Das schwierige Kind

Heute sprachen wir über ein sogenannt „schwieriges Kind“, das den Unterricht stört, indem es sich unruhig verhält, nicht still und alleine sein kann, reinschwatzt, andere Kinder beim Arbeiten stört, Aufträge nicht korrekt ausführt, sehr langsam arbeitet und meist nur, wenn jemand daneben sitzt. Solche Kinder gibt es wohl in jeder Klasse.

Wenn ich jeweils so Auflistungen zu lesen bekomme, stelle ich mir ein Kind vor, das neugierig auf die Welt schaut und seine kleinen Entdeckungen mitteilen will, sich gerne bewegt und unbeschwert von Regeln durch die Welt mäandert. Dann überlege ich, dass das Kind sicherlich auch Vieles gut macht, was man als Ressource beiziehen könnte… gleichzeitig verstehe ich sehr gut, dass dieses Verhalten ein enormes Herausforderungs-Potential für Erwachsene, seien es nun Eltern oder Lehrpersonen, hat, da es unberechenbar ist und einer geheimen inneren Struktur folgt.2018_10_23_Schule_unterrichten_mäandern

In einer Gruppe ist es nicht immerzu möglich, dass jedes Kind seiner geheimen Struktur folgen kann. Um ein gutes Miteinander zu ermöglichen, braucht es Abmachungen und Regeln, was zwangsläufig das Mäandern kanalisiert und Überschwappungen produziert.

Freire – Pädagogik der Unterdrückten

Letzte Woche haben wir an der Uni den Denker Paulo Freire, Pädagogik der Unterdrückten studiert. Ich habe keinen Zugang zu diesem Gedanken-Konstrukt gefunden, das besagt, dass es Unterdrücker und Unterdrückte gibt. Dass dieser Zustand für beide Seiten unmenschlich sei und sich die Unterdrückten gegen die Unterdrücker auflehnen sollen und nur sie durch ihren Widerstand das Menschliche zurückerobern können. Gleichzeitig sind die Personen mit Macht (also die Unterdrücker oder eben auch Lehrpersonen, Eltern) für den Prozess verantwortlich. Die Personen mit Macht sollen mit allen Mitteln verhindern, dass sie in eine Unterdrücker-Rolle geraten. Inhaltlich sollen sich Erwachsene und Kinder auf Augenhöhe begegnen und in einem wechselseitigen Dialog Erkenntnis erschaffen.

Das würde für unsere Situation mit dem „schwierigen Kind“ heissen, dass nicht in erster Linie beim Kind hingeschaut werden muss, sondern bei der erwachsenen Person, denn diese ist für den Prozess verantwortlich. Hier in der Folge aufgezeigt am Beispiel der Schule. Dieselbe Denkweise kann auch für Eltern und andere asymmetrische Beziehungen angewendet werden.

Die Lehrperson bestimmt den ersten Schritt

Wenn man Freire ernst nimmt, dann muss der erste Schritt sein, dass die Lehrperson bei sich und dem Kind genau hinschaut, was sie mit ihrem Verhalten beim Kind auslöst. Versteht das Kind den Auftrag nicht, weil sie ihn nur mündlich erteilt und das Kind Mühe hat nur über das Gehör Informationen aufzunehmen. Müsste sie dem Kind die Möglichkeit geben den Auftrag visuell erfassen zu können?  Arbeitet ein Kind langsam, weil es sehr genau arbeitet oder weil es Mühe hat sich am Arbeitsplatz zu organisieren? Bräuchte es von der Lehrperson Strukturierungs-Hilfen? Hat sich die Lehrperson von einer Fachperson beraten lassen, was die zig Gründe für das beschrieben Verhalten sein könnten und angefangen verschiedene Strategien zu erproben? …. Jedes Kind ist einzigartig und der Auftrag der Lehrperson ist es, so gut wie möglich, den Zugang zu den Kindern zu finden, sich in ihrer Rolle als Lehrperson den Bedürfnissen des Kindes anzunähern.

Wenn die Lehrperson hofft, dass sich ein Kind ändert, ist sie abhängig vom Kind. Bei sich selber hinzuschauen ermöglicht unmittelbar in die Aktivität überzugehen und der Ohnmacht keinen Raum zu geben.

R. Selman beschreibt in seiner Pyramide der Interpersonalen Verhandlungsstrategien (Folie 33) die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme in zwei Orientierungsmodi: Selbstveränderung und Veränderung des Anderen. In einer Situation, wo die Lehrperson ein Kind als schwierig wahrnimmt, kann sie sich entscheiden in welchem Modus sie die Situation  anschauen will, ob sie die Perspektivenübernahme mit der Brille:

  • Ich finde heraus, was das Kind braucht und gebe ihm das (Selbstveränderung) oder
  • Ich zeigen dem Kind, was ich will und es muss das lernen (Veränderung des Anderen) anschauen will.

Wie oben beschrieben ist die Lehrperson in der Position der Macht und daher wird von ihr verlangt, dass sie entscheidet, wie die Situation gelöst werden kann. Wenn die Lehrperson hofft, dass sich ein Kind ändert, ist sie abhängig vom Kind. Bei sich selber hinzuschauen, ermöglicht unmittelbar in die Aktivität überzugehen und der Ohnmacht keinen Raum zu geben. Dies scheint im ersten Moment schwerer zu sein, aber führt längerfristig zu einer Erweiterung des Handlungsrepertoires der Lehrperson, was schlussendlich ihr selbst und auch anderen Kindern zu Gute kommt.

Und für mich hat das „schwierige Kind“ einen ersten Zugang zu Freire ermöglicht.

Im nächsten Beitrag schaue ich auf die „schwierige Lehrperson“.

Die Rolle von Dilemma & Freiheit

Jeder Mensch nimmt in seinem Leben verschiedene Rollen ein. Das Wort Rollen kommt dabei aus dem Theater, aber meint hier keine künstliche Rolle, die ich spiele, sondern verschiedene soziale Ausprägungen meines Selbst, in denen ich mich bewege, mich entsprechend verhalte und von eigenen, fremden und unausgesprochenen Erwartungen beeinflusst werde oder eben auch Andere beeinflusse. Dahinter steckt das Modell der Sozialisation.

Was ist Sozialisation?

 «Sozialisation ist ein eher unbewusster Vorgang. Er vollzieht sich im Wesentlichen über die Erwartungen anderer und die negativen wie positiven Sanktionen, mit denen das Individuum im Anschluss an sein Verhalten konfrontiert wird (…) Sozialisation ist also im Kern die Anpassung des Menschen an und durch seine soziale Umwelt» (Reheis, 2016, S. 80f).

 

In meinen Rollen passe ich mich mehr oder weniger den Erwartungen der Gesellschaft an. Die verschiedenen Rollen zeigen sich, wenn ich an einem gewissen Ort bin, spezifische Arbeiten erledige oder einfach mental mich in diesem Denkkreis befinde. Dies führt in unserer Familie teilweise zu Konflikten, wenn ich den Rollenwechsel nicht schnell genug vollziehen kann. Unten seht ihr als Beispiel meine Rollenblume.

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Wenn ich beispielsweise nach Hause komme und die Kinder mich in der Rolle als Mutter ansprechen, aber mein Kopf ist noch an der Uni ist. Ich hirne weiter einem Sachverhalt nach und fühle mich durch die Kinder «belästigt» da ich in meiner Rolle als Mutter noch nicht auf «Empfang» geschaltet habe, mich jedoch am Ort «Zuhause» aufhalte, wo diese Rolle am ausgeprägtesten ist. Meist reagiere ich dann nicht sonderlich einfühlsam auf die Erwartungen der Kinder, da sie mich gegen meinen Willen in eine andere Rolle zerren.

Die Ausnahme

Im Buch von Reheis (2016, S. 81) wird ein spannender Sachverhalt erklärt und zwar, dass sich Sozialisation weitestgehend unseren eigenen Vorstellungen und Aktivitäten entzieht, also wie oben beschrieben meist unbewusst passiert. Es gibt jedoch eine Ausnahme-Situation, wo die Person frei entscheiden kann.

«Sie wird nur dann möglich, wenn das Individuum mit Rollenerwartungen konfrontiert ist, die sich gegenseitig ausschließen, und wenn zusätzlich die Sanktionen, die im Falle des Nichterfüllens der Erwartungen drohen, gleich stark sind. Genau in dieser insgesamt seltenen Situation kann sich das Individuum frei entscheiden (Reheis, 2016, S.81).

Ich musste den Abschnitt mehrmals lesen und dann aufzeichnen, um zu verstehen, was gemeint ist. Die gegenüberstehenden Rollenerwartungen stellen für mich eine Dilemma-Situation dar. Es gibt somit keinen guten Ausweg ohne Konsequenzen. Wenn nun die Konsequenzen (hier Sanktionen) gleich gross sind, bin ich zwar in einer sch…. Situation, aber gleichzeitig maximal frei, denn ich verliere sowieso, also kann ich mich frei entscheiden.

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Für mich ist das paradox: Erst im Dilemma (maximale Gefangenschaft der Umstände) bin ich in Freiheit (maximale Freiheit in der Entscheidung). Wenn wir uns in diesem Dilemma-Freiheit-Paradox befinden nennt G. H. Mead dies «role-making», wir gestalten uns unsere Rolle selbst. Wir entscheiden, was in dieser Situation zu tun ist und wie wir unsere Rolle interpretieren. Demgegenüber steht das üblichere «role-taking», wo eine erwartete Rolle übernommen wird, was nicht gewertet werden soll. Die Anpassung an die Rollenerwartungen vereinfacht die Kommunikation und macht die Begegnung von Menschen im Alltag berechenbar. Bewirkt also eine gewisse Stabilität der Gemeinschaft mit dem Nachteil, dass diese fixen Denkmuster Vorurteile bergen und Möglichkeiten einengen können.

Für jeden Einzelnen stellt sich fortlaufend die Frage nach der Balance zwischen Individuum und Kollektiv:

  • Wie gesellschaftskonform will ich sein? Den Rollen-Erwartungen entsprechen, dafür meine Vorstellungen zurückstellen
  • Wie fest ICH will ich sein? Den Rollenerwartungen nicht entsprechen, dafür meinen Vorstellungen folgen