe das Virus (noch) nicht.

Irgendwie war es komisch so auf dem Sofa zu sitzen und die Tränen kullerten mir über die Wangen. Zuerst wollte ich mir nichts anmerken lassen. Die Tränen zurückhalten. Dann dachte ich: „Warum willst du nicht zeigen, dass es einfach zu viel ist?“ Und ich liess den Tränen freien Lauf. Es geht mir jetzt nicht besser, aber ich habe gemerkt, dass ich nun wirklich eine Pause brauche, das Wochenende brauche, um zu schlafen und mich von all den digitalen Geräten und damit von all den Informationen zu distanzieren.

Wie kann ich all die neuen und teilweise sich widersprechenden Informationen verarbeiten?

Eigentlich unlogisch, weil die digitalen Geräte ja zur Zeit der einzige Zugang zu sozialer Interaktion sind. Und es sind ja v.a. die anderen Menschen, die fehlen. Und natürlich für mich als sehr strukturierter Person, die Struktur und Verlässlichkeiten des Alltags. Der regelmässige Wochen-Rhythmus ist dahin.

Wie organisieren wir uns als Familie, wenn alle Zuhause sind?

In meinem Innern ist gerade ganz viel Unsicherheit. Bis heute habe ich funktioniert. Das Funktionieren ist auch Thema in meiner Masterarbeit zum Berufseinstieg von Schulleitungen, welche ich aktuell schreibe. Eine Schulleiterin sagte mir im Rückblick auf ihre ersten drei Monate im Amt:

„Ich habe einfach irgendwie funktioniert und bin glaub einfach geschwommen und habe versucht meinen Kopf über Wasser zu halten und hatte von Nichts eine Ahnung. [ja] Einfach irgendwie gemacht und getan und geschaut, dass das irgendwie funktioniert“ (Fall1_3, Z. 630ff).

Genauso fühlte es sich auch in der letzten Woche an. Ich habe versucht für die Schule, die Lehrpersonen und die Familie da zu sein, probiert positiv zu denken. Es hat ja auch gute Seiten, diese Krise. Wir stehen zusammen. Wir entdecken Neues, gerade online und helfen einander.

Aber doch musste ich mir heute Morgen eingestehen. Ich bin emotional überlastet. Meine Seele kommt mit all den Veränderungen und neuen Anforderungen nicht mit.

Ich brauche halt einfach etwas Zeit.

 

 

Ich habe diesen Beitrag gefunden. Die Acht Warnzeichen halfen mir zu erkennen, dass es nun eine Pause braucht.

Freie Schulwahl – Plädoyer für die Volksschule als Lebensort

Im Newsletter des LCH (Verband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz) bin ich auf das Thema freie Schulwahl gestossen.

Dieses Thema wird in der Schweiz aktuell von der elternlobby mittels einer Pedition in diversen Kantonen lanciert. Ihre Behauptung, dass das heutige Schulsystem zwar allen Kindern gerecht werden möchte, aber an Grenzen stosse und „[z]uviele Kinder leiden und können ihr Potenzial nicht entfalten“ sei mal einfach so erwähnt. Schon auf den ersten Blick fällt auf der elternlobby-Website der Bericht der OECD ins Auge. Die OECD ist die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (in Europa). Die OECD ist in erster Linie an einer freien Wirtschaft interessiert und erst in zweiter Linie am Wohle und dem Lernen der Kinder. Auffällig ist dabei schon, warum die OECD so ein grosses Interesse an der Bildung hat.

Ich empfehle euch die Argumente der elternlobby zu lesen und dann auch die Gegenargumente des LCH, um euch ein eigenes Bild zu machen. Dazu möchte ich auch einen Ausschnitt aus dem NZZ Artikel: Wer heute die Schulen regiert,  anfügen, weil er schon eine gewisse Entwicklung aufzeigt, welche ich zumindest für überdenkenswert halte. Dieser Artikel bezieht sich auf das Buch von Richard Münch: Der bildungsindustrielle Komplex. Schule und Unterricht im Wettbewerbsstaat, welches ich aktuell lese. Daher hat mich die Thematik auch gerade so angesprochen.

Zitat aus dem NZZ-Artikel: „die OECD hat seit rund dreissig Jahren sehr wohl einen starken Einfluss auf die Schweizer Bildungspolitik, wie die Erziehungswissenschafterin Regula Bürgi in ihrer Forschung minuziös belegen konnte.

Der damals noch weitgehend unbekannte Andreas Schleicher, ursprünglich Physiker und Statistiker, wurde bereits in den 1990er Jahren regelmässig in Bern gesichtet, auf Besuch beim Bundesamt für Statistik, das Feuer und Flamme für die Idee war, den seinerzeit noch weitgehend autonom laufenden Schweizer Bildungsbetrieb genauer in Zahlen zu fassen. Ein prächtiges Betätigungsfeld! Doch die OECD hatte ein besonderes Problem mit ihrem treuen Mitglied Schweiz. Es fehlte ein Ansprechpartner auf Regierungsebene, denn in diesem föderalistischen Unikum gibt es keinen nationalen Bildungsminister mit Durchgriffsrecht; die Volksschule ist bekanntlich Sache der Kantone. In diesem Vakuum schlug die Stunde der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK), die sich fortan als Scharnier zur OECD etablierte – und damit auch ihre Stellung im Inland gegenüber dem Bund massiv stärkte. Die OECD wiederum baute ihre Vormacht in der internationalen Bildungspolitik aus, indem sie – in Eigenregie, nicht etwa auf Anweisung ihrer Mitgliedstaaten – in den 1990er Jahren Pisa erfand und sich dadurch ihrerseits unentbehrlich machte. (…)

Niemand war in der Schweiz empfänglicher für die Ideen der OECD als Ernst Buschor, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der HSG und selber ein glühender Verfechter von NPM [New Public Management]. Als er in die Zürcher Regierung gewählt wurde und 1995 die Bildungsdirektion übernahm, hatte Buschor sein ideales Feld für Reformen gefunden. Er wollte fortan nicht mehr nur auf den Input achten wie die traditionelle Bildungsverwaltung, die oft aus gelernten Pädagogen bestand, sondern stärker auf den Output. Buschor verlangte mehr Effizienz und pochte auf harte Zahlen dazu, was die Schulen am Ende des Jahres wirklich liefern. (…)

Zentrale Reformen im Geiste von New Public Management waren die Einführung von Schulleitungen, die Beurteilung einzelner Lehrpersonen oder die Evaluierung ganzer Schulen. All dies war in der Lehrerschaft anfangs höchst umstritten, zumal wenn eine Beurteilung lohnwirksam war. Denn so manches, was empirische Bildungsforscher als wichtige Instrumente zur Messung von Qualität sehen, kam bei den Lehrpersonen vor allem so an: noch mehr Berichte, Formulare ohne Ende, sinnlose Bürokratie.“

Die Mehrheit der rund 100 000 Lehrerinnen und Lehrer in der Schweiz hat sich inzwischen mit den Dauerreformen arrangiert, aber es gibt rote Linien. Zum Beispiel jene, dass sich Schulen nicht wie Firmen führen lassen. «Schulleiter sind keine CEO», sagt Jürgen Oelkers. Und die Volksschule ist nicht einfach ein Markt. Der «Turboreformer» Buschor bekam seine Grenzen zu spüren, als das Zürcher Stimmvolk im Jahr 2003 seine im Volksschulgesetz gebündelten Reformen an der Urne versenkte. Auch die Skepsis gegenüber mehr schulischem Wettbewerb ist weiterhin gross. So wurden die diversen kantonalen Initiativen zur freien Schulwahl, die genau dies wollten, in den letzten Jahren überall klar verworfen. Der Markt für Privatschulen bleibt eng, umso fester ist die öffentliche Schule verankert, auch wenn sie teuer ist.“ Zitat Ende.

Die eigentliche Idee von NPM war, die Schulen effizienter und günstiger zu machen. Das Gegenteil ist geschehen. Die Schulen wurden tendenziell, auch durch die zunehmenden Schülerinnen- und Schülerzahlen und die gestiegenen Ansprüche, teurer und die allgemeine Belastung durch die vielfältigen Anforderungen und Ansprüche nahm zu. Was wir heute haben ist ein anspruchsvolles Gebilde bestehend aus sicherheits-liebenden Schulleitungen, belasteten Lehrpersonen, in vielen Kantonen externer und interner Evaluation, Beraterinnen, Controller und Eltern, welche ihrem Kind alle Steine aus dem Weg räumen. Ob es da die beste Idee ist, zum Wohle der Kinder, durch die freie Schulwahl den Wettbewerb anzukurbeln und noch mehr Druck aufzubauen, wage ich zu bezweifeln.

Anstatt die freie Schulwahl zu pushen, könnte man sich auch fragen, wie sich die jetzige Volksschule verändern könnte, dass die Kinder weniger Druck von Eltern und Schule empfinden und die Lehrpersonen wieder mehr Energie haben. Denn schon heute gewähren die Volksschulgesetze und der Lehrplan21 gestaltbaren Spielraum für die Schulen, welcher zur Entlastung und Innovation genutzt werden darf.

Es wäre an der Zeit die Evaluiererei, Dokumentiererei und Testerei runterzufahren, wie es übrigens der Lehrplan21 im Kt. Bern zulässt und einfach zusammen zu lernen. Vieles, was eine Volksschule mit lernförderlichem Klima ausmacht, ist jedoch nicht messbar oder wie Walter Herzog dies bzgl. dem letzten Pisa Test ausdrückt: „Gemessen wird nicht, was pädagogisch wichtig ist, sondern pädagogisch wichtig wird, was sich mit den verfügbaren Instrumenten messen lässt!“

Die Volksschule ist so viel mehr, als Wettbewerb und Messungen. Sie ist ein Lebensort.

Mit einer akzeptierten und geschätzten Volksschule, welche von Eltern, Behörden und einer solidarischen Gesellschaft getragen wird, erleben Kinder eine Schulzeit, welche ihnen Zeit lässt, sie fordert, stärkt und ihnen Möglichkeiten für die Zukunft anbietet. Diese Sichtweise entlastet alle und schafft die nötige Leichtigkeit, Freude und Gelassenheit, welche schlussendlich das Lernen positiv beeinflusst!

In der Volksschule soll Vertrauen, Beziehung und Kooperation vorherrschen und nicht der Wettbewerb.

 

 

 

Mehr Chaos, bitte!

Unsere Welt ist komplex. unvorhersehbar. schnell. spannend. möglich.

Ich habe das Gefühl, dass es Menschen gibt, auch Eltern und Lehrpersonen, denen das Angst macht. Sie reagieren darauf mit Kontrolle. Planung. Anstrengung. Stress.

Die komplexe Welt wird als Belastung erlebt. Entscheidungen zu treffen zur Qual. Reaktionen darauf sind Rückzug. Zynismus. Überwältigung. Ohnmacht.

Oder überbordernder Aktionismus. Aggression gegen Andere (weil die an meiner Unsicherheit schuld sind). Massive Vereinfachung.

Vereinfachung reduziert Komplexität. Wird jedoch dem Umstand nicht mehr gerecht.

Was also tun?
Vertrauen haben in sich und seine Umwelt.
Zufall und Schicksal als Teil des Lebens sehen.
Stabile Beziehungen zu Menschen pflegen.

Und v.a. einfach neugierig sein, was das Chaos des nächsten Augenblicks für Möglichkeiten bereithält und versuchen zuversichtlich in die Zukunft zu schauen.

Es kommt gut!

Erziehung können wir uns schenken

Nachdem ich gefühlte zig-1000 Mal in den letzten paar Jahren dieselben Erziehungs-Situationen erlebt habe, bin ich etwas desillusioniert, was Erziehung angeht. Bringt es überhaupt was, wenn wir unsere Kinder erziehen? Können wir uns den Stress sparen?

Solange ein Kind gegenüber meinen Interventionen und Erklärungsversuchen keine Einsicht zeigt, gibt es keine Verhaltensveränderung, ausser über Zwang & Gewalt, aber dies ist definitiv nicht anzustreben.

Was ist Erziehung?

Unter Erziehung versteht man die pädagogische Einflußnahme auf die Entwicklung und das Verhalten Heranwachsender. Dabei beinhaltet der Begriff sowohl den Prozeß als auch das Resultat dieser Einflußnahme.“ Der Erziehungswissenschaftler Wolfgang Brezinka definiert Erziehung als „Handlungen […], durch die Menschen versuchen, das Gefüge der psychischen Dispositionen anderer Menschen in irgendeiner Hinsicht dauerhaft zu verbessern oder seine als wertvoll beurteilten Bestandteile zu erhalten oder die Entstehung von Dispositionen, die als schlecht bewertet werden, zu verhüten“ (Wikipedia).

Mit Erziehung bezwecken Erwachsene ein Kind, seine Psyche, gezielt zu beeinflussen oder gar zu verbessern. Dies impliziert, dass ein Kind ein unfertiges Wesen ist, das durch Erwachsene optimiert werden muss. Diese Optimierung ist abhängig von den Werten und Normen der Eltern und der jeweiligen Gesellschaft. Ein Kind soll so geformt werden, dass es passt.

Erziehung ist kein Handwerk

Dabei wird aus meiner Sicht vernachlässigt, dass das Kind kein Tonklumpen ist, der sich nach den  Wünschen und Vorstellungen des Töpfers modellieren lässt. Der Ton (Kind) hat ein Eigenleben – Er formt sich selber und wiedersetzt sich dem Töpfer.

Ich habe in den letzten acht Jahren keine Gebrauchsanweisung für Erziehung und das Formen von Kindern gefunden. Was beim einen Kind Einsicht fördert, bewirkt beim Anderen nicht die kleinste Reaktion. Nach meiner Ansicht gibt es keine allgemein gültige Anleitung, wie ein Kind erzogen werden kann, auch wenn uns Ratgeber eines Anderen belehren wollen.

Der Widerstand der Kinder ist ihr Segen

Das ist zwar anstrengend und herausfordernd für Erwachsene, aber für die Kinder ist es ein Segen. Dadurch, dass sich Kinder unseren Wünschen widersetzen und Dinge tun, die sie gerne tun möchten, sind sie sich selber nah. Diese Achtsamkeit gegenüber sich selber, vermissen ganz viele Erwachsene und müssen sie mühsam wiederentdecken (Vielleicht, weil sie uns aberzogen worden ist?). Darum überlege ich mir, ob ich Erziehung im oben definierten Sinne weiterhin anwenden will. Will ich dies meinen Kindern antun, dass sie mir und der Gesellschaft  entsprechen müssen und sich selber unterdrücken sollen?

Dazu habe ich folgende Literatur bestellt:

  • Alice Millers, Das wahre Drama des begabten Kindes & Am Anfang war Erziehung
  • Ekkehard von Braunmühl, Antipädagogik: Studien zur Abschaffung der Erziehung

Meine Theorie ist noch in keiner Art und Weise ausgereift. Meine Gedanken kreisen darum, dass es Regeln braucht, die das Zusammenlegen ermöglichen (Hannah Arendt) zudem braucht es eine neue Art der Beziehungsgestaltung (Paulo Freire), Wertschätzung der Gefühle (Alice Millers) undeine grosse Portion Verhandlungskompetenz (Robert Selman). Wenn ich weiter überlegt habe, werde ich einen weiteren Text schreiben.

Falls dich das Thema auch interessiert und du dir auch schon mal überlegt hast mit dem Erziehen aufzuhören, dann freue ich mich über deinen Kommentar.

Ich wünsche dir eine gesegnete Adventszeit und vielleicht schenkst du dir zu Weihnachten die Erziehung (oder allenfalls mal eine Erziehungspause)!

Lieber Samichlaus

Der 6. Dezember ist dein grosser Tag. Ein Tag, den die Kinder herbeisehnen und auch die Eltern in eine nostalgische Stimmung versetzt. Es ranken viele Legenden, um deine Herkunft. In den einen bist du ein reicher Waisenjunge, der seinen Gewändern Taschen annähen lässt, um den armen Kindern Mandarinen und Nüsse bringen zu können (Morgenthaler, 1971). In einer anderen Überlieferung geht dein Besuch bei den Kindern auf das Gleichnis der anvertrauten Talente aus der Bibel zurück, wo du die Kinder befragst, ob sie brav und fromm seien.

Noch heute beinhaltet dein Besuch eine Beurteilung des Verhaltens der Kinder. Hast du dir schon mal überlegt, was dies für die Kinder bedeutet? „Ein Kind, das die bewussten oder unbewussten Wünsche der Eltern erfüllt, ist ein „gutes“ Kind; wenn es sich aber weigert, dies immer zu tun und eigene Wünsche hat, die den elterlichen zuwiderlaufen, wird es als egoistisch und rücksichtslos bezeichnet“ (Miller, 2016, S.9). Böse, berechnende, faule und eifersüchtige Kinder bekommen von dir die Rute.

Weisst du, was mit Kindern (später den Erwachsenen) passiert, die nie ihre Gefühle, wie Eifersucht, Zorn, Verlassenheit, Ohnmacht und Angst zeigen und ausleben durften? Solche Kinder verlieren den Zugang zu ihren echten Gefühlen und damit ihr wahres Selbst. Sie verleugnen sich und ihre Emotion, um den Eltern und auch dir zu entsprechen. Die Kinder versuchen sich damit die Liebe der Eltern und auch deine Anerkennung zu verdienen.

Bist du wirklich der Meinung, dass nur anständige und verständnisvolle Kinder deine Zuneigung verdienen? Brauchen nicht auch Kinder, die eben nahe an ihren Gefühlen sind und diese auch zeigen genauso viel Liebe und Anerkennung?

Lieber Samichlaus, ich hoffe, dass du in diesem Jahr keine Ruten verteilt und bei allen Kindern viele ermutigende Worte aus deinem grossen Buch vorgelesen hast. Worte, die den Selbstwert und die Selbstannahme der Kinder stärkten. Nur wer sich selber wirklich liebt, kann auch andere lieben (ebd., S.10).

So wie sich deine Geschichte in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder gewandelt und zurückbesonnen hat, könnten wir deine Legende nach der Idee von Verena Morgenthaler zu Ende erzählen: „Nikolaus schritt durch die Strassen, warf seine Gaben unter die Menge und machte diesen Tag zu einem grossen Fest“ (Morgentahler, 1971).

Ich wünsche dir eine festliche und nachdenkliche Adventszeit!

 

Quellen:

  • Beitragsbild: Morgenthaler, V. (1971). Die Legende vom St. Nikolaus. Zürich: Orell Füssli Verlag. -> vergriffen
  • Miller, A. (2016). Das wahre Drama des begabten Kindes. und die Suche nach dem wahren Selbst (30. Auflage). Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.

Positives Kopfkino

Ich sass in einem Café und habe gearbeitet. Das tue ich manchmal, weil es dort feinen Café gibt und ich mich auswärts besser auf eine Sache konzentrieren kann, als zu Hause, wo mich öfters was ablenkt. Arbeiten im „third place“ (Ray Oldenburg) sozusagen. Als ich so da sass, las und schrieb, lenke sich meine Aufmerksamkeit auf eine Diskussion an einem der anderen Tisch.

Die Leute diskutierten über ein Kind, das anscheinend an einem Nachmittag alleine Zuhause war, alleine die Hausaufgaben machte und sich dann bei einem Nachbarn Hilfe holte, weil es bei einer Aufgabe nicht weiter wusste. Die Personen am Nachbartisch hielten sich darüber auf, dass beide Eltern viel arbeiten würden und deshalb das Kind alleine lassen sei, das gehe ja gar nicht, das würden sie nie tun.

Ich sass so da und stimmt innerlich mit ihnen überein, als sich plötzlich eine andere Stimme in meinem Kopf bemerkbar machte, die mich frage: „Und wenn die Eltern es doch gut machen?“ Ich sann darüber nach und da kam mir die Technik des Umdeutens aus dem lösungsorientierten Ansatz in den Sinn. Ich versuchte in einem positiven Kopfkino die Situation umzudeuten.

Die Eltern des Kindes kennen ihr Kind sehr gut und trauen ihm zu eine gewisse Zeit alleine zu sein. Das Kind kann das und hat nichts dagegen (vielleicht schätzt es sogar die Zeit ohne Eltern). Das Kind ist ausserordentlich zuverlässig und selbstorganisiert, sonst hätte es nicht ohne Hinweis seiner Eltern selber die Hausaufgaben begonnen. Das Kind hat anscheinend gute Ressourcen ein Problem zu erkennen und sich entsprechende Strategien sich Hilfe zu holen.

Wenn die Situation so betrachtet wird, dann hatte das Kind eine unglaubliche Lernmöglichkeit in dieser Alleine-Zeit. Es hat Selbstwirksamkeit erfahren und konnte am Abend seinen Eltern von den Erlebnissen erzählen, die es selber gemeistert hat. Die Eltern können stolz sein auf ihr Kind.

Ich finde, dass wir unseren Kinder etwas zutrauen dürfen. Wir müssen sie nicht vor der Welt beschützen, sondern sie in die Welt hinaus begleiten. Ohne die Eltern zu kennen und zu wissen, ob meine Umdeutung einen wahren Kern haben könnte, würde ich sagen, dass wir doch bevor wir eine Situation negativ beurteilen, auch vom Positiven ausgehen könnten.